OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Samstag, 24. Juni 2023, 19:17 (vor 1175 Tagen)
Hier ein Bericht des NDR dazu.
Im Pianistenforum der Rostocker HMT gab es einen Tag mit Armstrong und dem Orgelbüchlein. Leider hört man nicht viel Konkretes von seiner Arbeit an den Stücken bzw. Hintergründen im Beitrag, aber trotzdem Interessantes über seinen allgemeinen Ansatz.
Die Außergewöhnlichkeit der Person offenbart sich auch in seinen Deutschkenntnissn. Als Organist ist er exotischer Quereinsteiger, aber die kurze Begegnung mit ihm an der Marien-Orgel in Rostock war für mich einzigartig, da ich im Allgemeinen nicht mit ehemaligen oder aktuellen Wunderkindern Kontakt habe.
Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Intensität, mit der sich Armstrong dem Orgelbüchlein und anderen Orgelwerken widmet, gerade auch als Vermittler, typisch wird für die Zukunft der Orgelwelt, wo zunehmend scheinbar "von außen" mehr Engagement gezeigt oder Wirkung erzielt wird. Ich sehe auch die jüngst von mir erwähnte Intensität in der Konzertorgel-Szene an gewissen (nicht allen) Orten in diesem Zusammenhang.
Natürlich werden quantitativ weiterhin die von Kirchenmusikern oder kirchennahen Musiker:innen ausgerichteten Veranstaltungen die Mehrheit bilden, aber mit dem Niedergang der zugehörigen Strukturen wird der Anteil sich relativieren, und sei es nur, weil sich die Gesamtzahl der Veranstaltungen verringern wird - und unter dem, was es noch gibt, der säkular angetriebene Teil stärker wird.
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
Residual, Sonntag, 25. Juni 2023, 01:58 (vor 1175 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von Residual, Sonntag, 25. Juni 2023, 02:19
Warum haben Pianisten im 19. Jahrhundert Bach'sche Orgelwerke in bürgerlichen Konzertsälen aufgeführt? - Weil die örtlichen (Lehrer-)Organisten - wie Buschs Lehrer Lämpel - dazu längst nicht mehr in der Lage waren!
Klavierbearbeitungen von Bachs Orgelbüchlein wurden gern von Pianisten-Generationen um Claudio Arrau (selbst noch gehört), Arturo Benedetti Michelangeli. u.a. als Appetizer oder allerletzte Zugaben ihrer Konzerte gespielt.
Die beschränkten klanglichen Differenzierungsmöglichkeiten eines Konzertflügels gegenüber üppig dimensionierten Konzertorgeln lassen die Pianisten häufig in spätromantische Gefühlsdusseligkeit abschweifen, so jedenfalls zu hören auf den kurz eingespielten Tonbeispielen des NDR-Beitrags.
Dann lieber z.B. knallharte Synthesizer-Instrumentierungen eines(r) Walter (Wendy) Carlos.
Fazit: Auch ein Steinway-D-Flügel kann einer für Bach'sche Orgelwerke geeigneten Pfeifenorgel nicht das Wasser reichen.
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Sonntag, 25. Juni 2023, 09:34 (vor 1175 Tagen) @ Residual
Warum haben Pianisten im 19. Jahrhundert Bach'sche Orgelwerke in bürgerlichen Konzertsälen aufgeführt? - Weil die örtlichen (Lehrer-)Organisten - wie Buschs Lehrer Lämpel - dazu längst nicht mehr in der Lage waren!
Oh ja.
Klavierbearbeitungen von Bachs Orgelbüchlein wurden gern von Pianisten-Generationen um Claudio Arrau (selbst noch gehört), Arturo Benedetti Michelangeli. u.a. als Appetizer oder allerletzte Zugaben ihrer Konzerte gespielt.
Ja.
Die beschränkten klanglichen Differenzierungsmöglichkeiten eines Konzertflügels gegenüber üppig dimensionierten Konzertorgeln lassen die Pianisten häufig in spätromantische Gefühlsdusseligkeit abschweifen, so jedenfalls zu hören auf den kurz eingespielten Tonbeispielen des NDR-Beitrags.
Dem würde ich so nicht folgen. Die Gestaltung von Einzelstimmen ist mitunter deutlich liebevoller, als wir sie von Organist:innen zu hören bekommen. Daniil Trifonov holt aus den Innenstimmen der 542er-Fuge und in einer abgerundeten dynamischen Dramaturgie ("Gefühlsdusselei"?) schon einiges heraus, was wir nur von sehr komplexen Mehrmanualigkeiten wie bei Virgil Fox oder zuletzt auch MArtin Schmeding oder Sebastian Heindl
Dann lieber z.B. knallharte Synthesizer-Instrumentierungen eines(r) Walter (Wendy) Carlos.
Die liebe ich, aber sollen die in dieser Äußerung jetzt für die Orgel-Seite oder die Flügel-Seite als Beispiele gelten?
Fazit: Auch ein Steinway-D-Flügel kann einer für Bach'sche Orgelwerke geeigneten Pfeifenorgel nicht das Wasser reichen.
Vorab: Als Österreicher freute mich, dass für den Kurs der Bösendorfer der HMT gewählt wurde! Aber:
Ab wann ist eine Pfeifenorgel für Bach geeignet (wie viele hundert Orgelabrisse wurden mit dieser Argumentation begründet)? Ist beispielsweise Virgil Fox' "O Mensch, bewein..." eine Bach-Interpretation oder uberhaupt Orgelmusik oder "Gefühlsdusselei", die eigentlich nur ein s verwenden sollte?
Fragen über Fragen!
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
Karsten
, Sonntag, 25. Juni 2023, 10:37 (vor 1175 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Warum haben Pianisten im 19. Jahrhundert Bach'sche Orgelwerke in bürgerlichen Konzertsälen aufgeführt? - Weil die örtlichen (Lehrer-)Organisten - wie Buschs Lehrer Lämpel - dazu längst nicht mehr in der Lage waren!
Oh ja.
Das war sicher ein Grund. Weiter Gründe, die zu den Transkriptionen führten, war auch das Studium und Verinnerlichung der Originale (genauso wie Bach damals die Italiener und andere transkribierte), sowohl durch den Transkribenten als auch der Zielgruppe, was aufgrund des Anspruchs vor allem Studenten oder extrem begabte Dilettanten gewesen sein dürften (Spielt und Lernt von den Großen!), das Ausreizen der (eigenen) Spieltechnik, das Bekanntmachen der qualitätvollen Werke an sich. Liszt verzichtete bei seinen Klaviertranskriptionen (von einigen Ausnahmen abgesehen) auf die Hinzufügung von Vortragsangaben. Dies blieb dann dem Interpreten überlassen, aber so wird auchklar, dass es Liszt vor allem um die Musik und Struktur ging.
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Die beschränkten klanglichen Differenzierungsmöglichkeiten eines Konzertflügels gegenüber üppig dimensionierten Konzertorgeln lassen die Pianisten häufig in spätromantische Gefühlsdusseligkeit abschweifen, so jedenfalls zu hören auf den kurz eingespielten Tonbeispielen des NDR-Beitrags.
Dem würde ich so nicht folgen. Die Gestaltung von Einzelstimmen ist mitunter deutlich liebevoller, als wir sie von Organist:innen zu hören bekommen. Daniil Trifonov holt aus den Innenstimmen der 542er-Fuge und in einer abgerundeten dynamischen Dramaturgie ("Gefühlsdusselei"?) schon einiges heraus, was wir nur von sehr komplexen Mehrmanualigkeiten wie bei Virgil Fox oder zuletzt auch MArtin Schmeding oder Sebastian Heindl
Da möchte ich KBK zustimmen. Und auch bei den "romantischen" Transkriptionen werden nur die typischen Möglichkeiten und Eigenschaften des Klaviers im Sinne einer Transkriptions-Interpretation ausgereizt und genutzt. Wie KBK erwähnte, durch differenzierte Artikulation, Anschlag, und auch: Färbung des Klangs.
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Fazit: Auch ein Steinway-D-Flügel kann einer für Bach'sche Orgelwerke geeigneten Pfeifenorgel nicht das Wasser reichen.
Vorab: Als Österreicher freute mich, dass für den Kurs der Bösendorfer der HMT gewählt wurde! Aber:Ab wann ist eine Pfeifenorgel für Bach geeignet (wie viele hundert Orgelabrisse wurden mit dieser Argumentation begründet)? Ist beispielsweise Virgil Fox' "O Mensch, bewein..." eine Bach-Interpretation oder uberhaupt Orgelmusik oder "Gefühlsdusselei", die eigentlich nur ein s verwenden sollte?
Ich zitiere mal ein Zitat aus einem CD-Booklet mit bach-Klaviertranskriptionen:
"Man muß lediglich J S Bach erwähnen, um, mit einem entscheidenden Schlag, den Rang der Transkription auf eine künstlerische Hochschätzung in der Beurteilung des Lesers [Zuhörers]
zu heben … von ihm erfuhr ich, die Wahrheit zu erkennen, daß gute und großartige Universalmusik durch jedes Medium, das sie ertönen läßt, gleich bleibt." - Busoni, November 1910.
Gruß
Karsten
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
Residual, Sonntag, 25. Juni 2023, 14:00 (vor 1174 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von Residual, Sonntag, 25. Juni 2023, 14:14
... Ist beispielsweise Virgil Fox' "O Mensch, bewein..." eine Bach-Interpretation oder uberhaupt Orgelmusik oder "Gefühlsdusselei", die eigentlich nur ein s verwenden sollte?
Fragen über Fragen!
Wegen der zu vielen Fragen hier nur meine persönliche Einschätzung zu Virgil Fox als epigonaler spätestromantischer Entsprechung zu Leopold Stokowski: Bach verkitscht zu Filmmusik.
Fox, Stokowski u.ä. tönen mit ihren Bach-Interpretationen bzw. Bach-Bearbeitungen gelegentlich mit viel Patina als historische Dokumente aus den Lautsprecherboxen und machen bescheiden gegenüber aktuellen "historisch informierten" Aufführungspraktiken, die - wie zu jeder Generation - meinen, letzte Weisheiten mit Schaumlöffeln gefressen zu haben.
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
untersatz32, Montag, 26. Juni 2023, 10:39 (vor 1174 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Ich persönlich kann mir einen Bach von Fox mit genausoviel Genuss anhören wie einen Bach von Kooiman, Koopman, Vogel, Guillou oder Latry oder Roth - und da liegen jeweils Welten dazwischen. Und mag man hier auch Fox’ „Komm, süsser Tod“ als Kitsch abwerten - es gefällt mir, wenn es gut gespielt ist. Eben: De gustibus…
So manche orgelbewegte Schreikiste aus den 50er bis 80ern geht dafür mir persönlich auf den Senkel - egal, ob da Beckerath, Ott oder wasauchimmer drauf steht. Ebenfalls: de gustibus. Ich käme nie auf die Idee, die meinige Meinung als einzig wahre raushängen zu lassen.
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
link1907
, Montag, 26. Juni 2023, 10:42 (vor 1174 Tagen) @ untersatz32
Ich persönlich kann mir einen Bach von Fox mit genausoviel Genuss anhören wie einen Bach von Kooiman, Koopman, Vogel, Guillou oder Latry oder Roth - und da liegen jeweils Welten dazwischen. Und mag man hier auch Fox’ „Komm, süsser Tod“ als Kitsch abwerten - es gefällt mir, wenn es gut gespielt ist. Eben: De gustibus…
So manche orgelbewegte Schreikiste aus den 50er bis 80ern geht dafür mir persönlich auf den Senkel - egal, ob da Beckerath, Ott oder wasauchimmer drauf steht. Ebenfalls: de gustibus. Ich käme nie auf die Idee, die meinige Meinung als einzig wahre raushängen zu lassen.<
Sehe ich genau so.
Mir ist ein Fox lieber als so manches HIP-Gehacke.
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
MAT
, Montag, 26. Juni 2023, 11:22 (vor 1173 Tagen) @ link1907
"HIP-Gehacke"... :-)
--
Gruß
MAT
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
Karl-Bernhardin Kropf
, Rostock, Montag, 26. Juni 2023, 15:12 (vor 1173 Tagen) @ link1907
Mir ist ein Fox lieber als so manches HIP-Gehacke.
Wenn HIP als Gehacke empfunden wird (das ging mir auch gelegentlich so!), dann liegt es nicht an der HIP selbst, sondern an Geschmacklosigkeit oder schlechtem Unterricht, weil die Differenzierung fehlt. Aber das hatten wir schon öfter anderswo diskutiert.
Aber das führt ja wieder mal vom Thema weg.
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
gk
, Sonntag, 25. Juni 2023, 12:02 (vor 1174 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Er ist zweifellos ein außergewöhnlicher Musiker. Als Organisten finde ich ihn aber überschätzt. Er hat hier mal in St. Joseph gespielt. Der Zugriff auf die Orgel war ein eher pianistischer, die Registrierungen eher schematisch und zum Teil sehr unkonventionell - nicht im besten Sinne. Über ein eigenes Werk aus seiner Feder schrob ich: "Eine anachronistische Monstrosität jedoch war seine eigene, zu Beginn gespielte Festspiel-Ouvertüre, ein ziel- und stillos herummäanderndes Machwerk, das epigonal zu nennen noch zu viel des Lobes wäre."
OT: Orgelbüchlein-Masterclass Kit Armstrong in Rostock
Große Pfeife
, Sonntag, 25. Juni 2023, 12:57 (vor 1174 Tagen) @ gk
Sitzt. Musikalisch muss ich mich ob viel zu geringen Fachwissens heraushalten, aber sprachlich bin ich vollauf begeistert: Deutlich, distanziert höflich und eindeutig Position bezogen. Mit solch einem Diktum KANN man sich auseinandersetzen. Was freute ich mich, gäbe es derartige dezidierte Aussagen in den Konzertkritiken unserer Lokalpostille. (Die untertitelte letzte Woche: „Bach und seine Leipziger Verkehrer“ (sic!). Und statt Baumgartner konzertierte Baumgarten. [Exzellent war es trotzdem].