Lobeshymne (Clemens, bitte verzeih mir das Vordrängeln)

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Mittwoch, 03. August 2011, 20:05 (vor 5514 Tagen)

Vorweg: Lieber Clemens, bitte sieh es mir nach, daß ich dir den Vortritt raube und meine Begeisterung nicht so lange zurückhalte, bis deine Rezension hier veröffentlicht ist, aber ... ich kann nicht anders.

Als ich mich heute um viertel nach Sechs, verschwitzt und noch voll im Würgegriff der Düsseldorfer Altstadthektik, auf die zweite Empore der Neanderkirche schleppte, ahnte ich nicht, daß mir der erste musikalische Höhepunkt des jungen Monats bevorstand. Das Programm motivierte mich nicht gerade - meine musikalische Wahlheimat ist hier ja hinlänglich bekannt - einzig Instrument und Organist lockten und schafften es gerade so, mich aus der Lethargie meiner Semesterferien zu reißen.

Was hatte ich den Abend doch unterschätzt ...


Ich hatte ernsthafte Zweifel. Ein Programm mit keiner einzigen "Anfangs-17" in den Jahreszahlen und eine harte Kirchenbank: Wusste ich, worauf ich mich hier einlasse? Ich wusste es tatsächlich nicht. Denn schon nach wenigen Takten waren Programm und Gesäß vergessen. Register, die ich vorher nur dem Namen in der Disposition nach kannte, bekamen plötzlich ein klangliches "Gesicht". Und diese Gesichter spielten. Sie lachten, schrien, weinten, beteten, und erzählten. Mal einsam, mal zu zweit, mal quer durcheinander und, nicht selten, wie mit einer Stimme.
Torsten Laux wusste, was er wollte. Und er wusste in jeder Sekunde, wie er es bekommt, wo er es bekommt und wozu er es braucht.
Mir war, als hätte ich die Orgel vorher nie wirklich gehört, obwohl ich nicht zum ersten Mal dort ein Konzert besuchte. Die Trompeten des Schwellwerks - unbekannt. Die charakteristischen Rückpositivzungen - nie gehört. Aliquoten und kurzbechrige Zungen im Dialog - was für eine Entdeckung! Ich hörte Stücke aus einer Zeit, die mich sonst nie zu reizen vermochte, auf einer Orgel aus einer Zeit, die diese Musik verdammte. Und ich gehe aus diesem Konzert und erwische mich dabei, daß ich mir kaum vorstellen kann, daß diese Musik auf einer "authentisch-romantischen" Orgel besser klingen könnte. Bei Litaize und Alain schließlich war es beinahe, als hätte das Instrument ein Heimspiel. Die fast schon intime Atmosphäre der Neanderkirche trug beides, nahes und fernes, großes und kleines. Nichts war zu weit weg und nichts zu aufdringlich. Torsten Laux schaffte es, daß kein Schlussakkord so klang wie der letzte. Mal farbig-schmetternd, mal schrill bis zur Schmerzgrenze (nie darüber hinaus), aber immer atemberaubend.

Vielleicht mag ein in der Wolle gefärbter Kenner dieser Musik die Haare in der Suppe finden, die ich in meiner emotionalen Begeisterung übersehe, ebenso wie ich wohl nur wenige Buxtehude-Interpretationen uneingeschränkt genießen könnte, aber, davon bin ich überzeugt: Mehr kann man aus diesem Instrument an einem solchen Abend nicht herausholen.

Ich habe manchmal vergeblich versucht, aus der Mimik von Oskar Gottlieb Blarr, der unter den Zuhörern war, zu schließen, ob ihm gefiel, was er da hörte. Ich würde es ihm und "seinem" Instrument wünschen.
Als Torsten Laux, beim Empfang des ausdauernden Applauses, kurz die Hände hob um seinerseits dem Instrument selbst zu applaudieren, da war mein erster Gedanke, daß seine Leistung in der knappen Stunde davor bereits ein einziger langer Applaus für dieses Instrument und seinen Klang im Raum der Neanderkirche war.


Nun währt kein Rausch ewig - und daß ein solcher Höhenflug wohl nie ohne eine ebenso furchteinflößende Fallhöhe auskommt, merkte ich spätestens dann, als sich in Leverkusen Mitte eine stattliche Gruppe wild schnatternder "Damen" um mich platzierte (mir war es, als wären die spanischen Trompeten in der Neanderkirche ein Flüstern dagegen). Aber der Höhepunkt bleibt. Und ich werde mich in den nächsten Wochen gewiß nicht noch einmal vor einem mir unbekannten Programm fürchten, jetzt, da ich die Hauptdarstellerin so sehr zu schätzen gelernt habe.

Ich kann nur jedem hier raten, sich ein eigenes Bild zu machen oder sein altes Bild aufzufrischen. Es lohnt sich!


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