Jetzt aber (Teil 2) (ex: apropos Bach gesamt!)
Nun noch ein paar Anmerkungen zu den Spielern der Bach-Gesamtaufnahme von Aeolus.
Nach dem Tod Ewald Kooimans 2009 hatte Christoph Martin Frommen in dessen Schülerkreis drei Organisten gefunden, die bereit waren, die Gesamteinspielung zu vervollständigen.
Zu tun war noch viel: So hatte Kooiman zwar schon acht Scheiben Musik eingespielt, dabei waren aber zum Beispiel nur eine Triosonate (C-Dur), drei Schübler-Choräle, etwa das halbe »Orgelbüchlein« und von den großen Bächen nur drei: C-Dur BWV 547 (9/8), c-Moll BWV 546, Pièce d’orgue BWV 572. Immerhin waren aber alle Choräle aus der Leipziger Handschrift, ebenso die Choräle aus der Neumeister-Sammlung und die vier bekannten Partiten aufgenommen, außerdem sozusagen aus der zweiten Reihe der freien Stücke die d-Moll-Toccata, die c-Moll-Fantasie BWV 537, das kleine g-Moll BWV 535, das kleine C-Dur BWV 545 mit Largo aus der Sonate BWV 529.
Da fehlten Brocken: die großen Präludien und Fugen in a-, e- und h-Moll und in G- und D-Dur, die Passacaglia, die g-Moll-Fantasie BWV 542, die »Dorische« und die F-Dur-Toccata samt Fugen; der dritte Teil der Clavierübung; die Sonaten und Concerti … Also lauter Stücke, die dem Interpreten interpretatorisches Profil abverlangen und deswegen eine Gesamteinspielung entscheidend prägen – wenn man sie denn als Zeugnis einer einzigen Spielerpersönlichkeit begreifen will.
Hier sind es nun vier geworden. Ute Gremmel-Geuchen, Gerhard Gnann und Bernhard Klapprott spielen einen jeweils sehr individuellen Bach, und es ist klug von Frommen, dass er von einer »Hommage« an Kooiman schreibt und jeden Anschein vermeidet, da sollte etwas im Sinn des Verstorbenen zu Ende gebracht werden.
Ute Gremmel-Geuchen steigt mit dem dritten Teil der Klavierübung ein, und gleich das Präludium Es-Dur (in Straßburg, St. Thomas) zwingt den Spieler ja dazu, Farbe zu bekennen. Gremmel-Geuchen spielt in majestätischem Tempo, trotzdem mit einem flüssigen Beinahe-Legato und geschmackvollen Tempobeugungen, ohne übertriebenes Abziehen in den Echo-Partien. Der Gesamteindruck ist sehr souverän und auch etwas distanziert, was zum Stück und seinem Tonfall offiziellen Prunkens passt. In den Chorälen bestätigt sich das, wobei sie in kammermusikalischen Registrierungen eher ins »ordentliche Fortgehen« hinein spielt. Besonders gefällt mir bei ihr die große Geste: »Aus tiefer Not« (CÜ 3) etwa, die E-Dur-Toccata BWV 566 (hier in majestätischem C-Dur) oder das schon erwähnte grandiose G-Dur BWV 550. Sie spielt übrigens auch die »Acht Kleinen« und nimmt sie angenehm ernst – eben nicht so, dass man sich fragt, was die hier sollen.
Gerhard Gnanns Bachspiel ist für mich der Inbegriff von eleganter Könnerschaft, dabei ohne auch nur einen Anflug von Kühle – er drängt zum Beispiel gerne einmal, spielt ins Tänzerische hinein, artikuliert auch mal offen und fast klavieristisch (z. B. a-Moll-Fuge BWV 543), lässt Liegestimmen wunderbar singen … Dem höre ich einfach immer gerne zu. Mit den »großen« a-, h- und e-Moll und der g-Moll-Fantasie, den Concerti und den Sonaten BWV 525 bis 528 hat er einen großen Teil der Schwergewichte auf sich genommen, und das sind tolle Interpretationen – der Gipfel an Gewicht und klanglicher und formaler Wucht, und das legt Gnann wohl ganz bewusst so an, ist das große e-Moll in Straßburg. Gerade höre ich ein extrem virtuoses Finale der d-Moll-Sonate, aufgenommen in Wasselonne – so etwas ist wirklich Spitzenklasse. Schön ist auch sein Umgang mit der ungleichstufigen Stimmung in Soultz: Das f-Moll BWV 543 knarzt schon ziemlich; im Präludium h-Moll BWV 544 zieht er den H-Dur-Schlussakkord – rhythmisch plausibel – kurz ab, am Ende der Fuge gönnt er uns aber das scharfe Dis, das nun mal ein Es ist, ganz ausgiebig.
Auch in Bernhard Klapprotts Anteil steckt viel Großes: G-Dur BWV 541, D-Dur BWV 532, F-Dur-Toccata, Passacaglia, Toccata-Adagio-Fuge und die »Dorische«, dazu einige der schönsten Orgelbüchlein-Choräle (»Durch Adams Fall«), die G-Dur-Sonate … Bei Klapprott finde ich am ehesten die kalkulierte, individuelle Überraschung: eine Dehnung hier, eine Girlande da (Adagio 564), ein breiter Triller (Fuge 540) dort. Dabei spielt er absolut sicher, dicht und flüssig und liebt – zu Recht – die Silbermannschen Zungenplena: Die Fugen F-Dur BWV 540 und d-Moll BWV 538 klingen damit ungeheuer prachtvoll und deutlich; die »dorische« Fuge gibt so einen herrlichen Schlusspunkt der Einspielung ab. Die Passacaglia übrigens erklingt, gegenüber heutigen Gepflogenheiten, ein wenig im Büßergewand – in den wunderbaren Arlesheimer Grundstimmen 16, 8, 4 und 2. Schön, weil so die expressiven Härten der ungleichstufigen Stimmung, die dieses Stück anbietet, schön herauskommen, ohne zu schreien.
Das sind also fraglos drei Meister – mein Herz schlägt für einen mehr als für die beiden anderen, aber sie zu hören lohnt sich auf jeden Fall. Zuguterletzt aber Kooiman.
Sein Bachspiel ist das am schärfsten profilierte und für den Hörer das forderndste. Er kombiniert bedächtige bis sehr langsame Tempi mit offener, manchmal extremer Artikulation und oftmals unerwarteter Agogik: Weghören unmöglich. Alles ist rhetorisch aufgeladen, bis in die Registrierungen hinein aufs Mitteilen, ja Predigen hin angelegt; manchmal bis an die Grenze zur Unterbrechung des Spielflusses, die er aber nie überschreitet. Sein Eröffnungsstück ist das Neunachtel-C-Dur: Was könnte das für eine prachtvolle Klangmaschine sein, in der eins dicht ins andere greift. Nicht so hier. Alles offen, alles frei, prägnant bis überdeutlich, immer redend; die Pedalstimme so scharf artikuliert, dass die Bombarde manchmal passen muss. Wenn das Stück um ist, fühlt man sich nicht angenehm erbaut, sondern bearbeitet, durchgeknetet, überredet. Wie gesagt: Weghören unmöglich.
Dafür wird man belohnt mit der Schönheit, in der Kooiman seine Spielweise und die Klänge zusammenbringt. Er hat ein Ohr für die Eigenheiten all dieser herrlichen Orgeln – aber was er in Marmoutier an Farben zutage fördert, das ist sensationell. Diese strenge, als »große« geradezu karg ausgestattete Orgel offenbart sich einem da – auch dank Frommens Aufnahmen – in einer fantastischen musikalischen Tiefe. Nur ein Beispiel (Scheibe 1, Track 13): »O Mensch«. Pedal 16+8, HW Montre, RP Bourdon + Nazard, Tremulant aufs Werk. Dürre Worte.
Das muss man gehört haben.
Gruß,
Friedrich
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- Jetzt aber (Teil 2) (ex: apropos Bach gesamt!) - Friedrich, 02.11.2012, 21:59
- Jetzt aber (Teil 2) (ex: apropos Bach gesamt!) - doppelfloete_h, 02.11.2012, 22:09
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