St. Apollinaris, D-Oberbilk V (Finale)

Contrebasson 32' @, Wien, Sonntag, 27. Dezember 2015, 23:27 (vor 3907 Tagen)
bearbeitet von Contrebasson 32', Montag, 28. Dezember 2015, 02:21

... nun aber zum klanglichen Eindruck.

Die Zielvorgabe, die sich Friedrich Kampherm und sein Intonateur gegeben hatten, war, den Klang der Orgel grundtöniger zu gestalten bei klassischer Kegelladen-Intonation im Stile der Klais-Orgeln der Zwischenkriegszeit.

Und so verrückt es für denjenigen klingen mag, der nur die Disposition auf dem Papier kennt, hat die Orgel nun große Ähnlichkeiten mit der Klaisine in St. Elisabeth (Bonn) oder der des Neumünsters (Würzburg). Endlich singt die Orgel, endlich bekommt man akustisch das geboten, was man sich beim Ziehen (bzw. Drücken) des jeweiligen Registers erwartet. Endlich gibt es auch untenrum eine gewisse klangliche Fülle, ohne dass die Orgel laut oder gar unangenehm schreiend wird. Hier ist natürlich der kathedralartige Raum ein wahres Geschenk.

Es fällt mir - um ehrlich zu sein - schwer, nicht noch mehr ins Schwärmen zu geraten.
Deshalb ist es wohl am einfachsten, sich mit einigen Registern ganz konkret auseinanderzusetzen und so aufzuzeigen, wie Friedrich Kampherm vorgegangen ist.

Nehmen wir bspw. den Kupferprinzipal 8' im HW. Auf Grund seiner Materialität war es leider nicht möglich, hier großartig zu rücken oder zwischendrin Pfeifen einzufügen, um den Mensurverlauf zu korrigieren. Ich habe ihn von früher als recht mickrig in Erinnerung. Um ein tragfähiges Plenum zu registrieren, war es notwendig, den Prinzipal 4' aus dem Positiv mit der Subkoppel ans Hauptwerk zu koppeln, um einen tragfähigen 8'-Klang zu erhalten. Deshalb wurde er jetzt entsprechend lauter und eher hornartig intoniert (der Mensurverlauf lässt nun einmal keinen zeichnenden, obertonreichen Klang zu) und ist auch solistisch äußerst gut zu gebrauchen und - auch ohne in die Koppeltrickkiste zu greifen - tragfähig.

Die alte HW-Schalmeitrompete war ein rechtes Sorgenkind, zwar noch aus der alten Klaisine stammend, war sie doch eigentlich eine Schalmei, die mehr den Klang einfärbte, als dem HW-Klang Grandeur zu geben. So war es nur konsequent, dass sie als Oboe ins SW wanderte. Die bei Killinger gefertigte neue Trompete machte sich auf der Intonierlade recht gut, in der Orgel aufgestellt, bereitete das Phänomen, dass sie im Raum geradezu explodierte und sich als Fanfare entpuppte, Kopfzerbrechen.
Dies lag keinesfalls an einer Fehlkonstruktion, sondern einzig und allein daran, dass das Gewölbe den Klang unvermutet stark verstärkte (ein Effekt, der bei der alten Schalmeitrompete nicht zum Tragen gekommen war). Die Lösung dieses Problems ist nun, dass eine zweite, etwas kürzere Zunge auf die eigentliche Zunge montiert wurde, die quasi den Ausschlag dieser begrenzt. So tönt die Trompete jetzt angenehm charakteristisch ohne zu schreien oder zu plärren und ist außerdem noch grundtöniger geworden. Ein Bild der neuen Trompete findet sich auf der facebook-Seite von Kampherm (bitte zum Vergrößern anklicken).

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(Man beachte das kleine Geländer nebem der Trompete, um diese zu schützen, da sich direkt daneben die Leiter hinab zur Positiv-Ebene befindet.)

Im Pedal verdienen es Subbass und Posaune eigens erwähnt zu werden.
Um die Subbass-Reihe charakteristisch zum Tönen zu bringen, war es notwendig, die Windzufuhr deutlich zu erhöhen. Dies war mit den vorhandenen Ventilen nicht möglich, entsprechend wurde eine Zusatzventillade montiert. Nun bekommt der Subbass ausreichend Wind und wächst je nach Registrierung mit. Das war früher so undenkbar.

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Die Posaune ist ein neobarockes Register von Seifert mit Holzresonatoren, das früher recht laut daherpolterte. Um sich nun besser in den Gesamtklang einzufügen, wurden die Kehlen beledert. Nun klingt sie mehr nach Fagott als nach Bombarde, macht aber selbst im Tutti noch ordentlich was her.

Im Positiv findet sich nun der alte Dulzian 8' aus der Krell-Orgel der aufgelassenen Franzsikanerkirche, hier als Klarinette bezeichnet. Diese neue Klangfarbe ergänzt den Registerfundus der Orgel äußerst gut, sie ist sowohl solistisch als auch mit Plenumregistrierungen gut nutzbar und zeichnet sich durch einen wunderbar weichen, charakteristischen Ton aus. Deutschromantik pur.

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(Ganz rechts die "recycelte" Klarinette im Positiv, oben rechts in der Ecke ist gut erkennbar, dass die oberste Oktave "harmonique" gebaut wurde statt mit Labialpfeifen.)

Und auch die bisher eher an Dudelsack erinnernde Horizontalschalmei (ja, ich weiß, das klingt irgendwie schon pervers) spricht nun bei deutlich kürzerem Einschwingvorgang sehr viel knackiger an und lässt sich auch für andere Stücke als "Highland Cathedral" nutzen.

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Im Schwellwerk tut neben einer neu gefertigten eher weichen Gambe nun auch eine aus der alten Weidenpfeife 8' (eine streichende Flöte^^) hergestellte Cox coelestis 8' ihren Dienst, hierzu wurden alle Pfeifen um fast eine Oktave gerückt und entsprechend angelängt. Zusammen mit der Sub- und Superkoppel ergibt das recht viel akustischen Weihrauch.^^

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Die Klais-Oboe fügt sich ebenfalls wunderbar in den Registerfundes des Schwellwerks ein und ist die zarteste aller Zungenstimmen, dank des ergänzten Tremulants im SW ist sie als Solostimme recht vielseitig einsetzbar - wenn auch nicht mit einem Hautbois vergleichbar, der Akzent ist doch eindeutig deutsch.

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In seinem Abnahmegutachten schreibt der Orgelsachverständige: "Es wurde mustergültig demonstriert, wie man mit Orgeln der Nachkriegszeit umgehen soll. Die Intonation ist sehr ausgeglichen, das Plenun raumfüllend und nicht brutal ... Viele Register haben sich klanglich ... erheblich verbessert, so dass sich enorme musikalische Möglichkeiten für die Liturgie und das Konzert ergeben. Durch die Umdisponierung im Schwellwerk lassen sich Werke der Romantik gut darstellen - und das auf einer Orgel die ursprünglich aus dem Neobarock stammt ... Die Mitarbeiter der Firma Kampherm haben sowohl handwerklich, als auch musikalisch hervorragende Arbeit abgeliefert."

Diese Aussage kann ich nur unterschreiben, es macht einfach Spaß, auf dieser Orgel zu spielen. Natürlich kann man kritisieren, dass hier eine Orgel des Neobarock romantisiert wurde. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass die Orgel in ihrer gewachsenen Form nur bedingt musikalisch zu befriedigen wusste und einige Kunstgriffe notwendig waren, um überzeugende Registrierungen zu finden. Nun registriert es sich fast von selbst.

Liebend gerne würde ich dazu ermuntern, vorbeizukommen und die Orgel einfach Probe zu spielen, aber hierfür bin ich der falsche Ansprechpartner. So trifft es sich gut, dass im Rahmen der "Winterlichen Orgelkonzerte" des Düsseldorfer Kantorenkonvents Iris Rieg am 25.1.2016 um 19.30 Uhr ein Konzert spielt (Orgel plus Saxofon), bei dem hoffentlich die Orgel auch solistisch erklingen wird. Hierzu lade ich herzlich ein.
Ansonsten dürfte der SB-Musiker Alexander Herren der richtige Ansprechpartner sein, um den Wahrheitsgehalt meiner Aussagen zu prüfen.

So verabschiede ich mich an dieser Stelle - endlich - mit besten Grüßen
Euer
Contrebasson 32'


Alte Threads:

St. Apollinaris, D-Oberbilk V (Finale)

Solcena ⌂ @, Sonntag, 27. Dezember 2015, 23:38 (vor 3907 Tagen) @ Contrebasson 32'

So verabschiede ich mich an dieser Stelle - endlich - mit besten Grüßen
Euer
Contrebasson 32'

Warum denn "endlich"? ;-)

Vielen Dank für die hochinteressanten Berichte!

St. Apollinaris, D-Oberbilk V (Finale)

Contrebasson 32' @, Wien, Montag, 28. Dezember 2015, 10:24 (vor 3906 Tagen) @ Solcena

So verabschiede ich mich an dieser Stelle - endlich - mit besten Grüßen
Euer
Contrebasson 32'


Warum denn "endlich"? ;-)

Vielen Dank für die hochinteressanten Berichte!

Gerne doch!
Wie man unschwer merken kann, ist es mir ein Herzensanliegen gewesen...

Bilder vom Zustand vor den oben beschriebenen Arbeiten finden sich übrigens im fb-Album von Friedrich Kampherm, in dem er den Fortschritt der Arbeiten dokumentiert hat (falls jemand z.B. Bilder von staubigen Pfeifen und Pfeifenstöcken, alten Tonmagneten usw vermisst haben sollte).

St. Apollinaris, D-Oberbilk V (Finale)

fluteceleste @, Montag, 28. Dezember 2015, 08:57 (vor 3906 Tagen) @ Contrebasson 32'

Da schliesse ich mich an mit dem Dank für das nachweihnachtliche orgeltechnische Leckerli mit den spannenden Details.

St. Apollinaris, D-Oberbilk, Konzertprogramm am 25.01.16

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Montag, 28. Dezember 2015, 13:59 (vor 3906 Tagen) @ Contrebasson 32'

Liebend gerne würde ich dazu ermuntern, vorbeizukommen und die Orgel einfach Probe zu spielen, aber hierfür bin ich der falsche Ansprechpartner. So trifft es sich gut, dass im Rahmen der "Winterlichen Orgelkonzerte" des Düsseldorfer Kantorenkonvents Iris Rieg am 25.1.2016 um 19.30 Uhr ein Konzert spielt (Orgel plus Saxofon), bei dem hoffentlich die Orgel auch solistisch erklingen wird.

Hallo, hier gibt es das vollständige Programm der Winterlichen Orgelkonzerte,

Gruß Clemens Schäfer

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Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)

St. Apollinaris, D-Oberbilk V (Finale)

Frank Berger @, Wassenberg, Dienstag, 29. Dezember 2015, 10:38 (vor 3905 Tagen) @ Contrebasson 32'

Lieber Contrebasson 32', auch von mir noch mal ganz herzlichen Dank für den ausführlichen Bericht.
So wie es aussieht, werde ich für die "Winterlichen" mindestens 3 Chorproben schwänzen müssen (Benrath, Hamm und Oberbilk - ich darf ja wohl auch mal Chor-Urlaub machen), Apollinaris wird dabei sein.
Viele Grüße
Frank

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