Hirtenbrief zur Kirchenmusik von Erzbischof Alexander Sample

Hausorgler @, Feldkirch/Vorarlberg, Sonntag, 09. Juni 2013, 09:13 (vor 4827 Tagen) @ Poupoulcorouse

Ich denke, dahingehend ist der gute Prälat schon eine aussterbende Spezies und sollte daher unter Artenschutz gestellt werden. Diese Versuche, abstrakt zu definieren, was sakrale Kunst von weltlicher Unterscheidet waren (nicht nur in der Musik) früher gang und gäbe. Bloß: das funktioniert nicht. Mit solchen Definitionen produziert man allenfalls leere Worthülsen zur beliebigen Füllung. Im Gegenteil: die sakrale Kunst war immer untrennbar mit der "weltlichen" Kunst verbunden. Das überschneidet sich doch ständig: Gotik war nicht nur Kirchenbau, sondern auch profaner Repräsentationsstil, ebenso Renaissance, Barock usw. Polyphonie gabs nicht nur für Messtexte und ich denke, die Singweise der Gregorianik fiel auch nicht vom Himmel. Vermutlich wurde so auch zu weltlichen Texten gesungen und man sang dann eben die Gradualien auf die selbe Weise, weil man eben zu der Zeit so sang. Lediglich der Überlieferungsstrom ist im sakralen Bereich stabiler, weil es da immer irgendwelche "konservativen" Nischen gibt, wo sich "in der Welt" Abgelegtes länger hält. Dies vielleicht deshalb, weil theologisch der Begriff der "Traditio" immer wichtig war und von daher das Alte tendenziell als würdiger galt.
Ich war in meiner Jugend ziemlich enttäuscht, als ich irgendwann erfuhr, daß auch das so "heilige" Weihnachtsoratorium nur zweite Wahl ist und die Pauken und Trompeten zuerst nicht dem lieben Jesulein galten, sondern Repräsentationsmusik auf ein sächsisches Töchterlein war. Vielleicht sollte man dem guten Bischof überhaupt mal eine Liste sehr üblicher ALTER Kirchenliedmelodien mit den ebenso dazu einst gesungenen weltlichen Gassenhauertexten überreichen. Wenn ich mich recht erinnere, ist's John Dowland, der einen ausgesprochen erotischen Text zur Melodie "oh Haupt voll Blut und Wunden" in seiner Liedleinsammlung hat.


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