Perle der Empore - Auftrag erteilt...
...aber mal im ernst: war die alte orgel wirklich so unglaublich schlecht, wie auf der seite des fördervereins "perle der empore" zu lesen? ich finde es immer wieder amüsant, wie neue orgeln regelmäßig damit begründet werden, die alte sei die schlechteste orgel aller zeiten -- obschon oft noch gar nicht wirklich alt.
Ich möchte hierzu gerne meinen Beitrag zu dieser Orgel aus dem Jahr 2009 noch einmal in Erinnerung rufen. Damals noch im alten OF gepostet, fand ich ihn kürzlich auf meiner Festplatte wieder und möchte ihn noch einmal zugänglich machen. Ich kopiere ihn in eine separate Antwort. Viele deiner Fragen werden dort beantwortet.
so hier:
Gemäß der Maxime „viele Register für wenig Geld” entstand, ganz dem Zeittrend entsprechend, unsere große Orgel.
Großvolumige Register kosten Geld, also disponierte man sie so sparsam wie irgend möglich und baute sie aus Zink - billigem Material.
So formuliert man es, wenn man es "dem Volk" verkaufen möchte. Man hat ja damals nicht deshalb nur 2 Achtfüßer in jedes Manual gestellt, weil man für den dritten und vierten kein Geld gehabt hätte, vielmehr entsprachen diese Dispositionen ja der damaligen Praxis. Schließlich gab es ja hier tatsächlich auf 3 Manualen 6 labiale 8'-Register, das muss man sonst damals bei dieser Orgelgröße erst einmal suchen! Und ich glaube schon, dass es 1958 auch noch andere Orgelbauer gab, die auf "billiges Material" ausweichen musste...
Zusätzlich wandte man einen akustischen Trick an und baute die tiefsten zwölf Pfeifen fast aller Grundregister gedeckt und noch enger mensuriert als die restlichen 44 Pfeifen. So sparte man Höhe und Geld, die Klangeinbußen in Kauf nehmend.
Das hat man ja schon immer gemacht und macht man auch noch heute. Allerdings kann ich mich nicht mehr erinnern, ob hier so starke Mensurwechsel eingearbetet waren.
Die Pfeifen sind dünnwandig und von enger Mensur: Der Klang ist mager, dünn, spitz, sparsam eben, dazu blass, charakter- und belanglos. Und das ist eigentlich noch viel schlimmer.
Dem Zeitgeschmack geschuldet ist die Verwendung eines extrem niedrigen Winddrucks, was die Volumenarmut des Klangs von vornherein begünstigt. Windkanäle und Bälge sind entsprechend knapp dimensioniert. Auch hier siegte die Sparsamkeit: Pappe und Kunststoff ersetzen das traditionelle massive Holz. Die Windkanäle sind Drainagerohren nicht unähnlich.
Ebenfalls selbstverständlich baute man eine - Geld und Platz sparende - elektrische Traktur, alles andere war unmodern. Selbst hier wählte man die damals gängige billigste Lösung der einfachen Kontaktauslösung im Spieltisch, die jedes Spielgefühl im Ansatz erstickt.
Gibt es tatsächlich in anderen rein elektrisch traktierten Orgeln von 1958/65 schon Druckpunktsimulationen? Oder gar proportionale Trakturen? Hier wird der Orgel zum Nachteil angerechnet, dass man sie mit damals dem Stand der Zeit entsprechender Technik ausgestattet hat.
In diesen Qualitätskanon reiht sich das Gehäuse nahtlos ein: Es ist aus Klang absorbierendem Sperrholz. Zudem kontrastiert es bewusst mit der gotischen Architektur des Raumes.[/i]
meine hervorhebung: ein wunderbarer satz. wie haben die das in gießen nur fast ein halbes jahrhundert lang mit dieser orgel ausgehalten?!
Vermutung (!)[/i]: Man hatte zunächst Kantoren/Organisten, die sich genau dieses Instrument so gewünscht und mit geplant hatten. Dann hatte man eine Kantorin, die sich an die Orgel setzte und spielte, vielleicht, ohne sich zu kümmern (ihr persönlicher Schwerpunkt lag - so kam es jedenfalls für mich rüber - auf einer großartigen Chorarbeit!). Und nun hat man einen neuen Kantor... (einige Jahre schon, zu seinen Leidenschaften s. mein Post von 2009).
ganz klasse auch der vergleich der windkanäle mit drainagerohren. wobei ich den wirklich unfair finde: ob und welchen einfluß das material auf den klang der pfeifen hat, ist ja manche ehrenwerte diskussion wert. aber WINDKANÄLE??
und proportionale elektrische trakturen sind doch immer noch ein novum -- einem orgelbauer von 1965 vorzuwerfen, seine elektrische traktur ersticke "jedes spielgefühl im ansatz" ist doch wohl auch ziemlich absurd. förster & nicolaus hätten sicher auch was mechanisches geliefert, wenn man damals schon so spendabel gewesen wäre wie offenbar jetzt.
Die benachbarte Petruskirche zeigt, dass auch eine Mechanik dieser Zeit "am Ende" sein kann. Das ist nicht unbedingt ein Argument. Zumal eben auch die Werkstoffe für mechanische Trakturen damals nicht dem entsprechen, was man heute (wieder) für sinnvoll erachtet.
es kann natürlich trotzdem sein, daß die f&n-orgel nicht besonders gut war. gibt es hierzu meinungen? und was passiert übrigens mit dem abgebauten instrument?
1. Frage siehe mein Post aus 2009, 2. Frage: Es wurde ja schon geantwortet, dass es nach Polen abgegeben wurde. Das ist doch absurd: Für unsere Gemeinde schreibt man Argumente auf, warum das Instrument nichts mehr taugt und nicht gerettet werden kann, aber in Polen kann es sehr wohl offensichtlich gute Dienste leisten... Das ist eine ganz neue Definition von "Mülltourismus".
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- Perle der Empore - Auftrag erteilt... - jrbecker, 10.06.2013, 08:44
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- Perle der Empore - Posting vom Januar 2009 - jrbecker, 10.06.2013, 21:57
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