Meinung und Geschichte (war: Was in England …)

ado ⌂ @, Mittwoch, 30. Juli 2014, 13:57 (vor 4476 Tagen) @ Friedrich

Mit ziemlicher Sicherheit folgt Robert Quinney hier in seinem Urteil Thistlethwaite, vielleicht auch Bicknell.

hm, bicknell verteidigt die "alte" englische orgel eigentlich eher, und thistlethwaite hat sie gar nicht im fokus, wenn ich das richtig erinnere.

Als »unwissend« würde ich ihn nicht qualifizieren; er weiß, wovon er spricht und kennt höchstwahrscheinlich die in Frage kommenden Instrumente, denn das ist Teil seiner Ausbildung.

unwissend nur insofern, als ich mich frage, wieviel er (oder überhaupt ein in den letzten 150 jahren in england ausgebildeter organist) je mit englischer orgelmusik vor 1800 zu tun hatte. sie wurde bis vor kurzem kaum in konzerten gespielt und wird wohl auch nicht gelehrt; überdies ist sie auf den in england in aller regel allein verfügbaren, viktorianischen oder in der viktorianischen tradition stehenden orgeln nicht befriedigend darstellbar, der klang ist zu dick. jeder spielt natürlich mal die eine oder andere voluntary von john stanley, aber das war´s dann auch.

Mit der gegenseitigen Öffnung der europäischen Kulturen musste sich einfach irgendwann jeder Organist die Frage stellen: Warum habe ich eine Orgel, auf der ich keine Bach-Fuge pedaliter spielen kann? Dabei ist noch nicht einmal von Klangstilen die Rede, sondern von ganz primitiven technischen Voraussetzungen wie Tastaturumfängen und dem Vorhandensein von gleichrangigen Ensembles auf mehreren Klangebenen. Und man muss es einfach sagen: Bach-Fugen sind ein Maßstab. Glücklich, wer sie spielen kann – neidisch, wer nicht. Wo und wann immer Bachs Orgelmusik greifbar war, setzte sich diese Ansicht durch.

weitestgehend d´accord, mit zwei einschränkungen. die allgemeine auffassung, JSB sei orgeltechnisch das maß aller dinge, geht mir um einige größenordnungen zu weit. mag man selbst zugestehen, daß er der bedeutendste komponist von orgelmusik aller zeiten ist, so doch nicht um den gefühlten faktor 500, um den er anderen vorgezogen wird. und zum zweiten: bach spielen zu wollen ist ja verständlich, es muß aber nicht wie in england mit der vollständigen abkehr von der eigenen tradition einhergehen.

S. S. Wesleys Konservatismus – der Mann ist tot, das Brett hat er aber immer noch vor seinem Kopf. Vor den historischen Entwicklungen standen Werturteile, und die lassen sich benennen und nachvollziehen.

kommt SSW in dem video vor? er hatte aber doch gar nichts gegen das german system? er war doch als pedalvirtuose und bachspieler bekannt. wogegen er sich dickköpfig gewehrt hat war meines wissens zum einen gegen die aufgabe es in england bis um 1850 üblichen "GG-compass" (d.h. das hauptwerk begann eine halbe oktave unter dem großen C), und zum anderen gegen die abkehr von der mitteltönigen stimmung -- obwohl diese etliche seiner eigenen harmonisch kühnen chorwerke (mit orgelbegleitung) unspielbar machen würde...

(häufig wird samuel sebastian wesley ja mit seinem vater samuel wesley durcheinandergebracht, der zu mendelssohns zeiten die bach-begeisterung in england energisch vorantrieb -- weshalb er seinem sohn ja eben diesen namen gab -- und der eigentlich nicht als konservativer bekannt ist. musikalisch war aber auch SSW kein konservativer.)

andreas


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