Was fast niemand braucht, einige wenige aber sehr dringend brauchen...

MCVL @, Montag, 18. März 2024, 14:35 (vor 907 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Die Orgel von Weingarten ("Ein Dokument grandiosen Scheiterns", wie ein namhafter süddeutscher OSV es nannte, mit Betonung auf grandios, nicht Scheitern) kann auch niemals prototypisch für den Orgel-Mainstream sein und wollte es ausdrücklich nicht. Dort war Design eine treibende Kraft, verbunden mit dem Ego des Erbauers und auch einem Streben nach Farbreichtum im süddeutschen Sinne. Die Auftraggeber werden das alles - Design, Ego, Farben - in unterschiedlichem Ausmaß mit gewünscht und getragen haben. (Das Forum hat kompetente Autoren, die meine Aussage jetzt stützen, anzweifeln oder gar schrotten können).

Im Kern der Sache sicherlich richtig, es kam in Weingarten zu einer gefährlichen Melange aus Geltungsdrang und Prunktsucht der Auftraggeber auf der einen und auf Unternehmerseite aus Selbstüberschätzung und auch Fehleinschätzung bzw. Überschätzung der technisch-physikalischen Möglichkeiten und dem Mensurverhältnis (Gablers Denke: Mensuren spielen für die Kraft und Tonfülle keine Rolle, sondern die Zahl der Pfeifen). Das die Geschichte halbwegs glimpflich ausgegangen ist, ist auch der Eselsgeduld der Verantwortlichen des Klosters - vielleicht war man sich auch einer gewissen Mitschuld an der Misere durchaus bewusst - zu verdanken. Gablers Image war durch die Angelegenheit jedenfalls nachhaltig beschädigt.
Weniger im Bewusstsein der Öffentlichkeit ist das in manchen Teilen frappierende Parallelen aufweisende Drama, welches sich etwa 100 Jahre später im Münster zu Konstanz abspielte. Dort war die Zusammensetzung der Ursachen aber etwas anders gelagert:
1) ein durchaus genialer Orgelbauer, der nur das modernste und beste an Arbeit ohne Rücksicht auf seine eigenen Finanzen und diejenigen der Auftraggeber lieferte und vieles schon gefertigte wieder verwarf, weil er wieder auf neue Ideen gekommen war
2) ein Orgelsachverständiger und Kirchenmusiker, der ihm mehr oder weniger freien Lauf ließ, ohne wirklich die Notbremse zu ziehen, wohl von dem Gedanken besessen, auf diesem Weg zu einem einzigartigen, grandiosen Instrument zu gelangen
3) Kuratelbehörden, die während der Bauphase wenig oder gar nicht einschritten, aber nach Vollendung dem Orgelbauer das Leben zur finanziellen Hölle machten


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