Reger mit Rapf – ein erster Überblick

Friedrich @, Montag, 23. Mai 2016, 11:19 (vor 3765 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Montag, 23. Mai 2016, 11:26

Liebe Forenser,

als hier die Nachricht die Runde machte, dass die Reger-Aufnahmen von Kurt Rapf auf CD erscheinen sollen, habe ich sofort die übliche Kritikermail an den Verlag/Vertrieb Edel gerichtet (»… würde mich sehr freuen, wenn Sie mir ein Rezensionsexmplar der CD …«) und hatte nach einer weiteren Nachfrage die Box nach zwei Wochen in Händen, sozusagen pressfrisch. Inzwischen ist sie seit fast zwei Wochen für um die 40 Euro auf dem Markt, vielleicht hat der eine oder die andere sie schon und ahnt deswegen, was jetzt kommt.

Meine Neugier war groß. Von Rapf hatte ich nur eine aufnahmetechnisch sehr üble Einspielung der Mendelssohn-Sonaten aus dem Linzer Rudigier-Dom und ein paar Aufnahmen, die vor ein paar Jahrzehnten in einer LP-Kassette mit Aufnahmen von ihm, Lehrndorfer, Kraft, Becker-Foss und anderen herausgekommen waren und wo er offenbar der Mann für die Romantik war (z. B. Franck und Liszt). Die Aussicht auf eine MPS-Aufnahme der großen Marcussen des Rudigier-Doms mit Rapf und Reger – das schraubte meine Erwartungen schon sehr hoch. Die übrigen verwendeten Orgeln: Lübecker Dom (Marcussen), Freiburger Münster (Marcussen, Rieger, Späth), Reformierte Kirche Richterswil (Kuhn), Bruckner-Orgel St. Florian (Chrismann, Mauracher, Zika …), Münchner Dom (Zeilhuber), Großmünster Zürich (Metzler), Riverside Church New York (Æolian-Skinner), Basilika Ottobeuren (Steinmeyer), Weingarten (Gabler, Weigle), Dom St. Gallen (Kuhn), Klosterkirche St. Peter auf dem Schwarzwald (Klais), Dom zu Speyer (Scherpf), Marktkirche Hameln (Beckerath), sämtlich im Zustand der 70er-Jahre, als viele der Instrumente erst wenig mehr als ein Jahrzehnt auf dem Buckel hatten.

Die Box enthält 14 CDs, jede entspricht einer geplanten oder veröffentlichten LP-Folge. Wie im VÖ-Text schon zu lesen, funktionierten einige der aufgenommenen Bänder nicht mehr; in die CD-Box kam, was noch tat. Und da liegen ein paar Hasen im Pfeffer.

Mein Schock war groß, als ich die erste CD einlegte. Die Aufnahme aus dem Rudigier-Dom zeigt groteske Pegelschwankungen. In etwa der Fantasie »Freu’ dich sehr« verschwindet in Spielpausen der Hall des Rudigierdoms plötzlich; der Orgelklang wirkt oft so, als würde er nach vorne gedrückt; leises wirkt extrem leise, lautes extrem abgeflacht. Der Orgelchoral »Wie schön leuchtet …« hat eine Art Fade-in zu Beginn; jeder Pedaleinsatz scheint den Pegel in die Höhe zu treiben. Die Musik ist beim Hören praktisch nicht im Raum erlebbar, man kann sich kein Raumkonstrukt zusammenreimen, weil die Klangebenen gewissermaßen zwischen Vorder- und Hintergrund hin- und hertaumeln. Ein wenig fühlte ich mich an MC-Zeiten erinnert – es klingt so ähnlich wie eine falsche Dolby-Konfiguration. Nur dass man hier keine Taste drücken kann, die den Fehler richtigstellt.

Mit der Aufnahme aus Lübeck (CD 2) ist es ähnlich. Damit trifft es leider die beiden großen Marcussen-Orgeln. Man muss sich durch zwei mangelhafte CDs hören, bis man zu einer wirklich schönen und technisch guten Aufnahme gelangt: aus dem Freiburger Münster, was mit Opus 135 b ein Glücksfall ist. Zum Glück bleibt die Aufnahmequalität nun einigermaßen auf diesem Niveau, und man erkennt, dass man es mit einstmals audiophilen Produktionen zu tun hat: wunderbar transparent und glaubwürdig, mit großer Dynamik und einem Ohr für die Charakteristik des jeweiligen Instruments. Die Ottobeurer Steinmeyerin bringt interessante Stereo-Effekte mit (Nebenwerke rechts und links), aber für Regers Schlüsse nicht genug Wind. Klosternager?

Auch Weingarten ist in den Chorälen op. 135 a absolut erkennbar: Da scheppern die Terzmixturen, und die Grundstimmen bezaubern. Ich habe noch nicht so ins Detail hineingehört, dass ich sagen könnte, ob Rapf Weigle-Stimmen nutzt. Aber seiner Spielweise nach bräuchte er es nicht. Seine Interpretationen atmen eindeutig den Geist der Orgelbewegung: formgliedernde Manualwechsel, Bevorzugung von Flöten, Prinzipalen und Zungen gegenüber den Streichern (wenn vorhanden), Terrassendynamik statt Rollschweller oder Jalousien (abermals: wenn vorhanden!). Dabei spielt er in mittleren Tempi und mit stets sehr sauberem Legato und klarer Artikulation. Auch die zurückhaltende Agogik bedrängt nicht, sondern klärt. Kurz: ein zeittypisches Regerspiel auf vorbildlichem Niveau. Gerne hätte man, was fehlt: Opus 29, die »Sinfonische«, die Variationen, die Fantasien »Straf’ mich nicht« und »Halleluja«, die Opera 69 und 127 … Immerhin dabei sind die übrigen Choralfantasien, die beiden Sonaten, BACH, die beiden Suiten, op. 59, viele von den Choralvorspielen und, wie gesagt, op. 135 b (und zwar kurz).

Wegen der schlechten Eindrücke von CD 1 und 2 habe ich heute früh mit dem Münchner Tonmeister Christoph Stickel telefoniert, der die Originalbänder digitalisiert hat. Kurzgefasst sagte er, das sei ihm klar und bekannt. Aber er habe einen Karton Bänder bekommen, die er mit einem sehr niedrigen Budget in eine CD-Edition verwandeln sollte. Bald zeigte sich, dass viele Bänder beschädigt oder ganz stumm waren, Aussetzer oder Knackser hatten, eierten oder eben die beschriebenen dynamischen Mängel aufwiesen. Also musste er wirklich jeden Zentimeter Band hören und entscheiden, welches von den teils mehrfach vorhandenen Bändern (keineswegs immer Master, sondern auch Archivkopien u. a.) er für die CD-Box digitalisiert. Nachdem er damit schon die anberaumte Zeit um ein Vielfaches überschritten hatte, hat er in den ausgesuchten Bändern noch vereinzelt grobe Fehler repariert; mit der Plattenfirma kam er dann überein, nichts weiter zu machen, sondern die Aufnahmen so zu veröffentlichen, wie nach 40 Jahren sie nun mal waren. Er selber meint, eigentlich sei damit erst eine Grundlage da, auf die man aufbauen müsse – noch einmal richtig Geld in die Hand nehmen und z. B. die Aufnahmen der CDs 1 und 2 in eine anhörbare Fassung bringen.

Ich schreibe euch das auch, damit ihr wisst, was auf euch zukommt, wenn ihr euch die Box anschaffen möchtet. Die ersten beiden CDs sind furchtbar anzuhören, man muss schon große Bereitschaft zum Abstrahieren mitbringen. Aber dann lernt man den Reger-Spieler Rapf durchaus zu schätzen. Und es gibt noch zwölf andere CDs in mindestens leidlicher, größtenteils aber ausgezeichneter Qualität. Man kann seinen Spaß haben. Ein bisschen muss man es aber auch wollen.

In diesem Sinne viele Grüße
Friedrich


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