"Die unmoderne Orgel"

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 08. Oktober 2014, 14:05 (vor 4414 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Mittwoch, 08. Oktober 2014, 14:52

Vielen Dank aber auch von mir für den plastischen und mit angenehmer Ironie geschriebenen Bericht. Besonders amüsiert hat mich die auch hierzulande von führenden Autoritäten vertretene originelle These von der Stützung des Gemeindegesangs durch die mitteltönige Stimmung......ein Schelm, wer sich dabei im Stillen denkt, daß da eine pseudoobjektive Begründung für die Rechtfertigung persönlicher Vorlieben konstruiert wird.....;--).....

Gruß,
Wolfgang


Lieber Wolfgang, ich möchte der These schon Wahrheitsgehalt zusprechen. Du wirst wissen, wer sie formuliert hat, und J.D. war möglicherweise in derselben Veranstaltung, wo ich es gehört habe. Den Jüngeren hier im Forum sei es erzählt, denn richtig eingeordnet, stimmt die These, und es ist richtig, sich darauf zu berufen - oder auch nicht!

Verfochten wurde sie von Harald Vogel. Und seine Erfahrungen beziehen sich auf den reformierten Kirchengesang in Friesland (Ost/D und West/NL). Und für den Genfer Psalter, der nie moduliert und mit einer Alteration höher oder tiefer auskommt, lasse ich das gerne gelten!

Für die im Innviertel gebräuchlichen Gesänge mag dies aber anders sein - wahrscheinlich sogar. Denn dort wird vor allem GL (alt) 801 und 802 eine Rolle spielen (Haydn/Schubert), wie stehts auf dem österreichischen Lande, und manch Marienlied.
Flottere Organisten werden dann auch mal um NGL oder anderes gebeten werden, und da wird die Mitteltönigkeit stellenweise ungünstig werden, was ja nicht ausschließt, dass die meisten Akkorde sehr schön klingen.

Die oberösterreichische Orgellandschaft ist ungewöhnlich für Österreich. Eine gute finanzielle Situation in den 70er- bis 90er-Jahren, der Mangel an regional verfügbaren bedeutenden Orgelbauern (also jetzt wirklich gute!), großer Bedarf an Neubauten und das Vorhandensein mehrerer qualifizierter Organisten neuen Geistes (Schüler von Heiller oder Radulescu etc.) ermöglichlichten, dass sowohl die regionalen Werkstätten mit "normaler" Arbeit ausgelastet werden konnten und andererseits aus dem Ausland Instrumente geliefert wurden, die für Österreich beispielhaft waren und sind. Sicherlich kam es da zu einer stilistischen Einseitigkeit. Interessant ja auch, wie die Firma Kögler/Oberösterreichische Orgelbauanstalt in der Zusammenarbeit mit Bernhard Edskes sich auch stark im historisierenden Orgelbau entwickelte.

Vielleicht wird man aber auch in Linz noch erleben, dass die ruhende, nicht kleine pneumatische Orgel im Neuen Dom fachgerecht restauriert wird, um das Gewicht wieder etwas zurechtzurücken.

....oh, hoffentlich! Habe ich doch in den letzten Wochen die Erfahrung gemacht, wie schön die Autobahnfahrt von Regensburg Richtung Linz (und dann weiter nach Wien) ist (und, nebenbei: die 130 km/h-Beschränkung auf österreichischen Autobahnen als sehr sinnvoll erlebt habe, da der Verkehr viel ruhiger und "homogener" abläuft....), und die Linzer Dome sind ohnehin auf der Liste.....

Zur Mitteltönigkeit: hat man mal die Gegenprobe in Ostfriesland mit einer gleichstufigen Begleitung des Genfer Psalters gemacht? Solange es die nicht gibt, fehlt jeder Nachweis für diese These. Ich glaube nämlich eher etwas ganz anderes: daß die "Gesangstradition" und auch das "Gruppenbewußtsein" einer Konfession wesentlich stärker wirkt als ungleichstufige Temperierungen des begleitenden Instruments, zumal diese für das Gros der Kirchenbesucher/Sänger ohnehin eher sehr akademischen Charakter haben werden.

Denn seltsamerweise habe ich Gottesdienste mit ungleichstufigen Orgeln erlebt, in denen der Gesang ziemlich mau war (trotz gut gefüllter Kirche....) - und solche mit gleichstufigen, in denen der Gesang die Kirchenfenster nach außen bog. Dabei ging der "fensterbiegende" Gesang immer mit einer selbstbewußt-kraftvollen Orgel"begleitung" einher, während der "maue" Gesang immer mit einer unnötig spröde-zurückhaltenden Begleitung kombiniert war. Und daher rührt meine skeptische Vermutung, daß bei dieser These eher der Wunsch Vater des Gedankens ist - maW: die persönliche ästhetische Vorliebe wird auf einer bei kritischer Betrachtung nicht tragfähigen Tatsachengrundlage zu einer generellen Aussage verallgemeinert (was mir bei dem besagten Vertreter dieser Theorie - seinen Namen habe ich bewußt nicht erwähnt - eine allgemeine Tendenz zu sein scheint), durchaus vergleichbar mit dem jahrzehntelang verwurzelten Dogma vom angeblich niedrigen Winddruck barocker Orgeln. Es ist ja nicht so, daß die Mechanismen, die zu solchen "Lehrmeinungen" führen, nicht mehr wirksam sind.

Vor einiger Zeit hatte ich die Ehre, an einer norddeutschen Domkirche (Hildesheim war's nicht...;-)....) den verhinderten Organisten zu vertreten. Auf dem Programm u.a.: "Maria, breit den Mantel aus". Es war ein normaler Sonntagabendgottesdienst, durchaus ordentlicher Besuch, wenn auch nicht "voll". Bei der dritten Strophe stach mich der Hafer, und ich griff zur Bombarde 32' (Mixturen und 16'-Hauptwerkszunge waren natürlich schon lange draußen...)........und siehe da: die Gemeinde zog mit, die Steigerung war deutlich vernehmbar. Meine Frage danach in der Sakristei, ob ich nicht zu laut gewesen sei, wurde prompt verneint: "...nein, überhaupt nicht, ganz prima, Sie haben doch gehört, wie die Gemeinde gesungen hat!". Es sind solche Erfahrungen, aufgrund derer ich die "Mitteltönigkeitsthese" heiter-distanziert sehe - und natürlich auch solche Clips wie dieser hier....;-)......

Gruß,
Wolfgang


gesamter Thread:

 

powered by my little forum