Bericht: Orgel mit geteilten Obertasten (Bremen-Walle)
Herzlichen Dank auch für diese schönen Fotos und den ausführlichen Erfahrungsbericht!
... Die Töne dis/es, gis/as und b/ais sind zum Teil doppelt vorhanden. Die Tastenbelegung ist wie folgt:
Im HW (1. Manual) gibt es im Bass die "kurze Oktave": Taste E=Ton C, Taste Fis=Ton D, Taste Gis=Ton E, die Tasten F und G sind normal besetzt, ab A geht es chromatisch weiter. Bei den doppelten Obertasten befindet sich es vorne und dis hinten (oben), gis vorne und as hinten (oben). In der obersten Oktave fehlt der Ton as, dort gibt es nur ein gis.
Warum in der obersten Oktave das as fehlt, erschließt sich mir nach dem Lesen dieses sehr interessanten Berichts nicht. War dazu etwas in Erfahrung zu bringen? Kosten- wie auch platzmäßig hätte wohl dieser eine Halbton den "Bock auch nicht mehr fett gemacht", oder?
Im BW (2. Manual) gibt es auch in der großen Oktave Halbtöne, deshalb finden sich hier die geteilten Obertasten für D/Fis und E/Gis. Die habe ich beim Spielen häufiger verwechselt.
Im Pedal ist es wieder anders: Taste D=Ton C, Taste Dis=Ton D, ab E geht es chromatisch, allerdings in der Regel nur mit gis und es. Ausnahmsweise in der kleinen Oktave gibt es die geteilten Obertasten mit dis° und as°. Man erkennt das auf dem Photo, es spielt sich gar nicht so schlecht, wenn man nicht gerade 16tel-Ketten spielen muss.
Auch hier: Gerade wo in den beiden Manualen dis1/es1 vorhanden sind und man sich im Pedal in der kleine Oktave schon den Mehraufwand einer Teilung gönnt, hätte ich es hier für diesen einen Ton auch noch erwartet. Im Hinblick auf das Vorhandensein in den Manualen finde ich das hier inkonsequent.
Die Verteilung der Subsemitonia folgt der Regel, dass die vorderen Halbtöne der üblichen Belegung der mitteltönigen Stimmung folgt, also es und gis, und die hinteren Tasten die unüblichen Halbtöne dis und as bringen. Das hat allerdings zur Folge, das der Organist manche Akkorde mit unterschiedlichen Obertasten spielen muss, z. B. der As-Dur-Akkord: as ist ganz hinten, c ist eine schwarze Taste, es die vordere Obertaste. Das ist beim Spielen reichlich unbequem und mir passierten ständig Fehler. Um hier ein Konzert zu spielen, muss man sich lange einspielen.
...
Auch die Töne ais und b sind meist doppelt vorhanden, allerdings nicht mit eigenen Tasten, sondern mit einem Tritt, der die Traktur umschaltet, auf dem Photo ist er links neben der Pedalklaviatur zu erkennen. Man braucht ihn eher selten, ich hätte mir den Aufwand gespart.
Die Sinnhaftigkeit dieser Einrichtung erschließt sich mir nicht wirklich. das bedeutet ja, dass es nicht die Möglichkeit gibt, innerhalb eines Stückes ein vorkommendes ais und ein vorkommendes b zu unterscheiden. Ich habe gerade keinen Überblick über die hier passende Literatur: Kommen die wirklich nie in einem Stück nebeneinander vor?
So ergibt sich, dass es in einer Oktave nicht 12 Töne, sondern 15 gibt, also immerhin 25% mehr Aufwand.
Was bringt das klanglich? Tatsächlich lässt sich hier in fast allen Tonarten spielen. Die Härten, die bleiben, etwa Cis-Dur, lassen sich als Zwischendissonanz "verschmerzen" (ganz wörtlich!). Die anderen Tonarten gehen prächtig, alles klingt sauber und brillant. Endlich kann man die großen Bach-Werke ordentlich spielen, etwa die C-Moll-Passacaglia, die z. B. in Stade ganz gruselig klingt, und sogar Praeludium und Fuge in H-Dur.
Bei derjenigen Musik, die für mitteltönige Orgeln komponiert war, die also schon musikalisch die Beschränkungen respektiert, ist diese Technik unnötig. Da reicht die normale Tastatur.
Die Subsemitonia stellen den Organisten auch vor interessante Probleme: Welche Tasten nehme ich bei verminderten Akkorden? Plötzlich muss man sich als Tastenspieler um Intonation kümmern! Denn der verminderte Akkord c-es-fis-a, den man nach G-Dur auflöst, braucht andere Tasten als der Akkord c-dis-fis-a, den man nach E-Dur auflöst! Beim Improvisieren muss man also noch mehr denken als sonst.
Witzig sind auch chromatische Tonleitern. Bei mitteltönigen Orgeln ohne Subsemitonia stellen sie ja einen besonderen Reiz dar, der in vielen Kompositionen eingesetzt wird. Hier in Bremen-Walle muss man ausprobieren, welche Taste in der Chromatik besser klingt.
Im Vergleich etwa zu Buttforde, einer "normalen" Orgeln mit mitteltöniger Temperierung, fehlen in Bremen-Walle so manche Härten. Bei allem luxuriösen Wohlklang habe ich mich manchmal gefragt, ob die Härten nicht auch gewollt, ja sogar notwendig sind. Das Ohr ermüdet eben beim Wohlklang und freut sich über Abwechslung.
Vielleicht liegt das daran, dass unser Ohr heutzutage ja zunächst einmal (zumindest in den meisten Fällen) an die Gleichstufigkeit eines Klaviers gewöhnt wird, die ja eigentlich wenn man es genau nimmt überall etwas Reinheit "wegknappst"... (Auch bei Wikipedia ist ja von einem "Gewöhnungseffekt" die Rede.) Wenn man dann tatsächlich rein spielen kann, ist das ohne Frage eine Umstellung. Ich finde es immer schwierig, mir vorzustellen, wie die Hör- und Musiziergewohnheiten vor 600/700 Jahren wohl gewesen sein mögen.
Sicher kennen einige diese Videos, auch wenn das Stück eigentlich zu spät entstanden ist, aber das ist denke ich genau der Hintergrund: Wie klingt etwas in den verschiedenen, damals vorzufindenden Stimmungen (man verzeihe mir, dass ich hier zu Midi-erzeugten Wiedergaben verlinke, aber dadurch wird der Effekt sehr gut hörbar):
Kanon in drei verschiedenen Stimmungen
Kanon und Gigue in vier verschiedenen Stimmungen
Ebenso interessant finde ich diesen Link zu einem Cembalo mit 19 Tasten je Oktave, also mit allen Subsemitonia, die notwendig sind, um "chromatisch rein" spielen zu können. (Ob das tatsächlich häufig notwendig war, vermag ich nicht zu beurteilen.) Auch hier die von Orlos beschriebene Anordnung der Subsemitonia. Weiter unten auf dieser Seite Hörbeispiele einer chromatischen Oktave mit 12 und einer mit allen 19 Stufen - so ist es natürlich in der musikalischen Verwendung nicht gedacht, tatsächlich ging es mir aber beim ersten Hören so, dass ich dachte ... nein, ich will es mal nicht schreiben, vielleicht macht man ja eher eine bestimmte Erfahrung, wenn man unvoreingenommen hört.
LG
Jörg
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Orlos,
28.08.2014, 23:00
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daggies,
29.08.2014, 09:23
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daggies,
29.08.2014, 09:29
- Bericht: Orgel mit geteilten Obertasten (Bremen-Walle) - jrbecker, 29.08.2014, 10:04
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Evacuant,
30.08.2014, 04:26
- Bericht: Orgel mit geteilten Obertasten (Bremen-Walle) - daggies, 30.08.2014, 08:10
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daggies,
29.08.2014, 09:29
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jrbecker,
29.08.2014, 09:48
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daggies,
29.08.2014, 09:23