neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3

jrbecker @, Samstag, 23. Juni 2012, 22:52 (vor 5178 Tagen) @ kjz1

Bitte entschuldigt, dass ich einen so alten Faden noch einmal aufmache, "besondere Umstände" bewegen micht dazu.

Am vergangenen Wochenende lernte ich einen ehemaligen Mitarbeiter (OBM) der Erbauerwerkstatt dieser Orgel kennen. Wir machten eine Tour zu drei historsichen Orgeln im näheren Umfeld und an der dritten Kirche angekommen, kramte er in seinem Handschuhfach herum. Eigentlich hätte er gedacht, dort noch eine CD der Licher Marienstiftskirche zu haben, war aber nicht so. Statt dessen zauberte er eine Aufnahme des Einweihungskonzertes von Ludger Lohmann hervor, das dieser am 28.11.2010 in der Florinskirche Koblenz gegeben hatte und schenkte sie mir...

Eine schöne Überraschung, und die CD schob ich natürlich auf der Heimfahrt gleich in den CD-Player...

Die CD bestätigt das hier schon gesagte: Das Fehlen fast jeglicher Akustik ist deutlich zu hören und selbst auf der Aufnahme empfinde ich das als den Hauptgrund dafür, dass mich keines der gespielten Stücke wirklich mitreißt.
Hier nochmal kurz das Programm in der Abfolge:
- BWV 552
- BWV 645
- Reger - Fantasie und Fuge über Wachet auf
- BWV 650
- Dupré - Variation sur un Noel

Bei BWV 552 habe ich im Praeludium den Eindruck, dass Lohmann noch so spielt, als würde er in der Kirche noch eine Akustik erwarten. Vieles ist mir zu "abgehackt". Ich wünsche mir an diesem Stück an meiner _modernen_ Orgel auch ein wenig mehr dynamische Differenzierung - z. B. dass die Pedalzunge bei den Echostellen einmal weggenommen werden könnte. (Die Geister streiten sich ja darum, ob dieser eine Ton überhaupt ein Pedalton sei. Die Alternative wäre bei dieser Registerierung hier auch eine gute Idee gewesen!) Die Fuge - die auch mit der einmal eingestellten Registrierung durchgespielt wird - gefällt mir aber von der Phrasierung her wesentlich besser.

Solide und dem Raum und Instrument angemessen interpretiert sind meiner Meinung anch die beiden Schübler-Choräle. Bei "Wachet auf" ist wohl das Cromorne die Solostimme, da könnte ich mir auch eine der Trompeten (HW oder SW) vorstellen.

Reger und Dupré - Ojé... - Nein, nein, nicht der Interprestation wegen, sondern vielmehr, weil diese Stücke sind, mit denen ich mich bisher noch nie beschäftigt habe. Ich habe ja hier schon öfter manifestiert, dass ich kein Reger-Fan bin und ich muss sagen: Auch diese Aufnahme überzeug mit nicht davon, dass ich mich mit Regers Orgelmusik beschäftigen müsste: sie reißt mich nicht vom Hocker. Ich habe aber einmal vergleichend gehört und diese Aufnahme hier dagegen gehört. Klar hat diese Orgel noch mehr Möglichkeiten, vor allem steht sie in einem über Akustik verfügenden Raum. Aber: Die hier verlinkte Woehlin scheint mir vom Grundklang her weicher, biegsamer, geschmeidiger zu sein und ich werde das Gefühl nicht los, dass das für Regers Orgelwerke eine bessere Klanggrundlage sein könnte, als der - auf der CD meinem Empfinden nach eher hart wirkende - Klang der Florinskirchenorgel. Auch die Woehlin hat die notwendige Kraft für diesen großen Raum, in Koblenz ist es ja wohl eher anders (wenn ich das mal aus dem Kopf zitiieren darf: angezogene Bremse für den kleinen Raum). Dafür dass in Koblenz intonatorische Zurückhaltung geübt worden sein könnte, kommen mir gerade die leisen Stellen mit Schwebung zu direkt rüber... (Wobei ich nicht ausschließen kann, dass es an der Aufnahmetechnik liegt...)

Bei Dupré dagegen habe ich den Eindruck, dass hier alles passt: Tempi, Dynamik, Registrierung sind hier meiner Meinung nach sehr gut getroffen. (Nur ein wenig mehr Legato zum Ausgleich der fehlenden Akustik wäre hier vielleicht wieder angebracht gewesen.)

Und hier klingt die Orgel auch besser zum Stück passend, charakteristischer als bei Reger. Auch hier habe ich - da ich auch dieses Stück noch nicht näher kannte - einmal in andere Aufnahmen hineingehört. Und tatsächlich kann man da Beispiele aus Deutschland, oder Frankreich anhören und kommt zu dem Schluss: Da kann die Florinsorgel in Beziehung zu dem Raum, in dem sie steht, durchaus mithalten. Bitte nicht falsch verstehen: Ich meine hier nicht einen direkten Vergleich der Orgeln, sondern vielmehr die Tatsache, dass bei dieser Musik von Dupré der Klang der Orgel viel eher so kommt, wie ich es mir erwarten würde, als dies bei Reger der Fall ist. (Übrigens gibt es das Stück auch auf der eben schonmal zitierten Woehlin.)

Was will ich nun mit diesem Roman sagen? Ich möchte ihn mit einer Frage abschließen: Wie hat sich die Orgel denn nun in den letzten 1 1/2 Jahren in Konzerten bewährt? Was wird auf ihr gespielt? Bewahrheitet sich im Live-Eindruck derjenige, den ich beim Hören der CD bekommen habe? Ist die Orgel tatsächlich für französische (romantische und moderne) Musik besser geeignet als für Reger?

Grüße
Jörg


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