Was Reger so spielt (war: Trotter in Trondheim)

Friedrich @, Mittwoch, 20. August 2014, 11:18 (vor 4457 Tagen)

Laut William Whitehead, dem art.director des Reger Projektes, ist eine Einspielung mit Reger in Trondheim geplant.


Und was spielt Reger dann voraussichtlich? ;-)

Das erinnert mich daran, dass ich das Forum auf diese Doppel-CD aufmerksam machen wollte.

Das Musikautomatenmuseum Seewen hat nicht nur eine hervorragend restaurierte Welte-Philharmonie-Orgel, sondern unterhält auch ein Restaurierungsprogramm für historische Rollen. Dort hat man alle verfügbaren Kopien der berühmten Reger-Rollen von 1913 gesammelt, ausgewertet und daraus verlässliche neue Wiedergaberollen gewonnen. Außerdem haben die Seewener inzwischen einigermaßen sicher herausgefunden, wie schnell die Rollen zu laufen hatten. Man kann also in hervorragenden Aufnahmen Regers Originalinterpretationen am Originalinstrument hören, und das klingt zum Teil ziemlich anders als auf den bisher veröffentlichen Schallplatten von den Rollen.

Was er spielt: Lauter »sanfte Heinriche«. Das Benedictus aus Opus 59 dreht am meisten auf, alles andere ist lyrisch, homophon und grundstimmig und ziemlich frei in Tempo und Notentext – trotzdem schön zu hören. Und es stimmt, was im Booklettext zu lesen ist: Es wird immer besser – die Rollen wurden in einer bestimmten Reihenfolge aufgenommen und nummeriert, und in der erklingen sie auch auf der CD. Der Meister spielt sich hörbar warm. Das macht ihn nicht zum Meister-Organisten, aber zum achtbaren immerhin.

Zu dem Album gehört aber noch eine zweite CD. Auf der spielen Günther Ramin, Kurt Grosse, Walter Fischer und Joseph Messer große Reger-Sachen. Ramin mit Toccata und Fuge aus op. 129: rasend expressiv, Fritz-Lang-mäßig; Walter Fischer (der am 3. 3. 1905 in der Neuen Garnisonkirche Berlin Opus 73 uraufgeführt hatte) mit Kyrie und Gloria aus op. 59: ein Arpeggio-Künstler, der mit unvorhersehbaren Brechungen das Stimmengewebe in Fluss hält; ähnlich Joseph Messner, damals schon Salzburger Domorganist. Gänzlich umwerfend sind Kurt Grosses B-A-C-H und »Wachet auf«. Vor allem in den Fugen sind zwar auch viele Fehler zu hören. Aber der hat ein Feuer, einen virtuosen Biss, da geht einem der Hut hoch – musikalisch in der Liga Ander-Donath, wenn auch nicht ganz mit dessen Virtuosität. Grosse ist im 2. Weltkrieg verschollen, sonst hätte die Orgelwelt sicher noch von ihm gehört.

Ein bisschen nervt der den großen Stücken beigegebene digitale Schluss-Nachhall, den es in dem Museum nicht gibt. Er ist aber sehr dezent, und vielleicht tut er der sehr energischen, streicher- und zungenbetonten und zwangsläufig aus der Nähe aufgenommenen Welte-Orgel insgesamt auch gut.

Und bei all dem nicht vergessen: Reger-Aufnahmen aus der Regerzeit oder unmittelbar danach, zwischen 1913 und 1923 – volldigital. Higher-Fi geht nicht. Großer Spaß, große Empfehlung!

Viele Grüße
Friedrich


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