Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert)
In der Hochschule in Tübingen baute Ahrend eine Orgel mit zwei Stimmungssystemen. Er realisierte dies mit Wechselschleifen, so dass man für jedes Register einzeln festlegen kann, ob man es mitteltönig oder wohltemperiert nutzen möchte (Video dazu mit etwas seltsamen Einwürfen, die fachlich nicht immer ganz richtig sind). Jede Oktave besitzt 18 Pfeifen.
Mit 18 Pfeifen pro Oktave hat auch Wegscheider in Dresden-Wilschdorf gearbeitet, allerdings nicht mit Wechselschleifen, sondern mit einem Eingriff in die Traktur (ausführliche Beschreibung). Um die Temperierung zu ändern, muss man alle Register und Koppeln abschalten und dann rechts und links unten die Registerzüge unter den Manualen herausziehen.
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[Nachtrag: Das ist falsch. Es ist kein Eingriff in die Spieltraktur, sondern die Registertraktur wird geändert. Wegscheider erklärt es hier. Er benutzt drei Schleifen pro Register.]
Das wirkt zwar ein wenig fragil, funkioniert aber bestens. So schnelle Demonstrationen und Vorführungen des Wechsels wie an der Ahrend-Orgel sind dann zwar nicht möglich, aber man kann problemlos innerhalb eines Konzertes die Temperierung ändern. (Ich glaube, dass man in der Praxis eher selten Register mit unterschiedlichen Temperierungen zusammenspielt, wie es an der Ahrend-Orgel möglich wäre.) Der Vorteil der Wegscheider-Umsetzung liegt wahrscheinlich darin, dass jede Pfeife auf der Kanzelle steht und nicht mit Verführungen gearbeitet werden muss.
Musikalisch ist das Instrument ein interessantes Erlebnis. Die Mitteltönigkeit mit ihren sauberen Terzen macht bei alter Musik viel Freude (Froberger, Kerll, Erbach, Scheidemann). Vor allem chromatische Passagen klingen apart, aber auch plötzliche Wechsel (F-Dur zu A-Dur). Man kann bei den Durtonarten bis A-Dur (mit E-Dur als Dominante) spielen, bei den B-Tonarten bis B-Dur mit Subdominante Es-Dur). Die einzelnen Dur-Akkorde klingen unterschiedlich rein, weil die Quinten unterschiedlich sauber sind.
Bei Bach, Buxtehude oder dem Husumer Orgelbuch (Druckemüller) ist die Mitteltönigkeit unerträglich. Hier klingt die wohltemperierte Stimmung angenehm, aber immer noch klar "anders" als gleichschwebend. Das liegt natürlich vor allem an der immer noch reinen Terzen C-E. Ich muss (etwas ketzerisch) gestehen, dass mir diese wohltemperierte Stimmung so gut gefallen hat, dass ich beim (mehrstündigen) Ausprobieren nicht mehr zur mitteltönigen Stimmung zurückgekehrt bin.
In Bremen-Walle habe ich das Prinzip von doppelten Obertasten (Subsemitonien) kennengelernt. Hier sind die Tasten dis/es und gis/as doppelt vorhanden, um reine Terzen zu erhalten. Außerdem kann man mechanisch umschalten zwischen b und ais. Diese Orgel bleibt also mitteltönig, erlaubt aber mehr Tonarten als bei Instrumenten ohne Subsemitonien. Interessant fand ich an dieser Orgel, wie man sich bei chromatischen Passagen entscheiden muss, welche der beiden Tasten (für gis und as) man im Durchgang benutzt. In Bremen-Walle braucht man also 15 Pfeifen pro Oktave.
Noch zur Wegscheider-Orgel:
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Die sehr alte Kirche ist klein, nur eine Kapelle, alles klingt sehr direkt. Die Orgel ist mehr als ausreichend.
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Trotz der geringen Höhe stehen die beiden Manualwerke übereinander, das Brustwerk besitzt also nur wenig Höhe.
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Es gibt dort keinen labialen 8', sondern nur ein hübsch schnarrendes Regal, das mir etwas zu kräftig vorkam, um als Basis zu dienen. Die Quinte 3' erzeugt im "Tutti" des Brustwerks Farbe und vielleicht auch ein wenig Grundtonverstärkung. Ohne Regal ist sie nicht einsetzbar. Mir hätte eine 1 1/3'-Quinte besser gefallen, damit hätte man mehr anfangen können.
Im HW finden sich zwei gedeckte 8'-Register. Der Quintatön ist kräftig und als Solo-Stimme geeignet (Begleitung mit Flöte 4' vom BW, eine Oktave tiefer gespielt). Reizvoll klingt das Dazuziehen des Nasat 3' plus Tremulant. Die Terz (ab c1) ist ein merkwürdiges Register, weil sie nicht zum Nasat passt. Es ergibt keinen Sesquialtera, die beiden zusammenzuziehen. Sie überzeugt nur, wenn man sie im Plenum hinzunimmt, dann erklingt eine Art Cornettmixtur (Zungenersatz?). Der "Cimbel" ist keiner. Es handelt sich um eine repetierende zweifache Mixtur; wenn ich richtig gehört habe, beginnt sie auf 1', springt dann in den 2', später 2 2/3' und 4', verstärkt also im Diskant die vorhandenen Register, ohne darüberzuliegen. Für den Gesamtklang ist das sehr angenehm und gut erträglich.
Schön unterschiedlich klingen die Flöten, im BW aus Holz.
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Ein Schwachpunkt ist das hinterständige Pedal. Der Gedacktbass 8' ist völlig eigenständig (kein Oktavauszug aus dem Subbass 16'), aber schwach. Die Höhe hätte gereicht, einen offenen 8' zu bauen, zum Beispiel einen engen Principalbass, der in Sachsen gern "Violon" genannt wird. Das hätte die Wirkung des Pedals stark gesteigert.
Es gibt nur eine Schiebekoppel II an I und eine Pedalkoppel ans HW. Leider koppelt die Schiebekoppel nicht durch, wenn man I-P gezogen hat. Das Tutti mit Regal ist im Pedal also schwächer als in den Händen, weil das Regal nicht im Pedal mitklingt.
Die Traktur ist supersensibel, im Pedal fast zu leichtgängig.
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Schade, dass man bei einer handwerklich so hervorragend gearbeiteten Orgel billige Papierklebeschildchen für die Registerbezeichnungen verwendet hat, die nicht mehr haften.
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Orlos,
24.10.2024, 17:23
- Erlebt: Wegscheider-Orgel mit zwei Temperierungen (mitteltönig und wohltemperiert) - MartinH, 24.10.2024, 17:50
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3rd_astronaut,
24.10.2024, 19:08
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Alkooikerker,
24.10.2024, 23:15
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Max Reger,
27.10.2024, 00:44
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Karl-Bernhardin Kropf,
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