Interpretationsfehler

Karsten, Donnerstag, 20. Juni 2013, 22:27 (vor 4816 Tagen) @ Cor de Basset
bearbeitet von Karsten, Donnerstag, 20. Juni 2013, 22:54

Hallo!

Ob gröbliche Missachtung der Vortragsangaben oder künstlerische Freiheit des Interpreten - und nun einmal ganz ohne Ironie: […]

Die Frage war ganz unironisch und ernst gemeint: ist es wirklich eine derart gröbliche Missachtung der Vortragsangabe oder schlichter Interpretationsfehler, dass ein solches „an den Pranger stellen“ notwendig wäre oder fällt es unter „künstlerische Freiheit“, so dass sich ein Kommentar in dieser negativen Form eigentlich verbietet?

Zumindest bei Chorzempa wurde ja eine mögliche plausible Erklärung für die Abänderung der Registrierung genannt: ein klangliches Schließen des Bogens zurück zum Beginn der Sinfonie. Kann man machen, muss man nicht. Jedenfalls interessanter Ansatz, der zum Hören anregt. Geschenkt.
Bei Marens Aufnahme könnte ich mir vorstellen, dass er die Registerdynamik in diesem Falle dem großen symphonischen Konzept der Orgel anpassen wollte. Ein solch „sämiges“ Decrescendo hat eben auch was und ein paar dutzend Achtfüsser haben natürlich nicht die Klangfarbe eines Demi-Grand-Choeur, können aber ebenfalls majestätisch klingen. Hier wurde der verhaltene Schluss - vielleicht – als verklärender Schluss (Ostern/Auferstehung) interpretiert und die kernigere Demi-Grand-Choeur-Klangfarbe entsprechend umgewandelt. Kann man machen, muss man nicht. Geschenkt. (Wenn ich an dieser Aufnahme etwas zu beckmessern hätte, wäre es eher die beeindruckende Agogik und breiten Tempi, die mir in solch einen Konzertsaal nicht so recht reinpassen will. In einen Raum mit lebhafter Akustik scheint mir das noch besser zu funktionieren.)

[…] Da Widor aber keine Angaben zu einer Änderung der Registrierung in den Noten gemacht hat, folge ich als Interpret an dieser Stelle den Intentionen des Komponisten. […]

Das ist sehr löblich. In solchen in der praktischen Umsetzung „einfachen“ und eindeutigen Fällen ist es natürlich ein Leichtes, sich als Anwalt des Notentextes über andere Interpreten zu stellen, die es offenkundig „falsch“ (aus welchen Gründen auch immer) registrieren. Aber es gibt doch weitaus gravierendere Fälle, in denen Organisten es mit den eigentlich „eindeutigen“ Registrierangaben und/oder der „Intention des Komponisten“ alles andere als „genau“ nehmen, sei es, weil sie das Stück bzw. den Komponisten nicht verstanden haben oder heute zumindest diskussionswürdigen Interpretationsschulen folgen oder korrupte Notenausgaben verwenden. Dass hier die Interpreten - vor allem bei Aufnahmen - „in der Pflicht“ stehen, fordert ja auch Cor de Basset durch seine zahlreiche Hinweise auf die neuesten Wissenschaftlichen Ausgaben und kursierende Fehlerlisten (beispielsweise beim französischen Repertoire).

Ich möchte nun dynamische Realisierungen bzw. Interpretationen kritisieren, die nun wirklich der musikalischen Anlage des Werkes und der Intention des Komponisten entgegenstehen oder diese zumindest nicht erkennen lassen. Beispiele dafür gibt es sowohl auf Aufnahmen an „modernen“ als auch „historischen“ Instrumenten, daher möchte bzw. brauche ich nun nicht schon wieder das Fass „Reger auf modernen Orgeln“ aufmachen.

Als konkretes Beispiel sei Max Regers Choralphantasie „Ein feste Burg“ op. 27 genannt, genauer die Ausarbeitung der 4. Strophe (ab Takt 135), Erstdruck Seite 12 oben, die man als Fuge, zumindest aber Fugato, verstehen kann, wobei das Fugenthema aus dem Cf abgeleitet wurde. Zur groben Erklärung:
In Takt 135 setzt die linke Hand das Decrescendo der vorhergehenden Takte auf dem zweiten Manual fort. In der rechten Hand erklingt der Cantus firmus auf dem ersten Manual im forte. Während (um im Bild der Fuge zu bleiben) Dux und Comes erklingen, wird das zweite Manual langsam aufregistriert, bis der dritte Themeneinsatz im fortissimo auf dem zweiten Manual erklingt. Das erste Manual bildet da „nur“ und weiterhin im forte den Kontrapunkt.
Ab Takt 148 geht es auf diese Weise weiter, allerdings mit dem Clou, dass das „Fugen-Thema“ als Steigerungsmittel eingesetzt wird: die Themeneinsätze werden nun wieder auf dem I. Manual, das gegenüber dem II. Man. dabei immer „hervortretend“ registriert ist, gespielt. Die weiteren C.f.-Zeilen werden in dem Fugato-Verlauf hineinverwoben. Kurz: Jeder Einsatz des C.f., sei es als Choral oder abgeleitetes Fugatothema, bedeutet eine weitere dynamische Steigerung.

Man schaue sich hingegen Straubes Ausgabe der Choralfantasie an. In der Straube-Schule wurde dieser grundsätzliche Steigerungsverlauf nun ignoriert und gleich auf beiden Manualen ff respektive f begonnen. Die C.f.-Einsätze, die immer „nahtlos“ in den weiteren Stimmenverlauf des Fugato übergehen und somit jeweils eine weitere Steigerung bedeuteten, werden dynamisch eingeebnet durchgespielt. Der großangelegte Steigerungsverlauf wird dadurch völlig zerstört.

Auch die Breitkopf&Härtel-Ausgabe ist hier fehlerhaft. Die C.f.- bzw. Themeneinsätze werden hier zusätzlich hervorgehoben: nach dem hervortretenden C.f.-Einsatz wird die Dynamik zurückgeschraubt und die großangelegte Steigerung zerbröselt: Eine solche Spielweise widerspricht der Stimmführung und raubt dem Werk die Energie, abgesehen davon wird das grundsätzliche Konzept, der allmählichen Überblendung, bei der das „Hintergrundgeschehen“ nach und nach zum „Vordergrund“ wird, ebenfalls zerstört.
Dabei ist der Erstdruck doch eindeutig.

Kurz: Durch einen einfachen Blick auf den Erstdruck hätten viele Interpreten es „besser“ wissen und richtig spielen müssen. Dass die Breitkopf&Härtel-Ausgabe korrupt ist, ist seit Jahrzehnten ein offenes Geheimnis.

Liebes Cor de Basset: Über solche „Fehler“ der Interpreten lohnt sich – meiner bescheidenen Meinung nach - eher, überhaupt eine proaktive Bemerkung zu verlieren. Bei allem Respekt vor der Werk- und Textkenntnis, die unbestritten vorhanden ist.

Gruß
Karsten


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