Improvisation oder Komposition

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Sonntag, 12. Februar 2012, 21:34 (vor 5327 Tagen) @ Unda Maris

Wenn ich als bescheidener Nicht-Profi hier das Wort ergreifen darf:

Ich sehe es nicht als anrüchig an, sich für Improvisationen Notizen zu machen, wenn man bestimmte Partien nicht im Kopf behalten kann. Aus den Wiederholungen aber direkt zu schließen, daß sie irgendwo verschriftlicht sein müssen ... das kann ich nicht nachvollziehen.

Ich habe früher für Improvisationen nie Vorlagen notiert, wenn ich bestimmte Sequenzen für besonders gelungen hielt, dann hatte ich die ja auch blind drauf. Da es ja von mir selbst kam, musste ich es mir ja auch nicht langwierig einprägen, höchstens die Umsetzung trainieren, aber für die brauchte ich kein Papier.

Vielleicht "oute" ich mich hier mal, um meine Sichtweise auf Improvisation verständlicher zu machen (die ist hier ja schon mehr als einer Person sauer aufgestoßen): Ich leide unter dem Handicap, das man heute landläufig als "Hochbegabung" bezeichnet. Das klingt erstmal ganz beneidenswert, brachte mir aber im Bezug auf meine Lernfähigkeiten sehr viele Probleme ein, die im Studium bis heute andauern (ich sage nur: "Graecum" etc.) - und stellte mich nicht zuletzt in meiner Schulzeit beim schnöden Lernen von Literatur vor fast unüberwindbare Schwierigkeiten. Ich habe nie einen Sinn darin gesehen, mir irgendwelchen simplen Blödsinn einzuprügeln, der mich musikalisch nicht die Bohne gereizt hat, wenn ich selbst schon viel "Besseres" im Kopf hatte und auch herauslassen konnte, wenn ich das wollte. Wir hatten einen etwas mit der Welt verkrachten Musiklehrer, der mich in der Unterstufe oft ans Klavier gesetzt hat und improvisieren ließ, wenn ihm am Ende der Stunde nichts mehr einfiel. Das war im Rückblick nicht gerade pädagogisch wertvoll im Bezug auf meine Stellung in der Klasse. Aber das war musikalisch genau das, was mir lag. Und ich hatte keinen Privatlehrer, der in der Lage gewesen wäre, mir Leidenschaft für Literaturspiel zu vermitteln. Vom Unterricht war ich angewidert, weil es da überhaupt keine Rolle spielte, was ich für Musik im Kopf habe, sondern ich irgendwelche stupiden romantischen Etüden herunterklimpern sollte. So kam es dann irgendwann, wie es kommen musste - und ich brach mit 14 endgültig den Unterricht ab, nachdem ich ihn vorher schon 2-3 Jahre lang nur noch schleifen ließ.

Ich sehe das heute als einen der größten Fehler meines jungen Lebens an. Wenn ich damals durchgehalten hätte und bessere Lehrer gehabt hätte, wäre ich vielleicht irgendwann in der Lage gewesen, meine Leidenschaft für die Improvisation auch wirklich nutzen zu können.
Wahrscheinlich bin ich deshalb übersensibel für die Bedeutung der Improvisation und vielleicht erklärt sich daraus meine Begeisterung für die norddeutsche Orgelschule, die ja nun, da wird mir wohl niemand widersprechen, ihre Grundlage und ihre Königsdisziplin in der Improvisation hatte.


Ich habe jedenfalls damals nie Melodien, die ich irgendwo wiedergeben wollte, aufschreiben müssen, um sie parat zu haben, wenn ich mir die praktische Wiedergabe vorher antrainiert hatte. Sicher habe ich auch oft etwas vergessen, aber dann war es entweder nicht der Rede wert ... oder ich habe es einfach lange nicht genutzt.

Um den Bogen zu schaffen: Deshalb denke ich aus meiner individuellen Erfahrung heraus nicht, daß man automatisch daraus schließen kann, daß hier viel verschriftlicht wurde ... ich denke auch nicht, daß die Grenze zwischen Improvisation und Komposition so scharf gezogen werden kann.


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