Konzertsaalorgeln in Europa

Friedrich @, Montag, 04. Februar 2013, 19:28 (vor 5014 Tagen) @ schnitgers.anderer.erbe

Es wird aber doch viel komponiert für Orgel, oft für speziell ausgestattete Instrumente. Die entsprechenden Einrichtungen – Tastenfessel, Winddrossel, doppelt regelbare Tremulanten, Pedateilung usw. – lassen sich in einer Konzertsaalorgel eher unterbringen als in einem Kircheninstrument, denn man kann sie mit Literaturpflege begründen. Und weil wir dem 19. Jahrhundert ebenso die Konzerthäuser wie den Begriff der absoluten Musik verdanken, hat auch Repertoire Platz, das zur Zeit seiner Entstehung nie anders als zu Gottesdiensten aufgeführt wurde. Damit bekommt man schon eine sehr breite Programmpalette hin.

Man schaue sich nur mal die Programme an, die Organisten wie Nicolas Kynaston oder Christopher Herrick auf ihren CDs pflegen: Bis man allein dieses Repertoire ausgeschöpft hätte, wären zehn bis zwanzig Spielzeiten à 4 oder 6 Konzerte rum, ohne dass ein einziges Choralvorspiel erklungen wäre. Das ist den Veranstaltern genauso wie den Organisten ins Stammbuch zu schreiben: An konzertantem Solorepertoire ist kein Mangel, da herrscht Überfluss! Und auch die lohnende Orgel-plus-Orchester-Literatur reicht locker bis zum übernächsten GMD-Wechsel.

Was man braucht, ist ein Saalmanagement, das mitzieht und die Orgel von Anfang an im Nutzungsplan hat, schon der Pflege wegen. Außerdem müssen Dramaturgie und künstlerische Leitung mitmachen, das heißt, dass die Pflege eines Orgel-Spielplans Teil der Ausschreibungen auch für Chefdirigenten werden muss – da sind also die Träger gefragt. Das halte ich für sehr wichtig, damit nicht einer von den vielen Ahnungslosen am Pult steht.* Und schließlich ist es sehr nützlich, wenn ein Saalorganist auch von der Öffentlichkeitsarbeit ernsthaft aufgebaut wird, mit Image, Fotos, Interviews, Hintergrund usw. Nur wenn die PR den Organisten genauso behandelt wie jeden Gastsolisten oder -dirigenten, wird er in den Augen des Publikums gleichwertig dastehen.

Eigentlich müssen also Konzertsaal-Betreiber, denen an ihren Orgeln liegt, das gesamte Umfeld auf diese Besonderheit hin trimmen. Das kann nicht der Organist der örtlichen Hauptkirche ehrenamtlich leisten! Er muss als Künstler wahrgenommen werden, der Zugriff auf alle Ressourcen des Hauses hat, vom Saalplan bis zur Öffentlichkeitsarbeit, und an allen Terminentscheidungen beteiligt wird.

Das lässt sich ja alles machen. Man muss es nur wollen.

Gruß,
Friedrich

* Immer wieder gern erzähle ich, was ein Freund mir von einer Probe mit einem berühmten dirigierenden Komponisten erzählte, der unter anderem für seine geistlichen Werke berühmt ist. Der Freund orgelte, der Meister schlug ab und verlangte »einen normalen Orgelklang!« Verschiedene Versuche lichteten den Nebel nicht, es blieb dann dabei, dass irgendwas klang. Ich finde die Geschichte genauso schön wie Strodthoffs Bericht von dem Pultvirtuosen, der »die Mittelstimmen!« des Orgelparts hervorgehoben zu haben wünschte.


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