SKH..
..ist diesmal keine ominöse Abkürzung für eine französische Kathedrale, sondern der Titel des Schirrmherrn über den Münchner Orgelherbst in St.Michael - quasi in der Hauskapelle von "SKH Herzog Max in[!] Bayern". Es gibt sie also immer noch (und nicht nur in Österreich)...
In dieser riesigen barocken Hallenkirche mit ihrer enormen Kathedralakustik steht die 2011 von Rieger reorganisierte und gehörig erweiterte Sandtner-Orgel, auf der während des nun zum 6.Mal stattfindenden Veranstaltungszyklus äußerst namhafte Organisten zum Spottpreis von 5 EUR(!) Eintrittsgeld Orgelmusik der Oberklasse bieten. Vergangenes Wochenende waren es Steven Tharp und Jaroslav Tuma, kommendes Wochenende beschließen Philippe Lefebvre und Thomas Trotter den diesjährigen Zyklus.
Die Konzerte werden auf eine Großleinwand übertragen, die aber zwischendurch abgeschaltet wird. Dabei wird erst richtig bewußt, wie sehr das Geschehen im Bild vom Geschehen im Gehör ablenkt, so interessant es auch sein mag, die unterschiedlichen Charaktere bei der Arbeit zu beobachten. Es ist wohl ein Zugeständnis an den Zeitgeschmack, denn die Präsenz und gleichzeitige Transparenz der Orgel in diesem Raum braucht eigentlich keine weiteren Reize mehr.
Beim Symposium über "Die unmoderne Orgel" meinte Planyavsky, wer damals Transkriptionen gespielt hätte, wäre gekreuzigt worden - Steven Tharp hingegen spielte am Freitag abend ein ganzes Konzert mit Transkriptionen und wurde dafür mit Standing Ovations bedacht. Diese allerdings zu Recht, denn was hier an orchestralen Farben aufgeboten und mit einer derartigen Ruhe - ohne Registrant und Noten (bis auf ein Stück) - und ohne jegliche Attitüde von der Empore flutete, hatte diesen Beifall auch verdient. Trotz aller stupenden Virtuosität hatte man nie den Eindruck, daß sich hier der Künstler präsentierte, sondern daß aller Einsatz einzig dazu diente, die richtige Klangfarbe für jede Note zu finden. Und solche Werke auswendig zu spielen und zu registrieren, ist trotz aller vorhandenen und virtuos eingesetzten Spielhilfen (zusätzlich zu einer Menge "Handarbeit"!) allein schon eine Kunst für sich.
Klar kann man darüber streiten, ob der Walkürenritt nun tatsächlich in einer Kirche erklingen muß, und ob Brahms' Intermezzo vom Klavier auf die Orgel übertragen werden mußte, aber das Instrument steht nun mal in einer Kirche, und die Hochblüte der großen Konzertsaalorgeln ist doch schon einige Zeit her. Interessanterweise waren aber auch die Stücke, die mehr geistlichen Bezug hatten, die spannenderen und stimmigeren - bis auf die äußerst eigenwillige Ossian-Ballade von Guillou, die mit einer eigenen Kategorie von unerwarteten Klängen zum archaischen (Fake-)Sujet einen herben Kontrast zur himmlischen Brahms-Ballade setzte.
Um aber zu sehen, wie Tharp beim Liszt sowohl die pianistischen Passagen (inklusive Glissandi über die ganze Klaviatur) spielte wie auch die orchestralen Klangmassen aus den Tiefen der Orgel ("Dies irae" klingt einfach in der 32'-Lage am beeindruckendsten) holte, war die Leinwand allerdings eine beeindruckende Draufgabe.
Zwischenapplaus scheint hierzulande leider zum Standard zu gehören, und manche können gar nicht erwarten, ihn auch loszuwerden, so wie die beiden geschwätzigen Damen hinter uns, die es aber immerhin schafften, während der Stücke ihre Klappe zu halten. Ihren verfrühten Beifall zehn Takte vor Schluß muß der Bayrische Rundfunk halt irgendwie aus der Aufnahme schneiden. Den begeisterten Schlußapplaus der zahlreichen Besucher belohnte Tharp natürlich mit einer weiteren Transkription, einem fetzig gespielten Stück Feuerwerksmusik als Rausschmeißer.
Unter diesem Eindruck hatte es Jaroslav Tuma nicht ganz leicht, dann am Sonntagnachmittag unseren Erwartungen gerecht zu werden, und sowohl der Musiker als auch das Programm war in gewisser Weise auch konventioneller - wenn auch natürlich auf hohem Niveau. Vor einem angesichts des strahlenden herbstlichen Föhnwetters ziemlich zahlreichen Publikum präsentierte er tschechische Komponisten und eine eigene Improvisation, bevor das Konzert mit Cesar Frank abgeschlossen wurde. Musils Sonate war ein gut gearbeitetes Stück romantischer Orgelliteratur mit einem sehr schönen Kanon als Mittelsatz und einer dichten Fuge als Abschluß, aber nicht unbedingt aufregend; Klickas "Legende" erinnerte an die von G.Bunck und forderte sehr schöne, mystische Klänge.
Tumas Improvisation zu beurteilen obliegt mir nicht, sie hielt sich aber im Tonalen und brachte einmal die Orgel an die Grenze der gerade noch tolerablen Lautstärke - ja, das kann sie auch, aber ihre Stärke liegt im Gegensatz zu manchen anderen Rieger-Instrumenten in einer fundierten Kraft als in einer dominanten Lautstärke. Und diese satte Grundierung zusammen mit kantablen Diskantstimmen, die nie schrill wurden, brachten Francks Choral mit der Kirche um die Wette zum Leuchten: das in Strahlen einfallende und sich in den vom Vormittag noch im Raum stehenden Weihrauchwolken brechende Sonnenlicht zeichnete breite Streifen in den hochbarocken Raum, der die Besucher nach einer Zugabe, die ich nicht identifizieren konnte, in die lebendige (und nicht gerade leise) Fußgängerzone entließ.
Grandiose Musik in einem grandiosen Rahmen bei leuchtendem Sonnenschein: So soll ein (Orgel-)Herbsttag sein!