Holtkamp/indirekter Klang

hardy @, Sonntag, 23. März 2014, 21:45 (vor 4596 Tagen) @ Friedrich

Das ist dann ja auch verständlich, daß Holtkamp zu der Zeit auf Gehäuse verzichtete, um möglichst direkten Klang zu erreichen. Neu war mir, daß viele romantische amerikanische Orgeln eher indirekt klingen.


Das taten sie schon deswegen, weil sie oft in tiefen seitlichen Kammern im Chorraum (chancel) standen, vielfach hintereinander gestaffelt, davor stummer Prospekte oder Latten, Gaze oder sogar bemalte Leinwand – das fand man praktisch, weil sie dann nahe beim Chor und beim Liturgen waren und die Emporen im Hauptraum frei waren für die Gemeinde. Manchmal gab es dann Antiphonals, die auf der hinteren Empore standen und von dort aus stützten. Aber die Aufstellung im “chancel” war vor allem Schuld daran, dass diese oft gigantischen Orgeln im Hauptraum schwach klangen. Bei den damals üblichen Drücken war jegliche Artikulation sowieso wegintoniert – gewaltige Aufschnitte, gewölbte Labien und Kernstiche allenthalben. Alles machte tendenziell Uuuu (forte) oder Uuummmm (piano).

Funktion zu zeigen – und sei es nur ein möbelartiges Gehäuse, das der Orgel Körper gab –, das muss in der damaligen Zeit ungefähr so gewirkt haben, als ob der Pastor seine Strumpfbänder zeigte. Vielleicht hat mancher von euch das Lieberwirth-Buch über die Gewandhausorgeln (war mal ein beliebter Zwangsumtausch-Artikel): Da wurden die Pfeifenfüße der Walcker-Orgel schwarz verhängt, »aus ethischen Gründen«, wie Lieberwirth zitiert. Zu Deutsch: Kondukten wirkten unanständig. Da kann man sich ausmalen, dass Holtkamps Orgeln geradezu provokant waren – nicht nur klanglich, sondern eben auch gestalterisch.

Indirekter Klang ist auch sehr schlecht für die Gemeindebegleitung, für die Orgeln ja vor allem gebaut sind. Unverständlich daher die Maria-Laach-Lösung, zumal vorher ja die Chororgel das Teil war, das heute hinten in der Ecke steht.


Ich fand es schon interessant, die Orgel so zu hören, wenn auch unterm Strich musikalisch unbefriedigend. Aber dieser indirekte Klang, der von irgendwoher zu kommen schien und einen richtungslos einhüllte, der war offenbar einmal gewollt. Dass er immer mehr auf Ablehnung stieß, finde ich allerdings auch verständlich. Auf CDs wirkt die Orgel übrigens komplett anders, dieses wattige Klangerlebnis ist wohl nicht reproduzierbar.

Viele Grüße,
Friedrich


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