Hallo!
Im Allgemeinen stehen nach dem Prinzip von Cavaillé-Coll auf einem Teil der Windlade Grundstimmen bis einschließlich 4'-Lage und auf dem anderen Teil kleinfüßigere Labialregister, Mixturen und starke Lingualregister.
Wie du selbst schreibst: "im Allgemeinen", das ist die grobe Faustregel, das Grundprinzip. Cavaillé-Coll hat sein ganzes Leben lang experimentiert und seinen Stil weiterentwickelt. Zudem hat er auch stets auf die Gegebenheiten Rücksicht genommen. Man muss also immer das Gesamtkonzept der jeweiligen Orgel im Auge haben.
In einigen Fällen ist Cavaillé-Coll davon abgewichen, so zählt man in St-Sulpice im Grand-Choeur kurioserweise ein Salicional 8' zu den Jeux de combinaison,
Hier möchte ich schon Beckmessern. Auch wenn GCh in St. Sulpice "praktisch" die "Zungenlade" ergänzend zum GO (II) ist, so hat dies auch die Funktion eines Koppelmanuals und eigenes Werk. Durchaus vorstellbar, dass bei der Planung damals Cavaillé-Coll "aus Tradition" ein eigenes 8-Fuss-Labialregister von diesem Manual aus anbieten wollte und zum anderen im GO ein Prinzipalplenum 16-8-4-2.
Zwischenzeitlich wurden Salicional und Doublette auch vertauscht. Es hat auch einige weitere Änderungen gegebene, so wirden einschlagende Zungenregister durch aufschlagende ersetzt.
im Récit stehen Mixturen und ein 2'-Register auf der "Grundstimmen-Lade", wogegen Flûte harmonique 8', Flûte octaviante 4' und Dulciana 4' auf der "Zungenlade" stehen. Vor einiger Zeit wurde in einem Beitrag erwähnt, Cavaillé-Coll habe hier alte Windladen weiterverwenden müssen, was zu dieser Anordnung geführt hat.
Das hat es vielleicht teilweise. Bedenke bitte auch, dass es sich um recht großes Instrumente handelt, mit mehrfacher Besetzung der 4- (und erst recht 8-) Labial-Lage. Da ist es durchaus vertretbar, für zusätzliche Klangmöglichkeiten (und Aufteilung des Windverbrauchs) die Register sinnvoll zu verteilen.
Jedoch gibt es noch weitere Beispiele:
In Rouen, St-Ouen stehen im Grand-Orgue Salicional 8' und Bourdon 8' auf der "Zungenlade".
Bist Du Dir da sicher? Meines wissens bezieht sich der Zungentritt des GO auch nur auf die beiden Chamaden. Ansonsten muss man in Rouen - ähnlich wie in St. Sulpice - die Disposition des GO im Zusammenhang mit dem Bombarde (bzw. GrandChoeur) sehen. In beiden Fällen hat Cavaille-Coll das vollständige Hauptwerk auf zwei Klaviere verteilt und sich dabei an das Konzept Zungenlade und Grundstimmen angelehnt. Das Bombarde wurde in Rouene ebenfalls mit 8 und 4-Flöten ausgestattet.
Die Orgel in Notre-Dame in Paris hatte 1868 im Positif Flûte douce 4' und im Récit Flûte harmonique 8' und Flûte octaviante 4' auf der "Zungenlade" stehen.
Was führte in diesen Fällen zu dieser außergewöhnlichen Aufstellung?
Nochmals, so außergewöhnlich ist das nicht. Die 4-Lage war doppelt besetzt, so dass nichts "gegen" ein Aufstellung auf beiden Laden sprach.
Nocheinmal Rouen, St-Ouen:
Nach meiner Information zählen im Bombarde-Werk die Register Fourniture V 2 2/3', Bombarde 16', Basson 16' Trompette 8' und Clairon 4' zu den Jeux de combinaison. Nach diesem Bild gibt es für alle fünf Werke jeweils einen Einführungstritt. Hier wurde dargelegt, dass Bombarde 16', Trompette 8' und Clairon 4' derzeit nur zugleich aktiviert werden können. Was ist mit Fourniture V 2 2/3' und Basson 16'? Gibt es neben der pneumatischen Aktivierung von Bombarde, Trompette und Clairon auch noch ein "herkömmliches" Sperrventil, das gleichzeitig ebenfalls mit dem Einführungstritt "Anches de Bombarde" betätigt wird und so Fourniture und Basson (nach vorherigem Ziehen der Manubrien) aktiviert?
Wie gesagt, das gesamte Bombarde ist die "Zungenlade" des GrandOrgue. Dieses wird aber am GO nicht über ein Sperrventil aktiviert, sondern schlicht über den normalen Koppeltritt "Bom an GO". Unabhängig davon hat das Bombarde einen Einführungstritt NUR für die drei genannten Zungen 16-8-4. So kann man sukzssive verschiedene "Nachbrenner" aktivieren:
- Demi-GrandChoeur
+ Bom (ohne Zungen) an GO , dann
+ Bom-Zungen und schließlich als i-Tüpfelchen
+ GO-Chamaden.
Gruß
Karsten