Was Reger so spielt (war: Trotter in Trondheim)
Hier spricht David Rumsey mit Kimberly Marshall und Henrico Stewen darüber (auf englisch).
Sehr interessant, danke für den Link.
Allerdings gibt es bei 4'00 eine problematische Ecke. »Ich versuche, das perfekte Tempo zu finden für das, was ich spiele« – genau das muss jeder Musiker tun, nur mit Ohren, Fingern und Geschmack, also d’accord – »und dann versuche ich, eine Erklärung dafür zu finden [ergänze: wie das zum Notentext passt]. Hier habe ich die Erklärung noch nicht gefunden, aber ich bin sicher, es wird sich eine finden.«
Wenn er so vorgeht und die Ergebnisse auch noch lehrt, dann hat das mit Wissenschaft nichts zu tun – falls er das im Sinn haben sollte, und es klingt so, wenn er die proportio sesquialtera zitiert. Nochmal zum Mitschreiben: Er macht sich intuitiv auf die Suche nach dem passenden Tempo. Dann versucht er, das Notierte mit dem intuitiv gefundenen Tempo in Einklang zu bringen. Damit stellt er Textkritik von den Füßen auf den Kopf. Falls er da – wie angedeutet – Stirnrunzeln im Publikum wahrnimmt, dann zu Recht.
Zum Beispiel lehrt er hier mit der Autorität des guten Regerspielers, dass die Metronomzahlen als »full swing«, als Doppelschläge zu lesen wären: Zählzeit = zweimal »klack«. »Nur bei diesen beiden Stücken da haut das nicht hin, mal sehen, was wir uns da überlegen.« Wie kommt er darauf? Welche Quellen kann er anführen, die belegen würden, dass Metronomzahlen als Doppelschläge pro Zählzeit zu verstehen wären – in einer Zeit, als Metronome bereits genormte Massenartikel waren und in der die Musiker ausgebildet wurden, die jene Musiker ausbildeten, bei denen viele von uns gelernt haben? Wann entschlossen sich alle Interpreten in der Musikwelt, von Doppel- auf Einzelschläge pro Zählzeit umzuschwenken? Wann in den letzten 100 Jahren vergaßen sie kollektiv die Doppelschlag-»Regel«?
Tut mir leid, aber so haut das nicht hin. Das ist After-Philologie. Es ist nicht seriös, nach der Formel »Was nicht passt, wird passend gemacht« zu arbeiten und das als Befund zu verkaufen, der Grundlage einer Interpretation sein soll.
Vielleicht ist es für einen in historischer Interpretationspraxis geschulten Spieler wie Stewen erträglicher, so vorzugehen, als einfach zu sagen: Regers Metronomangaben sind höchstens vage, oft auch unbrauchbare Fingerzeige in die Richtung, die das Tempo nehmen sollte. Die Minus-ein-Drittel-Regel, die Klotz von Straube weitergibt, finde ich da noch sympathischer als das Lehren von Hypothesen mit dem Zusatz, dass da schon noch eine philologische Begründung folgen werde.
Wie soll Reger auf die proportio sesquialtera kommen? Kein Wunder, dass Stewen da über sich selber lächeln muss. Es geht ja schließlich nicht um die »Marienvesper«, sondern um Stücke, die gerade einmal 100 Jahre alt sind.
Viele Grüße
Friedrich
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Friedrich,
20.08.2014, 11:18
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Florian-L,
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20.08.2014, 12:51
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