Latry jetzt ohne Sacre?

Karsten @, Freitag, 28. März 2014, 17:40 (vor 4594 Tagen) @ Flûte harmonique
bearbeitet von Karsten, Freitag, 28. März 2014, 17:47

wenig neues über die Hintergründe, aber Latry äußerte sich gestern beim Konzert in London mit Unverständnis, dass der Verlag die Aufführung der Version speziell an der Orgel untersagt hätte. Es sei wohl auch für London schon vorgesehen gewesen, nicht erst (wieder) für Bamberg.

Ich bin kein Jurist, aber auf IMSLP ist unmissverständlich festgehalten, dass sämtliche Werke von Strawinsky nach wie vor dem Urheberrecht in Kanada, der EU, Japan u. a. unterliegen und daher jederzeit aus IMSLP entfernt werden könnten.

Die vierhändige Klavierfassung des Sacre wurde 2011 als Reprint bei Dover Publications neu herausgegeben. Laut IMSLP ist diese Fassung nur in den USA gemeinfrei ("public domain"), aber nicht in Kanada und der EU "or elsewhere".

IMSLP konte mittlerweile Dank der eingegangenen Spenden mehrere Server in verschiedenen Ländern anmieten, auf denen jeweils die nach am Serverstandort geltendem Urheberrecht freien Noten abgespeichert wurden. Der IMSLP-Nutzer wird von IMSLP am "End-PC" beim Anklicken bzw. vor dem Download der entsprechenden pdf-Datei darüber informiert, dass er beim Download "seine" Urheberrechtsgesetze vor Ort berücksichten muss und für eventuelle Urheberrechtsverletzungen selbst haftet.

Die Klavierfassung wurde vor 1920 veröffentlicht und ist damit in den USA gemeinfrei.

Wenn der Verlag (ob es Boosey & Hawkes oder Dover Publications war, weiß ich nicht) nun im Falle von Olivier Latry interveniert hat, scheint offensichtlich jede Form der Bearbeitung, auch für die Orgel, gegen das Urheberrecht zu verstoßen.

Die Bearbeitung selbst ist in D (bis auf wenige Ausnahmen) durchaus erlaubt, aber diese Bearbeitung darf nur mit Erlaubnis des Autors des Originals "veröffentlicht oder verwertet" werden. D.h. man darf im stillen Kämmerleion alles mögliche bearbeiten und umschreiben, aber die eigenen Bearbeitung darf dann nicht veröffentlicht oder verwertet (gedruckt, eingespielt, aufgeführt...) werden.
Das war die Problematik bei Bernhard Haas und wohl nun auch bei Latry. Beide haben für die Einspieung und Aufführung wohl kein "OK" der Rechteinhaber gehabt.
Wenn die Rechteinhaber der Meinung sind, dass eine Bearbeitung dem Werk nicht gerecht wird, dann kann - und sollte - sie eben ihr Veto einlegen...

Es mag sein, dass die Orgel sich immer mehr als "weltliches" Konzertinstrument etabliert hat, aber sie wird nun mal im westlichen Kulturkreis vor allem mit Christentum und Gottesdienst in Verbindung gebracht. Und da passt die heidnische, vorchristliche Thematik eines "Sacre" nun wirklich nicht so richtig zusammen...

Gruß
Karsten


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