Joseph Bonnet, Variations de Concert op. 1

Cor de Basset, Montag, 29. April 2013, 16:41 (vor 4869 Tagen) @ Karsten
bearbeitet von Cor de Basset, Montag, 29. April 2013, 17:08

Hallo!

Explizit "ad libitum" ist die Pedalkandenz zwar nicht bezeichnet, aber
- einmal scheint es wohl auch Ausgaben zu geben, die die Pedalkadenz nicht abdrucken (siehe eine der beiden Scans auf IMLSP) (sind das Erstdrucke udn wurde die Kadenz später ergänzt?),
- zudem ist die Solokadenz auf einer Exraseite mit Verweisen im Notentext auf eben die Kadenz abgedruckt, und
- eben diese Bemerkung "Cette cadence pour pédale seule pourra être exécutée entre la 25e et 26e mésure de la 4e Variation." habe ich mit meinen weit zurückliegenden Französischkenntnissen aus Schulzeiten bisher etwa so verstanden/übersetzt: "Diese Kadenz für Pedal allein wird zwischen dem 25. und 26 Takt der 4. Variation ausgeführt werden können." Das "pourra" (wird können) und das Layout des Druckbildes scheinen mir daher für eine Ermessensentscheidung auf Seiten des Interpreten hinzudeuten.
Aber ich lasse mich gerne überzeugen.

Gruß
Karsten

Die korrekte Übersetzung lautet: "Diese Kadenz für Pedal solo kann man zwischen dem 25. und 26. Takt der 4. Variation ausführen." Bonnet überlässt somit dem Interpreten die Entscheidung, die Pedalsolo-Kadenz auszuführen oder sie auszulassen. Ich kenne allerdings niemanden, der oder die dieses Stück öffentlich spielt und es ernsthaft wagen würde, die Pedalkadenz zu überspringen, die sich exakt am Kulminationspunkt des Werkes befindet.

Seit der Veröffentlichung 1908 sind die Variations de Concert von Bonnet ins Standardrepertoire vieler Konzertorganisten aufgenommen worden, und zwar mit der Kadenz. Eine Frage der Aufführungspraxis? Ich denke nicht. Ohne sie würde ein entscheidender Punkt in der Dramaturgie dieses Stückes fehlen, bevor man die feurigen Läufe in den Manualen mit dem Thema im Pedal auf den letzten zwei Seiten hört, und auch die aufsteigende "Brio"-Passage im Pedal unten auf S. 8 wirkt ohne die vorher einzufügende Solokadenz seltsam unmotiviert und "amputiert". Ich persönlich spiele dieses schöne Werk sehr gerne, und die Pedalkadenz bereitet mir viel Vergnügen, nicht zuletzt auch unter einem "sportlichen" Aspekt! Sie aber einfach nur kaltblütig "herunterzudonnern" ist mir dabei zu wenig. Gerade hier kann man rhetorisch und dramaturgisch viel gestalten und aussingen, und dort, wo gefordert, natürlich auch das nötige "Feuerwerk" zünden und Brillanz zeigen...

Wenn man die Kadenz nicht spielt, sollte man es lieber lassen, die Variations de Concert von Joseph Bonnet im Konzert zu spielen.


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