Meinung und Geschichte (war: Was in England …)

Friedrich @, Dienstag, 29. Juli 2014, 22:43 (vor 4480 Tagen) @ ado

dieses video habe ich schon vor längerer zeit einmal mit einem gewissen kopfschütteln angeschaut, meine erinnerung ist also nicht ganz frisch. was mich seinerzeit vor allem beeindruckt hat war die unwissende herabwürdigung der eigenen, englischen orgelmusik- und orgelbautradition der zeit bis ins frühe 19. jahrhundert und die selbstverständlichkeit, mit der sie erfolgt, als communis opinio.

Mit ziemlicher Sicherheit folgt Robert Quinney hier in seinem Urteil Thistlethwaite, vielleicht auch Bicknell. Als »unwissend« würde ich ihn nicht qualifizieren; er weiß, wovon er spricht und kennt höchstwahrscheinlich die in Frage kommenden Instrumente, denn das ist Teil seiner Ausbildung. Ich finde es im Gegenteil erfrischend, wenn jemand sich die Freiheit nimmt, zu historischen Entwicklungen, die eineinhalb Jahrhunderte zurückliegen, Stellung zu beziehen. Das ist auch nicht ohne Grundlage: Quinney wäre nicht, was er jetzt ist und spielte nicht an der Orgel, an der er amtiert (Westminster Abbey), wenn sich der insuläre Orgelstil bewahrt hätte, und sei es auch nur ein paar Jahrzehnte länger. Der damalige Widerstand prominenter Vertreter der britischen Kirchenmusiker gegen das “German system” zeigt, dass die Hinwendung zu einem universelleren Orgelbau- und Orgelmusikstil in dieser Zeit keineswegs selbstverständlich war, auch wenn Mendelssohns Konzertreisen erkennen ließen, dass der historische Moment reif war.

Mit der gegenseitigen Öffnung der europäischen Kulturen musste sich einfach irgendwann jeder Organist die Frage stellen: Warum habe ich eine Orgel, auf der ich keine Bach-Fuge pedaliter spielen kann? Dabei ist noch nicht einmal von Klangstilen die Rede, sondern von ganz primitiven technischen Voraussetzungen wie Tastaturumfängen und dem Vorhandensein von gleichrangigen Ensembles auf mehreren Klangebenen. Und man muss es einfach sagen: Bach-Fugen sind ein Maßstab. Glücklich, wer sie spielen kann – neidisch, wer nicht. Wo und wann immer Bachs Orgelmusik greifbar war, setzte sich diese Ansicht durch.

Die eigenartige Auffassung vieler englischer (und in der Folge auch amerikanischer) Orgelbauer und Organisten davon, wie ein Pedal zu klingen hat, ist durchaus kritikwürdig, und sie wurde auch innerhalb der britischen Orgelwelt immer wieder kritisiert. Ich finde es richtig, dass Quinney den schweren, grundtönigen Klang vieler englischer Pedalwerke als Eigenheit herausstellt und somit ins Verhältnis zu kontinentalen Lösungen setzt, die musikalisch viel für sich haben, z. B. größere Beweglichkeit.

natürlich hat das "german system" seine vorteile. aber fiele es einem italiener ein, die italienische orgeltradition der zeit bis weit ins 19. jahrhundert, die mit noch weitaus "beschränkteren" instrumenten operierte als die ältere englische orgeltradition, in dieser weise zugleich zu ignorieren und zu verwerfen? andere beispiele ließen sich anführen.

Du findest fragwürdig, dass Quinney (mit vielen andere) sich herausnimmt, eine historische Situation zu bewerten. Kann man es nicht auch umgekehrt fragwürdig finden, historische Erscheinungen als prinzipiell gleichwertig zu betrachten? Man darf durchaus den Kopf schütteln über S. S. Wesleys Konservatismus – der Mann ist tot, das Brett hat er aber immer noch vor seinem Kopf. Vor den historischen Entwicklungen standen Werturteile, und die lassen sich benennen und nachvollziehen.

Viele Grüße
Friedrich


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