Romanik aus dem Jahr 1960... heute im Fernsehen!

Große Pfeife @, Sonntag, 17. August 2014, 21:26 (vor 4458 Tagen) @ Horn 8'

Wenn die Kunstwerke nur innerhalb des Kontextes "funktionieren", warum haben die Hildesheimer nicht den Mumm gehabt, die anderen Kunstwerke im Dom zu lassen bzw. sie wieder dahin zu stellen? Der Lettner wäre hier an erster Stelle zu nennen, aus späteren Zeiten gibt es auch einige qualitätvolle Kunst, ich habe sie während meiner Ferienjobs mal bewacht. Die leeren Seitenkapelle erfüllen mich mit Trauer. Und sie als Stuhllager zu nutzen, wie über die Domhomepage zu sehen, na ja, ist keine liturgische Funktion.
Genausogut hätte man einen anderen Zustand rekonstruieren können, etwa den vom März 1945, vor der Zerstörung. (Dr. Epe hätte ja gerne aus den Fragmenten den barocken Hochaltar rekonstruiert und mit den geretteten Figuren vervollständigt).
Und zur These der liturgischen Funktion: Wenn liturgisches Gerät funktioniert, dann unabhängig von anderen litirgischen Geräten, Kunst hin oder her. Das Taufbecken neben dem Wrisbergholzen-Bild hat doch jahrzehntelang gut bestehen können.
Einen Raum vorbildlos zu entfärben und dann zu behaupten, in einem
nicht farbüberladenen Raum kämen Kunstwerke besser zur Geltung, ist eine Verdrehung der Tatsachen. Die Domkunstwerke sind in der jeweiligen Entstehungszeit in das Ensemble hineingeschaffen worden. Und wir reden heute von Kunstwerken, weil für den praktisch-liturgischen Gebrauch geschaffene Alltagsgeräte so geartet waren, daß sie geschätzt, gehegt und gepflegt wurden, daß sie überkommen konnten. Dieses Verständnis konnte man bei einigen inzwischen verstorbenen Domherren gut spüren.
Natürlich wirken sie isoliert und vor weiße Wände gestellt auffälliger als in der Funktion, für die sie geschaffen wurden. Aber der in Deinem
Posting beschworene Zusammenhang wird doch so nachträglich verändert.
Das, was in Hildesheim gemacht wurde, ist eine künstliche Angelegenheit. So war es
sicher nie. Allein zwischen Türen und Taufbecken liegen über zweihundert Jahre. Und darauf nimmt der Renaissancelettner bezug, die barocken Altäre, der Naumann-Orgelprospekt von 1703-06. Und die Orgelanlage paßt ja nun überhaupt nicht in die Retroromanik in weiß.
Liebes Horn, ich will die Hildesheimer Neuschöpfung nicht kleinreden, sie ist ein Wurf, der eine
mutige Entscheidung erfordert hat. Wenn Du, so wie ich das getan habe, das Protokoll uch des Domkapitels in der Zeit zwischen 1900 und Wiedeaufbau des Domes 1960 gelesen hast, wirst Du das wissen. Vor der Entscheidung habe ich Respekt, auch wenn ich sie nicht teile und das Ergebnis nicht als "ehrlich" erachte. Beeindruckend scheint die Lösung aus der Ferne zu sein - die m.E. apologetische Begründung ist es nicht.
Aber ich hät da eine orgelspezifische Frage: Wieso ist die Hillebrand-Truhenorgel aus der Dom-Krypta eingelagert worden?


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