Evangelische Posaunenchöre

Friedrich @, Sonntag, 05. Mai 2013, 11:03 (vor 4865 Tagen) @ OrganisteTuttilaire
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 05. Mai 2013, 11:43

Woher kommt eigentlich die Tradition und vor allem die hohe Bedeutung der Posaunenchöre in der evangelischen Kirchenmusik?

Dazu gibt es schon eine Art Legende. Im Mittelpunkt steht "Posaunengeneral" Johannes Kuhlo. Die Legende besagt, dass er mit wachsendem Entsetzen sah, wie der im 19. Jahrhundert neue industriell gebrannte, billige Schnaps die Männer ganzer Dörfer in den Alkoholismus stürzte; sie versoffen das beim Torfstechen usw. verdiente Geld am Ende der Woche. Daraufhin sammelte er Instrumente und gründete mit Hilfe Gleichgesinnter Posaunenchöre, die an den kritischen Abenden -- der Zahltage -- die Männer vom Zechen abhielten und sie stattdessen zum Proben bewegten.

An der Legende stimmt, dass es Kuhlo darum ging, die Männer vom Saufen abzuhalten. Die Posaunenchöre waren allerdings nur ein Teil der Strategie; die Hauptrolle spielte wohl die Gründung der CVJM-Gruppen.

Und warum scheint sie sich über all die Jahrhunderte ein großes Bisschen von der Tristesse der 1630er Jahre bewahrt zu haben? Selbst wenn sie bemüht verswingt und synkopiert wird?

Ich weiß nicht, wie trist ein professionelles Posaunenquartett um 1600 geklungen haben mag. Das kann auch eine sehr bewegliche Angelegenheit gewesen sein, mit Zink im Diskant. Hör mal so Grüppchen wie die Cornets noirs (z. B. auf den von ihnen veröffentlichten Audite-Platten).

Generell ist es aber für Laienmusikanten schon immer sehr, sehr schwer, so etwas wie musikalischen Esprit rüberzubringen. Musik für Posaunenchöre muss z. B. berücksichtigen, dass nur wenige Bläser wirklich hoch, rhythmisch direkt und beweglich spielen können, von der Intonation mal ganz abgesehen. Jedes Schülerquartett (Streicher oder Blockflöten oder was) und jeder normale Kirchenchor liefert dazu Anhörungsmaterial, und jeder Chorleiter ist zu bewundern, der es mit viel Können, massenpsychologischen Tricks und persönlicher Manipulation schafft, die Begeisterung auch akustisch durchklingen zu lassen.

Der Posaunenchor-Satz zum bekannten Kirchentagsheuler "Komm, Herr, segne uns" ist ein Beispiel für gekonnt laienmäßig gesetzte Musik: Der Satz ist für mittelgutes Ensemble gesetzt und hat einen Extra-Jubilus ad libitum für den begabteren Trompetensolisten, den manche Posaunenchorleiter unter ihren Schützlingen entdecken.

Die Posaunenchöre leisten immer noch viel Integrationsarbeit, genauso wie andere kirchenmusikalische Laiengruppen, aber sie haben es schwer angesichts der hochgradigen musikalischen Professionalisierung, die ja auch den Schallplattenmarkt längst beherrscht. Musik ist, wenn man's trotzdem macht.

Gruß,
Friedrich,

ehemals ein zweiter Trompeter in einem ehrgeizigen, aber trotzdem stets ledern klingenden Posaunenchörchen im niedersächsisch-westfälischen Grenzland, das seine großen Momente eher mit "Alexander's Rag Time Band" hatte als mit Terpsichore.


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