Erfahrungsbericht und Ausblick: Möglicher Orgelneubau in Münchner Innenstadt?
Wenn auch nur in einem Nebensatz bemerkt, so ist das Vorhaben eines Orgelneubaus in der Münchner Theatinerkirche nun auf offizieller Seite zu lesen: "Baustellen gibt es viele. Ich denke, wir müssen das Projekt Kirchenheizung angehen und uns in den nächsten Jahren an eine neue Orgel machen." (Zitat Pater Martin OP)
Auch wenn das Vorhaben erst in der Anfangsphase steht, so kann man diesen Schritt der Gemeinde und des Klosters nur begrüßen - ist die Theatinerkirche doch eine der überregional bekannten und repräsentativen Kirchen Münchens, die jeden Tag mit einer oder am Wochenende gleich mehrerer Heiliger Messen bespielt wird. Als Hofkirche ist sie neben dem Dom und St. Michael eine der letzten Ruhestätten der Wittelsbacher, darunter die ehemaligen bayrischen Könige Max-Joseph I., Max II. sowie der Prinzregent Luitpold.
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Da ich die bisherige Orgelanlage durch einige Orgelvertretungen ganz gut kennenlernen durfte, möchte ich dies für einen kurzen Erfahrungsbericht nutzen und meine Gedanken zur bisherigen und einer möglichen zukünftigen Orgelanlage teilen:
Wer die Theatinerkirche bereits einmal besucht hat, der weiß, dass es kaum eine Wandfläche gibt, die nicht kunstvoll mit Stuckarbeiten gestaltet ist. Und hierbei stoßen wir auf das erste und definitiv gravierendste Problem der bisherigen Orgel: Den Standort.
Hier ein Blick zur "Westfassade" [recte: Ostfassade, die Theatinerkirche ist gewestet"], die für einen Orgelstandort kategorisch ausgeschlossen war und ist.
Aus diesem Grund stellte bereits Franz Borgias Maerz 1902 seine mit II/28 eher kleine Orgel an die Stirnwand der Apsis unter das große Altarbild:
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Auch die 1960 von Ludwig Eisenbarth mit elektropneumatischen Taschenladen errichtete Hauptorgel befindet sich an diesem Platz in der Apsis, die mit einem mehr oder minder provisorisch wirkenden Paravent vom eigentlichen Chorraum abgetrennt ist:
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Die heutige Orgelanlage besteht aus zwei Instrumenten mit insgesamt 66 Registern, die gemeinsam von einem fünfmanualigen Spieltisch angesteuert werden können (seit dem Umbau der Mariahilf-Orgel durch Jann 2018 auf IV statt V ist der Theatiner-Spieltisch übrigens derzeit der einzige im Betrieb befindliche Fünfmanualige in München):
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Der in der Tiefe gestaffelte Freipfeifenprospekt wächst aus einem erheblich breiteren "Gehege" heraus und ist ausschließlich auf die Frontalansicht aus der Ferne ausgelegt. Das führt bei seitlicher Ansicht in die Orgel zu einem ganz ulkigen Anblick: So beginnt die farbliche Gehäusefassung erst ab der sichtbaren Höhe und die Prospektpfeifen stehen nicht in der Front, sondern mitten in der Orgel:
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Das letzte Foto offenbart ein weiteres konstruktives Problem der bisherigen Hauptorgel: Das Pfeifenwerk steht extrem niedrig, teilweise auf Hüfthöhe. Mittig befindet sich das Positiv (I. Manual) in Ober- und Unterlade geteilt, rechts und links davon das Hauptwerk (II. Manual) jeweils in Vorder- und Hinterlade geteilt. Das Schwellwerk (III) ist ganz hinten an der Rückwand aufgestellt.
Der Klang der ohnehin nicht sonderlich kräftigen Orgel kommt also "aus der Hüfte", trifft auf seinem Weg in die Kirche erst einmal auf den Paravent und durchquert anschließend den Chorraum. Was es bis zur Vierung geschafft hat, wird anschließend durch die monumentale Kuppel nach oben abgesaugt, wie durch einen Staubsauger. Die ersten Kirchenbänke beginnen erst nach der Vierung im Langhaus. [Anmerkung: Ich kenne KBKs Riesenfernwerk leider noch nicht mit eigenen Ohren, behaupte aber die Theatinerorgel schafft es in diesem Punkt jedenfalls erheblich Konkurrenz zu machen].
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...gut, dass sie nicht alleine ist: Es gibt zum Glück ja noch die kleine Seitenorgel II/17 von Carl Schuster aus dem Jahr 1948, dessen Instrumente ebenfalls für ihre schwachbrüstige Intonation bekannt sind. Die Schuster-Orgel befindet sich nahezu unsichtbar in einer Kammer im vorderen rechten Langhaus. Sie verfügt über einen eigenen zweimanualigen Spieltisch in der Vierung und wird zudem von den Manualen IV. und V. des Generalspieltisches angespielt. Auf dem Weg zu diesem muss der Klang der Seitenorgel denselben Spießrutenlauf in anderer Laufrichtung überstehen - folglich kommt am Hauptspieltisch nahezu nicht mehr als ein weit entferntes, kaum hörbares Säuseln an. Für die Gemeindebegleitung wird der Schuster-Seitenorgel aber eine erhebliche Relevanz zu Teil. Ihr Standort ermöglicht eine optimale Klangabstrahlung ins Langhaus, sodass sie den Gemeindegesang führen kann, was der Hauptorgel nicht in diesem Maße gelingt und wovon ich mich selbst bereits als Messbesucher an verschiedenen Sitzplätzen im Langhaus überzeugen konnte. Beim liturgischen Orgelspiel läuft die Schuster-Orgel also immer mit, auch wenn sie am Hauptspieltisch nicht wahrzunehmen ist.
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Flute Celeste hat die nachgerüstete Setzeranlage bereits vor neun Jahren hier beschrieben. Auch wenn sie prinzipiell ein nettes zusätzliches Feature darstellt, so halte ich sie persönlich im Alltagsgebrauch für wenig praktikabel, muss man doch die Register über den Laptop per Mausklick setzen, was entsprechende Vorbereitung und vor allem Zeit erfordert. Bei größerer Literatur könnte ich mir vorstellen damit zu arbeiten, für die Gottesdienstgestaltung nutze ich persönlich die drei freien Kombinationen und komme gut damit zurecht. Allerdings häufen sich Ton- und Registerausfälle, die Kontakte des IV. und V. sind aufgrund der seltenen Nutzung besonders oxidiert und die beiden obersten Manuale damit faktisch nicht ohne Einschränkungen spielbar. (Hier geht's übrigens zur Disposition der Orgelanlage.)
Zwischenfazit: Die heutige Doppelorgelanlage ist also bedingt sowohl durch planerische Mängel (wie z.B. der Standort und die Windladenaufstellung), als auch durch den derzeitigen Zustand ein Instrument, das nicht gerade dankbar zu bespielen ist und im Vorfeld eine besondere Auseinandersetzung mit ihm und dem Raum erfordert. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass man bei einer technischen Überarbeitung der beiden Orgeln in einem anderen (kleineren) Kirchenraum durchaus Freude haben könnte!
Schmunzelnd hatte ich am Spieltisch schon oft den Gedanken, dass diese Kirche mitsamt Orgelanlage genauso auch in Rom stehen könnte - sowohl architektonisch, als auch was Art und Zustand des Instruments betrifft.
Wie könnte es nun weitergehen? Für eine zukünftige Orgel wäre immer noch die Standortfrage das drängendste Problem. Ausgehend von den oben beschriebenen Erfahrungen würde ich folgende Lösung favorisieren: Da die Seitenorgel trotz des klein erscheinenden Fensters, eine erfahrungsgemäß sehr gute Klangabstrahlung ins Langhaus der Kirche besitzt liegt es nahe genau diesen Standort ins Auge zu fassen. Dabei fällt auf, dass die Theatinerkirche über drei weitere baugleiche Kammern verfügt: Zwei am westlichen und zwei am östlichen Ende des Langhauses. Zwei weitere Kammern gäbe es noch auf Höhe des Chorraumes, diese scheiden jedoch aus Gründen der Nutzung (u.a. als Kapelle des Klosters) von vornherein aus. Mit diesen vier Kammern (im Grundriss unten grün markiert) ließe sich das Langhaus, in dem alleine die Gemeinde sitzt, m.E. akustisch hervorragend füllen. Soviel für's Erste meine persönlichen Überlegungen. Es bleibt also spannend und in einigen Jahren könnte diese repräsentative Innenstadtkirche eine ihrer Nutzung adäquate Orgel erhalten.
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