Orgeleinweihung Rhein-Mosel-Halle, Text

kjz1, Samstag, 18. Oktober 2014, 15:17 (vor 4404 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von kjz1, Montag, 20. Oktober 2014, 20:33

Hallo!

Nun, wie klingt sie denn, die renovierte Kemperin? In der Kurzfassung: 'voll wohnzimmerkompatibel' bzw. Orgel mit 'angezogener Handbremse'. In orchestralen Dimensionen ausgedrückt: der Klang ist eher dezent (kammemuskalisch), selbst im Tutti kommt die Orgel IMHO über ein Mezzoforte nicht hinaus. Es dürfte etliche Orgeln mit 30 Registern geben, die einiges mehr an Lautstärke produzieren, als diese Orgel mit 70 Registern.

Im Einzelnen:

Ein Orgelkonzert mit so einer Besucherzahl habe ich zuvor noch nicht erlebt. Ursprünglich hatte man nur den großen Saal unten geöffnet. Eigentlich schade, denn die Orgelkammern befinden sich oben, im Bereich der Galerie. Der Andrang war aber so groß, dass man vor Beginn dann doch die Galerie öffnen musste. Ich schätze so ca. 800(!) Besucher. Später schnasppte ich dann von Besuchern die Bemerkung auf: 'Das war mein erstes Orgelkonzert.'

Es war kein reines Konzert, eher ein 'Gesprächskonzert', welches von B. Harnischfeger (Südwestfunk) moderiert wurde. Die Dauer war (exklusive Pause) 2 Std. Die Orgel wurde 1964 von Kemper erbaut, bereits damals größtenteils finanziert durch Spenden aus der Koblenzer Bürgerschaft, darunter eine Großspende des damaligen Intendanten des Musikinstitutes. Auch der heutige Intendant des Musikinstitutes hat wieder mit einer Großspende zur Renovierung beigetragen. Also quasi auch eine 'Bürgerorgel'. Der Spieltisch wurde während des Konzertes auf eine Leinwand übertragen und zwar aus einer ungewöhnlichen Perspektive: senkrecht von oben.

(BTW: das Musikinstitut wurde 1808 gegründet und ist damit 4 Jahre älter als der tradtionsreiche Wiener Musikverein. Also auch in der tiefsten Provinz tat sich schon damals was.)

Das Konzert wurde eröffnet von Manfred Faig (Organist von Liebfrauen, Regionalkantor) mit der 'Epidemischen'. Er wies auf die Unterschiede zu einer Kirchenogel hin: praktisch kein Nachhall, der Schwelltritt ist invertiert (ein Druck nach vorne schließt die Schwellklappen) und die Registerwippenreihen sind nicht unbedingt neben den Manualen angeordnet, zu denen sie auch gehören. Bei diesem Stück merkte man schon, dass die Orgel doch recht dezent klingt. Da brüllt nichts, da schreit nichts, da gibt es auch keine 'Tinnitus-Mixturen'. Der 32' kam wohl zum Einsatz, aber auch hier eher ein 'Hauch von 32'. Die tiefen Töne konnte man ahnen, aber nicht fühlen. Natürlich absolut kein Vergleich zur markerschütternden Wucht einer 32' Contrebombarde a la Cavaille-Coll.

Die Registergruppen der Orgel wurden dann von Jörg Josef Schwab (Münsterorganist Freiburg) vorgestellt. Und zwar in Form von improvisiertebn Variationen über das Loreleylied. Es wurden vorgestellt: Prinzipale, Flöten, Streicher (wovon es nur 2 in der Orgel gibt) und Zungen. Die Streicherschwebung war dann doch schon sehr aetherisch und zart. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sagen: die kam aus dem Fernwerk. In der Lautstärke konnte da das Gebläse des Großbeamers für die Leinwandübertragung locker mithalten. Dazu kamen aber auch außergewöhnliche Registrierungen, z. Bsp. die Melodie gespielt auf dem Pedal mit dem Singend Kornett 2'. Ein Register, was in modernen Orgeln nur noch selten gebaut wird. Oder auch der Einsatz der Glockenzimbel: hier ist durchaus eine große Annäherung an ein Glockenspiel gegeben. Gleichzeitig führte Jörg Schwab auch die versch. Improvisationsstile vor, das reichte von einer traditionellen Fuge bis zu einer Improvisation a la O. Messiaen. Den abschliessende Variation bildete natürlich ein 'Showstopper': eine Toccata a la francaise mit der Melodie im Doppelpedal. Was dann auch beim Publikum einen großen Eindruck hinterließ.

Nach der Pause gab es dann einen kleine Film über die Restaurierung der Orgel. Bis auf die großen Pfeifen wurde die Orgel in die Werkstatt transportiert. Die Prfeifen wurden gereinigt und ggf. repariert, die Windladen (Pitman) neu beledert. Der Spieltisch wurde ebenfalls zerlegt, die Metallkontakte in den Klaviaturen wurden durch optoelektronische Signalgeber ersetzt, das gesamte Spielsystem wurde durch ein Bussystem mit Glasfaserübertragung ersetzt. Ebenso wurde ein Setzer neu hinzugefügt. Ansonsten kann man aber sagen, dass die Restaurierung durchaus konservativ erfolgte. Der Spieltisch wurde nicht ersetzt, alle Register blieben auch so erhalten, es wurde nichts am Pfeifenwerk umgestellt oder erweitert. Die Orgel habe ich auch schon quasi im Originalzustand gehört, das muss so ca. 30 Jahre her sein. Falls mich mein akustisches Gedächtnis nicht täuscht, blieb auch der Klang der Orgel erhalten.

Anschließend gab es ein Interview mit OBM Mayer und Prof. Höhnen (der langjährige Kustos der Orgel, ebenfalls Organist an St. Kastor). Prof. Höhnen erzählte, dass die Windladen zweimal unter Wasser standen: einmal hatte während eines Rockkonzertes jemand den Feuermelder betätigt, einmal hatte ein Servicetechniker das falsche Ventil aufgedreht. Beide Male setzte die Sprinkleranlage die Orgel unter Wasser. Infolgedessen verhärtete das Balgleder in den Windladen und auch eine Menge Dreck wurde vom Wasser in die Laden gespült. Ausserdem war der Spieltisch mit 2 Kabeln mit je 120 Steckkontakten an die Orgel angeschlossen. Es war immer ein Vabanque-Spiel, ob auch wirklich alle 240 Kontakte funktionierten.

OBM Mayer berichtet von den Intonationsmöglichkeiten an einer Beispielpfeife. Ebenso kam zur Sprache, dass diese Werkstatt mittlerweile so viele Orgeln in der Region erbaut hat, dass man mittlerweile einen Orgelbauer für Servicearbeiten hier vor Ort stationiert hat. Er berichtete auch, dass in Ludwigsburg mittlerweile die Zahl der Auszubildenden stark zurückgegangen ist. Die Zukunft sieht er eher im Bau von Konzertsaalorgeln in Russland und China. Dort gehöre eine Orgel in einem Konzertsaal noch absolut zum Standard.

Zum Abschluß gab es dann das Konzert für Orgel, Streicher und Pauke von F. Poulenc. Manfred Faig spielte den Orgelpart mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Das Stück war geschickt gewählt, denn hier brauchte sich die Orgel nur im Zusammenspiel mit ca. 20 Streichern zu bewähren. In diesem Kontext konnte die Orgel auch klanglich mithalten. Die Grenzen merkte man nur, wenn die Pauke zum Einsatz kam: da sind dann ganz andere Lautstärkedimensionen möglich.

Für die nächste Konzertsaison (2015/16) ist eine Aufführung der 3. Symphonie von C. Saint-Saens geplant. Dieses Werk hatte ich auch schon vor vielen jahren vor der Renovierung mit dieser Orgel gehört. Da dürfte es dann klanglich 'eng' für die Orgel werden.

Fazit: die Orgel klingt meiner Meinung nach nicht schlecht, alles sehr dezent und ein ausgewogener Gesamtklang. Nur halt für eine Orgel zur Orchsterbegleitung zu leise. Da wünscht man sich halt doch, die Orgel hätte ein Bombard-Werk.

Eine Frage, die ich mir zum Schluß noch stelle: haben sich evtl. auch unsere Hörgewohnheiten geändert? Zur Erbauungszeit der Orgel standen die großen Cavaille-Coll-Orgeln noch nicht so im Fokus der Öffentlichkeit wie heute. Ebenso ist heute allgemein vieles lauter, schneller und plakativer geworden. Ist diese Orgel vielleicht nicht auch mit ihrem Klang ein 'Kind ihrer Zeit'?

Viele Grüße,

- Karl-Josef


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