erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

Orlos @, Mittwoch, 07. August 2024, 00:09 (vor 767 Tagen)

Nach der Woche in Wien gönnten wir uns noch ein paar Tage in Linz. Dort konnte ich ein paar Orgeln kennenlernen.
Die große Domorgel von 1968 hat mich positiv überrascht.
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Ich rechnete mit "Neobarock-pur", aber das Instrument ist deutlich vielseitiger. Zuerst hörte ich es in einem Konzert von unten. Natürlich gibt es einige hochliegende Mixturen und "spuckende" Prinzipale, die die Vorstellungen dieser Zeit repräsentieren. Gerade aber die verschiedenen Prinzipalchöre zeigen aber auch, wie viel Kraft in solchen Orgeln stecken kann (meines Erachtens hier viel mehr als etwa in Ulm oder im Würzburger Dom, die zeitgleich entstanden sind).
Hier finden sich einige Aussagen und Dokumente zur Entstehungsgeschichte.
Als ich dann selbst probieren durfte, erlebte ich ganz unterschiedliche Klangfarben. Man findet runde Flöten, wirklich "romantisch" klingend (Traversflöte), aber auch klar zeichnende Gedackte. Die Trompeten im Schwellwerk sind französisch inspiriert, auch das kraftvolle HW-Cornett. Auf den ersten Blick gibt es nur wenige Streicher (die Gambe im OW ist genau richtig intoniert: solofähig und trotzdem mischfähig), aber sowohl die Spitzgambe als auch die Spitzflöte sind durchaus brauchbar, wenn man das barocke Repertoire verlässt. Hätte man im schwellbaren OW noch eine Unda maris untergebracht, wäre ziemlich alles Notwendige vorhanden.
Die chorreichen Mixturen bestehen aus vielen Doppelchören, das bringt viel Kraft. Man kann trotzdem erstaunlich transparent spielen, obwohl der Dom sehr groß und der Nachhall lang ist. Man legte Wert auf ein recht flaches Gehäuse, damit die Klänge direkt in die Kirche strahlen können.
Bei den Zungenstimmen finden sich alle Bauformen, etwa eine recht weiche Oboe 8', aber auch ein frecher Zink 2' und ein stilles Fagott 16' im Pedal, im RP gleich drei Zungen 16', 8', 4' und im BW Kurzbechriges im gewohnten Timbre.
Im Grunde handelt es sich um ein Universalinstrument, auch wenn man das damals so nicht gesagt hätte.
Die Manualregister werden rein mechanisch gezogen, nur beim Pedal ist die Registertraktur elektrisch (mit drei freien Kombinationen). Koppeln gibt es nur zum HW und zum Pedal. Mit zwei fitten Registranten lässt sich auch Symphonisches bewältigen. Sehr hilfreich ist die Barkermaschine für die Manualkoppeln; wenn man sie weglässt, ist artikuliertes gekoppeltes Spiel nur kurzzeitig möglich.

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Allerdings sind mir beim Spielen auch ein paar Probleme aufgefallen. Bei allen (!) 16'-Zungenregistern sprechen die Töne in der tiefen Oktave nur sehr langsam an. Bei den beiden 32'- Registern klingt jeder Ton anders, es gibt wunderbar runde und nur fauchende. Bei der Posaune 32' klingt etwa das tiefe Des viel schöner als das tiefe C.

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Die beiden spanischen Trompeten, die nicht derb klingen, sondern strahlend, stehen auf einer eigenen Lade, die mit einer Koppel dazugeschaltet wird. Leider funktionierten einige Töne in der Mittellage nicht. Es gibt also Renovierungsbedarf (wie auch in der fast zeitgleich entstandenen "Schwester" in Rotterdam). Über den Einbau einer Setzeranlage sollte man nachdenken, ansonsten wäre es aber schön, wenn die Orgel klanglich erhalten bleiben könnte – als ein herausragendes Beispiel der 1960er-Jahre.

Die Orgelempore ist erstaunlich geräumig. Von unten sieht das alles recht kompakt aus, weil man keinen Vergleichsmaßstab erkennt. Im Prospekt steht immerhin das große D des 32'. Oben merkt man dann, wie gewaltig die Ausmaße sind.

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Vorne steht noch eine schöne Chororgel mit tragfähigem Klang, die ich im Gottesdienst hören konnte. Sie wurde optisch der Hauptorgel angepasst (und erhielt die vergoldeten Labien, die man der Hauptorgel nicht gegönnt hatte!), allerdings sind die beiden Instrumente natürlich nicht miteinander verbunden.

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Über den derzeitigen Zustand der alten Orgel habe ich mich nicht erkundigt.

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erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 07. August 2024, 09:40 (vor 767 Tagen) @ Orlos

Die große Marcussen ist wirklich eine Ansage und übersteht nun schon einige Modewellen dank ihrer Qualität. Ja, die geringe Tiefe war ein Muss, es kamen die stehenden Schleifen zum Einsatz.
Vielleicht ist ja eine Aufarbeitung in der Pipeline, denn im Ablieferungszustand war die Zuverlässigkeit der Pedalpfeifen sicher gegeben, auch kenne ich die Chamaden in voller Funktion.
Auf die Frage an meinen Lehrer Alfred Mitterhofer, ob man die Barkermaschine einschalten sollte oder nicht, antwortete er: "Du wirst es schon merken..."
Der riesige Dom ist ohnehin beeindruckend - dass man so etwas im 19./20. Jahrhundert schaffen konnte (bin gegenwärtig auf Rundfahrt durch Nordfrankreich/Belgien und huldige den hiesigen gewaltigen Kirchen)...
Vor vielen Jahren habe ich im Linzer Dom auch erstmals eine heimliche Verstärkung des Chores für die Liturgie erlebt. Der etwa 30 Personen umfassende, gepflegt singende Chor stand leicht abgetreppt unter einer leicht gewölbten Plexiglashaube (mangels Beleuchtung viel ansehnlicher als die Lösung im Wiener Stephansdom), und es gab Kondensator-Mikrophonierung und eine sehr dezent mitlaufende Verstärkung, die man eigentlich nur merkte, weil einige Konsonanten und die Blättergeräusche vernehmlicher waren, als die Entfernung es zulassen würde.
Auch die Pflüger-Orgel vorne rechts ist dazu ein gediegenes Instrument, auch wenn sie nicht an etwas Schweizerisches oder so herankommt.

erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 07. August 2024, 11:49 (vor 767 Tagen) @ Orlos

....im Stephansdom-Buch Peter Planyavskys findet sich die folgende Anekdote (ich habs jetzt nicht nachgeschlagen, aber es müsste so hinkommen): er und der damalige Domkapellmeister (und Prälat) Wesely im Gespräch über die "Qualität" der Kauffmann-Orgel; diese Gespräche waren stets schwierig, weil Wesely sie wesentlich mitgeplant hatte und sich (menschlich begreiflich, wenn auch sachlich unberechtigt) von dem "Bürscherl" nicht sagen lassen wollte, dass sie eine unbrauchbare Fehlkonstruktion sei. Wesely zu Planyavsky: als man die Domorgel in Linz geplant habe, sei auch eine Delegation aus Linz in den Stephansdom gekommen: "...die wollten sich ansehen, wie man sowas macht!"

Beim Lesen solcher Passagen kann man sich dann schon fragen, was größer ist: Erheiterung oder Bestürzung. Wesely war offenbar nicht in der Lage, den himmelweiten Unterschied zwischen den beiden Orgeln zu erkennen, und von der internationalen Entwicklung, in der Marcussen damals eine große Rolle spielte ("dänische Orgelreform"), scheint er überhaupt nichts mitbekommen zu haben.

Ich ärgere mich heute noch, dass ich nicht an der Tagung zum 50-jährigen Bestehen der Linzer Marcussen-Orgel im Oktober 2018 teilgenommen habe. Übrigens hielt Planyavsky auch dort ein Referat, es gab eine Tonaufzeichnung im www, und auch bei dieser Gelegenheit hatte er eine Wesely-Anekdote parat: er sitzt an der Kauffmännin und registriert ein, eine Probe steht an. Wesely tritt an den Spieltisch: "...wos mochst'n da?" - Pl.: "...ich registriere ein..." Wesely (wirft offenbar einen Blick auf die Registrierung): "...naaaa, naaaa..." - dann machte Planyavsky das Geräusch nach, wenn man mit Fingernagel-Glissando reihenweise Registerwippen nach unten klickt.....

erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

perotin, Mittwoch, 07. August 2024, 14:43 (vor 767 Tagen) @ Orlos

Als ich dann selbst probieren durfte, erlebte ich ganz unterschiedliche Klangfarben. Man findet runde Flöten, wirklich "romantisch" klingend (Traversflöte)

Ein schöner Flötenklang ist mir noch "im Ohr" von César Francks Pastorale. Kurt Rapf hatte nämlich die Linzer Domorgel um 1972 herum für eine Gesamteinspielung der Orgelwerke Francks gewählt.

erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

Karsten @, Mittwoch, 07. August 2024, 15:16 (vor 767 Tagen) @ Orlos
bearbeitet von Karsten, Mittwoch, 07. August 2024, 15:19

Hallo!

Eine der besten Aufnahmen, die an der Rudigier-Orgel gemacht wurden, ist die Reger-Platte von Anton Heiller für die L'Encyclopedie de l'Orgue bei Erato.
Die Aufnahmen sind zum Reger-Jahr 2016 in einer Box von Warner versteckt zum ersten Mal auf CD erschienen.
Ambiente hat sie im Rahmen der Heiller-Edition dann separat auf CD herausgebracht.

In dem Band Organum XX der auf dem von Wolfgang erwähnten Symposium zum Rudigier-Orgel-Jubiläum vorgestellt wurde, ist die Notenausgabe Heillers von Regers Wachet-Auf-Fantasie mit den Registrierungen abgedruckt. Eine sehr gute Schule über den (effizienten) Umgang mit solch einem Instrument.

Gruß
Karsten

erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

hardy @, Mittwoch, 07. August 2024, 21:02 (vor 766 Tagen) @ Karsten

Ich erinnere mich an eine Sendung in WDR 3, wohl Anfang der 80er, mit Kurt Rapf. Reger: Fantasie über "Freu dich sehr, o meine Seele". Habe ich damals auf Cassette aufgenommen, wie üblich, und fand ich recht beeindruckend.

erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

Karsten @, Mittwoch, 07. August 2024, 22:27 (vor 766 Tagen) @ hardy

Ich erinnere mich an eine Sendung in WDR 3, wohl Anfang der 80er, mit Kurt Rapf. Reger: Fantasie über "Freu dich sehr, o meine Seele". Habe ich damals auf Cassette aufgenommen, wie üblich, und fand ich recht beeindruckend.

Ja, heute geht sowas mit nem Link:
https://youtu.be/CUqsbIZV_2E?si=TfAcY5B0nv2ZOR9E

Gruß
Karsten

erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

Friedrich @, Mittwoch, 07. August 2024, 22:39 (vor 766 Tagen) @ Karsten
bearbeitet von Friedrich, Mittwoch, 07. August 2024, 23:01

Ich erinnere mich an eine Sendung in WDR 3, wohl Anfang der 80er, mit Kurt Rapf. Reger: Fantasie über "Freu dich sehr, o meine Seele". Habe ich damals auf Cassette aufgenommen, wie üblich, und fand ich recht beeindruckend.


Ja, heute geht sowas mit nem Link:
https://youtu.be/CUqsbIZV_2E?si=TfAcY5B0nv2ZOR9E

Gruß
Karsten

Ah, danke, Karsten!
Hier hört man gut die schwimmende Charakteristik der Dynamik, wohl eine Folge der Schäden an den lange gelagerten Bändern.

Edit: Die CDs klingen allerdings detaillierter als die YT-Zurichtung.

erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

Friedrich @, Mittwoch, 07. August 2024, 22:36 (vor 766 Tagen) @ hardy

Ich erinnere mich an eine Sendung in WDR 3, wohl Anfang der 80er, mit Kurt Rapf. Reger: Fantasie über "Freu dich sehr, o meine Seele". Habe ich damals auf Cassette aufgenommen, wie üblich, und fand ich recht beeindruckend.

Rapf hat mit MPS einen Teil seiner Reger-(nicht ganz)Gesamteinspielung im Linzer Mariendom aufgenommen. Vor acht Jahren habe ich hier mal drüber geschrieben. Möglicherweise kann Dein Cassettenmitschnitt mehr als die CD-Veröffentlichung von 2016, die ausgerechnet bei den Linzer Aufnahmen ziemlich schlimm klingt. Das betrifft aber vor allem die Dynamik. Die Farben hört man recht genau.

Ich finde das auch eine wirklich faszinierende Orgel, auch wenn ich noch nie dort war. Ein Orgelturm, ähnlich wie später -- stilistisch schon eine Generation später -- Altenberg, wo aber HW und SW vertauscht sind. Alles mechanisch, alles ganz flach, alles übereinander mit Pedalflanken. Sehr typisch für Zeit und Erbauer in jeder Hinsicht, und gestalterisch in meinen Augen gelungener als die ältere, etwas schlankere Schwester in Kopenhagen.

Viele Grüße
Friedrich

erlebt: Marcussen-Orgel in Linz (Mariendom)

Florian-L @, Dienstag, 27. August 2024, 20:44 (vor 746 Tagen) @ Orlos

Allerdings sind mir beim Spielen auch ein paar Probleme aufgefallen. Bei allen (!) 16'-Zungenregistern sprechen die Töne in der tiefen Oktave nur sehr langsam an. Bei den beiden 32'- Registern klingt jeder Ton anders, es gibt wunderbar runde und nur fauchende. Bei der Posaune 32' klingt etwa das tiefe Des viel schöner als das tiefe C.
Die beiden spanischen Trompeten, die nicht derb klingen, sondern strahlend, stehen auf einer eigenen Lade, die mit einer Koppel dazugeschaltet wird. Leider funktionierten einige Töne in der Mittellage nicht. Es gibt also Renovierungsbedarf (wie auch in der fast zeitgleich entstandenen "Schwester" in Rotterdam).

Merkwürdig, meines Wissens war die letzte Ausreinigung erst im Jahr 2018.

Gruß, Florian

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