Orgeln in Marburg (3)

Dorforganist @, Dienstag, 18. Juni 2013, 21:13 (vor 4821 Tagen) @ Dorforganist

„Außergewöhnlich“ in vieler Hinsicht ist die „Repräsentationsorgel“ von Woehl, die mit 38 Registern auf 4 Manualen in der nicht besonders großen Kugelkirche auf den ersten Blick etwas überdimensioniert scheint. Doch Woehl brachte zum einen das Kunststück fertig, diese Registerzahl in einem extrem flachen Gehäuse unterzubringen (und es 2003 noch um 3 große Register, darunter eine Prinzipalschwebung, zu erweitern, die auch noch Platz gefunden haben – wenn auch deren Registertraktur außen hinter der Orgel geführt werden mußte), dabei aber die Spieltraktur trotz ihrer Länge in dem relativ hohen Gehäuse

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äußerst leichtgängig und mit sehr kurzen Tastenwegen bedienbar zu halten.

Zum anderen ist die Intonation der Register so, dass sie eher zu neuen Klangfarben verschmelzen als die Lautstärke zu forcieren. So wird weder das nur prinzipalisch (plus einem Bordun 16‘, einer Flöte 4‘ und einer geheimnisvollen Vox humana) besetzte Hauptwerk noch die auf dem vierten Manual zu spielende Trompetteria im Plenum jemals unangenehm laut. Und doch ist auch jedes einzelne Register in der Lage, sich im Kirchenraum als Individuum zu zeigen – und sich mit anderen zu immer neuen Klangfarben zu mischen. Auffällig z.B. der sehr edle Prinzipal 8‘ im wohl italienisch inspirierten Hauptwerk, der zu vielen Registern der anderen Werke als Begleitung verwendet werden kann und dem die Octave 4‘ schon einen Glanz verleiht, der für die Begleitung einer kleineren (Diaspora-)Gemeinde oft vollkommen ausreichen dürfte.

Die Idee, die Trompetenstimmen, die zusammen mit dem herben Cornett sowohl französisch als auch spanisch klingen können, auf einem eigenen Manual zusammenzufassen, war 1976 wohl seiner Zeit weit voraus. Damit kann es sowohl solistisch verwendet werden als auch an das Hauptwerk gekoppelt zu einem beeindruckenden Zungenplenum beitragen.

Wenn auch die Anordnung der Manuale (Oberwerk auf dem untersten Manual, Hauptwerk auf dem zweiten, Brustwerk auf dem dritten und Trompetteria auf dem vierten) und der Registerzüge

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nicht auf den ersten Blick einleuchtet, könnte man viele anregende Stunden verbringen, die sich keinesfalls auf barocke Musik beschränken müssten, denn auch Mendelssohn oder Rheinberger lassen sich ohne Abstriche auf dieser wirklich außergewöhnlichen Orgel darstellen.

Doch der Tag hatte sich geneigt, und der auf der Empore mit seinem Lehrer eingetroffene sehr junge Nachwuchsorganist ließ die Erinnerung an die eigenen Anfänge wieder auferstehen. Er wirkte auch nicht unglücklich darüber, dass der Kantor noch einen Teil der Unterrichtsstunde mit mir verplauderte, wobei ans Tageslicht kam, dass er „meine“ Sandtner-Orgel auch schon mal gespielt und in guter Erinnerung hat. Sein Zungenschlag verriet ohnehin, daß er aus Regensburg kam, wo ich in meinen jungen Jahren studiert hatte. Die Welt ist manchmal doch ein Dorf…


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