4. Advent: Els Biesemans – die Kritik
Liebe Forenser,
nun habe ich's hinter mir, mein erstes Orgelkonzert in der Berliner Philharmonie. Ich war gespannt, ein wenig bange auch – schließlich ist man ja inzwischen anderes in Konzertsälen gewohnt als eine Schuke-Orgel aus den 1960ern. Die Künstlerin hatte ich auch noch nie gehört: Els Biesemans, geboren in Antwerpen 1978 und heute Organistin in Zürich-Wiedikon. Ihr Partner bei diesem Konzert war der Trompeter Gábor Tarkövi. Beide musizierten auf der Hauptbühne der Scharoun-Philharmonie, Biesemans vom viermanualigen Konzertspieltisch aus.
Die beiden spielten ideal zusammen: sehr genau, mit minimaler Verständigung und schönem, gemeinsamem Atem. Das wurde schon bei dem Arrangement der zweiten Wassermusik-Suite von Händel deutlich, in dem die Organistin manchmal Trompete-Cornet-Mischungen à l' Anglaise wählte, um mit dem Trompeter zu duettieren -- wobei es einen richtigen Cornet hier nicht gibt und Sesquialtera und/oder Nasat-Mischungen ihn schön vertraten.
Für die C-Dur-Triosonate von Bach nutzte Biesemans die Chororgel, die rechts und links hinter dem Orchesterpodium in zwei Schwellkästen steht. Für die Hörer war das in der philharmonischen Akustik kein Problem, für die Organistin offenbar auch nicht – sieht man davon ab, dass in ihrer freien Spielweise ein paar Ritenuti vorkamen, bei denen die Stimmen auseinandergingen, was aber auch gewollt gewesen sein kann. In den Ecksätzen benutzte Biesemans für die rechte Hand das Chororgel-HW (links, weit weg vom Hauptinstrument) jeweils mit Gemshorn 8', Oktave 4' und – im Finale – der sehr farbigen Trichterflöte 2' (vermute ich). Im Mittelsatz benutzte sie den Chororgel-HW-Prinzipal als wunderschön zeichnenden Bass, die rechte Hand vermutlich mit Prinzipal und Spillpfeife des Positivs und die linke mit einer Zunge, klang wie Dulzian, müsste dann aber all' ottava sopra gewesen sein. Oder es war Schukes Trichterregal – die, die ich gehört habe, waren jedesmal so schön und stabil, dass dem Register eigentlich legendärer Rang zustünde.
Den Choral »Lobe den Herren« von Jean Langlais spielten Biesemans und Tarkövi in einem Duo-Arrangement, was dem holzschnittartigen Langlais-Stil sehr zu Gute kam; Tarkövis singender Trompetenton beseelte die Musik sehr schön.
Dann kam Biesemans' große halbe Stunde: Liszts »Ad nos«-Fantasie. Da hatte ich Glück, dass sie gerade dieses Stück aufs Programm gesetzt hatte, denn Biesemans registrierte ungeheuer erfinderisch und fantasievoll – Ensembles, Crescendi, vor allem aber auch Soli in allen möglichen Farben. Man wunderte sich, wieviele Varianten von solistischem Prinzipalklang sie allein aus dem Schuke-Pedal herausholte! Ein Gedicht: Biesemans' Spieltechnik, die man hier bestaunen durfte. Geschmeidigkeit überall, schnelles und unaufwendiges Pedalspiel, fließende Manualwechsel, Registriermanöver und Schwellerbetätigung; die Manualzuordnung im Spieltisch nutzte sie sehr kreativ, ohne den Überblick zu verlieren. Ihr Klangkonzept war genial, sinfonisch-orchestrierend und mit viel Sinn für die Schönheiten der Schuke-Orgel. Im Adagio – und nicht nur dort – zeigte sie herrliche agogische Nuancen und fand ungeahnt transparente Farben. Spektakulärer Registrierfehler: Vor der wilden Auftakt-Tokkata zur Fuge war der Sequenzer eine Stufe zu weit, sodass nicht nur ich einen Hüpfer auf meinem Sessel tat. Biesemans wendete den Fehler gekonnt ins Musikalische: Sie spielte diesen Schock einfach aus und zog daraus die Kraft für den anschließenden Zornesausbruch. Grandios – wie überhaupt ihre Musikalität, die den Riesenschinken (auswendig!) scheinbar mühelos in musikalischen Fluss lenkte. Die Fuge dann war für sich allein ein Feuerwerk an Farben. VIele Bravos aus dem stattlichen Publikum, zweimal musste Biesemans raus.
Dabei war das noch gar nicht mal der Schlusspunkt, denn der kam mit Ebens »Fenstern«, für die Tarkövi wieder auf die Bühne kam. Mir geht Eben immer etwas herb ein, aber hier überzeugte er mich. Die beiden waren einfach zu gut, zu musikalisch, ließen die Musik zu schön atmen. Bravos, langer Applaus und eine Händel-Zugabe.
Zur Orgel: Die ist unverkennbar Karl Schuke, mit ihren kernigen Prinzipalchören, leicht knarzigen Trompeten und Posaunen, den schönen Flöten und Solozungen, dem gesunden und grundsätzlich klassischen Gesamtklang. Das bedeutet aber auch, dass sie eine klassische Dynamik hat, dass sie also die Extrembereiche meidet. Das ganz Entrückte oder das heroisch Laute kommt nicht vor. Dafür sehr schön ausintonierte Labiale, die Biesemans auch mit Wonne auskostete und die in der Konzertsaalakustik sehr klar klingen: Da macht das Zuhören schon Spaß. Wohlgemerkt: Kräftig ist die Orgel schon, und wenn ihr Tutti in einer halligen Kirche erklänge, wäre es wohl von apokalyptischer Wirkung. Hier klingt es hell, kräftig, strukturiert, aber es hat nicht diesen Drall ins Irrational-Krachende, das man von sinfonischen Orgeln kennt. Bei allem perfekt ausbalancierten Ensembleklang merkt man, dass Schukes Klangachse die 4'-Oktave ist, was ihn grundsätzlich auf eine transparentere Basis stellt. Die Zungen dominieren nicht, sondern mischen sich gleichberechtigt in den Prinzipalklang. Die Orgel kann auch dunkel klingen, aber sie bleibt dabei klassisch und hat nicht diesen schiebenden Grundstimmen-Druck, den man heute wieder liebt.
Fazit: Eine große Künstlerin mit ebenbürtigem Partner an einer sehr schönen Orgel. Ich komme wieder!
Gruß,
Friedrich
gesamter Thread:
- 4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie - Friedrich, 15.12.2011, 20:36
- 4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie - Clemens Schäfer, 15.12.2011, 22:03
- 4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie - Barry Jordan, 16.12.2011, 08:12
- 4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie - Friedrich, 16.12.2011, 09:03
- OT Kammerkonzert, war: Els Biesemans - Clemens Schäfer, 16.12.2011, 11:14
- 4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie - Friedrich, 16.12.2011, 09:03
- 4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie - Barry Jordan, 16.12.2011, 08:12
- 4. Advent: Els Biesemans – die Kritik - Friedrich, 18.12.2011, 15:58
- 4. Advent: Els Biesemans – die Kritik - Clemens Schäfer, 18.12.2011, 20:57
- 4. Advent: Els Biesemans – die Kritik - Karl-Bernhardin Kropf, 18.12.2011, 23:00
- 4. Advent: Els Biesemans – die Kritik - Friedrich, 19.12.2011, 00:09
- 4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie - Clemens Schäfer, 15.12.2011, 22:03