"Die unmoderne Orgel"
"…was tun mit 50 Jahre alten Orgeln?" war der Titel eines Symposiums des österreichischen Orgelforums, der österreichischen "kleinen Schwester" der GdO im Stift Reichersberg, nahe der Grenze zu Deutschland.
Schon beim ersten Blick ins Teilnehmerverzeichnis war man als Piefke geoutet, wenn die erste(!) Spalte keinen klangvollen Titel wie Mag./Dr./Prof./Ing... enthielt und der Teilnehmer männlich war. (Die restlichen Teilnehmer ohne Titel waren überwiegend das schmückende Beiwerk namens Ehegattinnen.)
Unter den Teilnehmern mit dem Titel OB/OBM fanden sich durchaus bekannte Namen wie Ahrend, Allgäuer, Pirchner, Eberle,... und auch ein gewisser P.Planyavsky trug zur Unterhaltung bei, so daß die Veranstaltung durchaus interessant zu werden versprach - zumal die Frage nach dem "Umgang mit 'halb'historischen Instrumenten" (ab Bj. 60) immer mehr Gemeinden und Organisten betreffen dürfte.
Der andere Schwerpunkt war die Orgellandschaft "Innviertel" - also die Gegend, in der das Symposium stattfand -, und Konzerte und Expeditionen zu Instrumenten in Kirchen der Region lockerten das Programm nachmittags und abends auf. Die beiden Programmteile standen aber eher nebeneinander: die Instrumente waren entweder barocke, gut restaurierte oder aber ziemlich neue und gepflegte Orgeln. Eine Demonstration von gelungen aufgearbeiteten, gut reorganisierten oder einfach behutsam restaurierten Klangdenkmälern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wäre spannender gewesen - zumal sich die Klangdemonstrationen auf relativ kurze Registervorstellungen beschränkten, nach denen jeder, der sich berufen fühlte, auf eine Taste zu drücken, die Klaviaturen nach Herzenslust betatschen durfte - ein Phänomen, das schon bei GdO-Tagungen immer wieder zu Unmut geführt hatte und inzwischen ziemlich rigoros unterbunden wird.
Die abendlichen Konzerte hingegen waren öffentlich, wobei ich zwei von den dreien verpaßte - das erste wegen der Verkehrslage bei der Anreise, das letzte wegen familiärer Verpflichtungen. Hauptthema der Berichte der Zuhörer des ersten Konzerts waren aber die Intonationsmißverständnisse zwischen Barockvioline und Barockorgel, die mein Bedauern in Grenzen hielten. Vom letzten Konzert habe ich einen Teil der Probe mitbekommen, die sowohl vom Instrument als auch Interpreten sehr vielversprechend klang.
Das zweite Konzert hingegen fand vollständig seinen Weg auf mein Trommelfell, und davon hat sich das bis heute nicht erholt. Die Orgel wurde von Karl Nelson 2004 erbaut und donnert auf 75mm WS den relativ kleinen Kirchenraum derart voll, daß die Kommentare der anwesenden Tagungsteilnehmer von "Da hätten wir auch im Gasthaus sitzen bleiben können und nur die Fenster aufmachen müssen" über "Das ist wohl das Fernwerk der Pfarrkirchenorgel" bis "Die ist nur so laut, daß man die klappernde Traktur nicht hört" reichten. Und die gewissen Härten der mitteltönig modifizierten Stimmung (1/4 syntonisches Komma) milderten den brutalen Eindruck auch nicht gerade.
Der örtliche Herr Mag. ist aber ein Verfechter der Mitteltönigkeit, wie er in seinem Referat über "Historische Stimmungen an neuen Orgeln im Innviertel" auch deutlich machte, wobei er sich zu Behauptungen verstieg, daß die reinen Terzen doppelt so laut klingen, oder daß Gemeinden viel kräftiger singen, wenn sie zu einer mitteltönigen Stimmung singen dürfen, und daß die Organisten halt die Begleitsätze entsprechend ex tempore nach oben oder unten transponieren müßten, damit sie auf der Orgel darstellbar seien.
Die von den Tagungsteilnehmern durch die Bank angesprochene (Über-)Lautstärke erklärte er u.a. damit, daß der Organist ja alles gekoppelt gespielt habe (bei BWV 768!), die Frage nach überhaupt einem leisen Register wurde dahingehend beantwortet, daß es eines gäbe, der Organist es aber nicht benutzt habe, daß die Kirche nicht voll gewesen sei (es wurden sogar Stühle im Mittelgang aufgestellt!) - und so weiter.
Als ihm dann noch eine ihm geneigte junge Kunsthistorikerin (ich liebe diese Spezies Mensch, insbesondere in weiblicher Form!) zu Hilfe eilte und mir erklärte, daß die Orgel ja nicht jedem Dorforganisten gefallen müsse (was mich natürlich sehr gekränkt hätte, wenn nicht auch ein gewisser P.P. zum selben Auditorium gehört hätte), und doch nicht umsonst Gustav Leonhardt schon öfter auf dieser Orgel konzertiert hätte, gab ich es irgendwann auf. Letztendlich ist es ja auch egal: die Orgel steht, so wie sie ist, und das Publikum hält es entweder aus - oder geht in die Stadtpfarrkirche.
Dort steht nämlich das Gegenstück zu diesem Instrument, das der Mag. wiederum liebend gerne loswerden würde. Es ist eine orgelbewegte, mechanische dreimanualige Pirchner-Orgel von 1973, deren Nachteile er nicht müde wurde zu betonen, wobei ihn das Forum im Beisein des sichtlich irritierten Pfarrherren unterstützen hätte sollen.
Zu seinem erkennbaren Leidwesen ließen sich diese aber nicht instrumentalisieren und fanden die Disposition zwar zeittypisch, aber ausreichend (31 Register), die Einzelstimmen charaktervoll (insbesondere für Trio-Registrierungen), das Plenum nicht laut, aber durchaus als solches erkennbar (der Füllungsgrad österreichischer Kleinstadtkirchen unterscheidet sich nicht merklich von deutschen) und in der Überakustik des großen Kirchenraums eher angenehm. Die sicher nicht leichtgängige, aber durchaus beherrschbare Traktur hätten manche, die härtere Hobel zuhause haben, sofort mitgenommen, und die nach 40 Jahren wortwörtlich durchgespielten Tastenbeläge (hier wurde wohl ein zu weiches Holz gewählt) aufzuarbeiten fand man eher eine Fleißarbeit für einen Orgelbauergesellen als ein KO-Kriterium.
Das (sicher so nicht erhoffte) Ende vom Lied: Die Orgelbaufirma sieht sich ihr Frühwerk mal genau an und erstellt einen Kostenvoranschlag für eine Überholung, für einen Neubau hat sich niemand ausgesprochen. Im Gegenteil, manche genervte Tagungsteilnehmer warfen ihm unverblümt vor, die Orgel schlechtreden zu wollen, weil sie ihm nicht mehr gefällt. Dieser Teil der Tagung war der spannendste - nicht nur deshalb, weil man da plötzlich die Teilnehmer von ganz anderen Seiten kennenlernen konnte und die Emotionen zu interessanten Fraktionsbildungen trieben.
Die Vorträge hingegen waren knapp gefaßt, gut moderiert und größtenteils informativ und mit Anspruch. So stellte u.a. W.Eberle drei Projekte von Rieger in der Spannbreite von "Komplett-Reorganisation mit Zusatzwerk" über "behutsame Restaurierung" bis "Abgelehnt" vor, Günter Lade berichtete über Tonaufnahmen von Orgeln, P.P. stellte Konzertprogramme aus der Zeit der "unmodernen Orgel" mit all ihren Widersprüchlichkeiten vor, und G.Allmer präsentierte reichlich Beispiele großer Orgeln mit kurzer Lebensdauer.
Das Hauptthema an sich bleibt weiterhin aktuell und könnte noch durch die Beschreibung von Translozierungen etc. ergänzt werden. Insofern hat das Symposium die Thematik gerade erst mal angerissen. Eine vertiefende Auseinandersetzung - eingebettet in die Thematik "Moden im Orgelbau" - könnte durchaus noch einmal ein ganzes Symposium füllen.
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Dorforganist,
06.10.2014, 18:47
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Klaus K,
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Karl-Bernhardin Kropf,
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Wolfgang Gourgé,
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Karl-Bernhardin Kropf,
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Schmetternd.Dulzviole,
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otto krämer,
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Wolfgang Gourgé,
09.10.2014, 00:19
- "Die unmoderne Orgel" - Karl-Bernhardin Kropf, 09.10.2014, 11:33
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Wolfgang Gourgé,
09.10.2014, 00:19
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otto krämer,
08.10.2014, 21:02
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Residual,
15.11.2022, 13:57
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Karl-Bernhardin Kropf,
15.11.2022, 19:12
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jori,
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16.11.2022, 19:38
- "Die unmoderne Orgel" - untersatz32, 17.11.2022, 08:40
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16.11.2022, 19:38
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Karl-Bernhardin Kropf,
16.11.2022, 13:03
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jori,
15.11.2022, 21:05
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Poupoulcorouse,
18.11.2022, 19:42
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Residual,
18.11.2022, 21:27
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Poupoulcorouse,
19.11.2022, 00:09
- "Die unmoderne Orgel" - Residual, 19.11.2022, 01:09
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Poupoulcorouse,
19.11.2022, 00:09
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Residual,
18.11.2022, 21:27
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Karl-Bernhardin Kropf,
15.11.2022, 19:12
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Schmetternd.Dulzviole,
08.10.2014, 20:58
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08.10.2014, 13:18
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- "Die unmoderne Orgel" - Clemens Schäfer, 07.10.2014, 12:47
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friedemannw,
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- "Die unmoderne Orgel" - Dorforganist, 07.10.2014, 09:54
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