Orgeln in Darmstadt
Die liest sich aber interessant, diese Orgel.
Gruss TH
Genau den Begriff benutzte ich ja auch ... ich wollte den Pfarrer nicht zu lagen aufhalten, daher habe ich nicht alles angespielt und was ich ausprobierte auch nur kurz spielen können. Einige Anmerkungen gebe ich gerne zum Besten:
Zum einen ist die Akustik in der nicht großen Kirche recht angenehm, es gibt durchaus einen Hall-Anteil, obwohl die Kirche wohl in der Neuzeit um ein Stockwerk beraubt wurde: Man betritt die Kirche durch den Hauteingang und muss zuerst einmal ein ganzes Stockwerk nach oben laufen. Hier sieht man ja den Innenraum. Die Orgel steht auf der rückwärtigen Empore, aber in die Ecke gerück, wo die rechte Seitenempore auf die Orgelempore stößt. Man kann also nicht von der einen zur anderen Empore gehen, dazwischen steht die Orgel...
Dadurch ist auf der Empore, die zudem noch recht tief ist, viel Platz z. B. für einen Chor und weitere Musiker. Allerdings ist die Empore nicht geneigt. Die Orgel steht so weit vorne, dass sie von allen Seiten (also auch von hinten) sehr gut zugänglich ist. (Meine Fotos kann ich auch noch einstellen, aber ich muss sie erst durchsehen, das schaffe ich heute nicht mehr.)
Die Disposition am Spieltisch weicht leicht von der bei Orgbase.nl ab:
Im Rückpositiv (I) heißt das 8'-Register am Spieltisch "nur" Gedackt, den "Glockenton II 1 3/5'+1'" gibt es nicht (mehr?), statt dessen steht ein "normaler" Sesquialter II 2 2/3'+1 3/5' und die 4'-Zunge heißt am Manubrium "Schalmey-Regal".
Im Hauptwerk (II) ist die Zusammensetzung der gemischten Stimmen anders als in Orgbase.nl: Mixtur VI ist auf 2' basiert und Zink III auf 4/5'.
Im RP steht die Rohrpfeife 4' im Prospekt, das ist optisch ein Hingucker. Man erkennt aber auch auf dem Foto, dass die Pfeifen sehr lange Füße haben und dass hier sicher auch Platz für einen offenen 4' gewesen wäre, der das Plenum, das von dem 5fachen Scharf orgelbewegt glänzend gekrönt wird, sicher ein wenig stärker grundiert hätte, als es der Prinzipal 2' tut. Abgemildert wird dieses zeittypische 2'-Plenum durch die insgesamt 5 Repititionen des Scharfs, damit landet es immerhin in der letzten Stufe auf 4'.
Im Vergleich dazu klingt der Prinzipalchor des HW sehr "erwachsen", der 8' trägt schön in der Akustik des Raums, zusammen mit dem 4' sollte schon eine mittelgroße Gemeinde gut zu begleiten sein. Mit der Mixtur hat das Plenum einen sehr gesunden Sound, der am Spieltisch sehr direkt empfunden und deutlich kräftiger wirkt, als der Sound des RP. Das müsste man mal unten im Kirchenraum abhören, um die Balance hier wirklich richtig einschätzen zu können.
Nun der Weitchor: Im RP mit Gedackt und Rohrpfeife ein weicher Klang, die Basis für Soloregistrierungen mit Sesquialter und Schweizerquinte ist gut intoniert. Im HW steht aufgrund der Zusammenfassung von 4' und 2 2/3' zur weiten Rauschquinte II nur die Spillflöte 8' zur Begleitung dieser Soloregistrierungen zur Verfügung. Die ist zwar nicht zu dezent intoniert, ich würde mir allerdings durchaus wünschen, hier auch in der Klangfarbe durch die Hinzunahme einer 4'-Flöte etwas abwechseln zu können. Und trotz dieses kleinen Mankos: Der Weitchor des HW ist mit dem 2' schlüssig intoniert und gibt einen deutlichen Gegensatz zu dem kräftigen Prinzipalklang. Der Zink hat eine interessante Zusammensetzung, die ich in der verfügbaren Zeit nicht komplett abhören konnte. Er beginnt bei C auf 4/5'+2/3'+1/2' und repetiert bei B, f° und b°, ab dann durchlaufend. Spätestens ab f° dürfte einer der Chöre in eine Septime repetieren, aber wie gesagt: das herauszuhören, hat mir die Zeit gefehlt. Auf jeden Fall gibt sich der Zink von der Intonation her "kornettig" únd ist für eine stärkere Melodieführung gerade auch von bewegten Passagen gut geeignet. Mich persönliche stört der "fremde" Oberton dabei nicht, ich fühle mich dadurch nicht in der Verwendung dieses Registers eingeschränkt. Sehr sinnvoll in diesem Zusammenhang die Ausstattung beider Manuale mit jeweils einem Tremulanten.
Bei den Zungen wird es nun stark subjektiv: Ich bin ein Freund der Kurzbecherigen. Dulzian 16' im HW ergibt mit Musette und Schalmeyregal einen angenehm zurückhaltend schnarrenden Chor. Die drei sind intonatorisch aufeinander abgestimmt, die Musette klingt neobarock dezent, Schalmey-Regal legt sich in genau gleicher Manier oben drüber, und koppelt man diese beiden an das Hauptwerk, schnarrt der Dulzian wie ein sanftes Kätzchen untendrunter... Dabei ist der Dulzian auch im Hauptwerksplenum noch deutlich in der 16'-Lage hörbar, auch wenn ich aus Zeitgründen andere Kombinationen nicht testen konnte, denke ich, dass er recht vielseitig verwendbar ist. Wenn ich eingangs schrieb, ich sei ein Freund der Kurzbecherigen, dann müsste ich mich über diese Zungenbesetzung der beiden Manuale freuen. Aber tatsächlich vermisse ich bei einer Orgel dieser Größe, bei dieser Akustik und vor allem aber auch bei diesem "erwachsenen" Hauptwerksplenum eine vollbecherige 8'-Zunge. Oder vielleicht wäre ich auch glücklicher, wenn statt des Dulzian ein barockes Fagott 16' stünde, wir haben diese Situation ja bei der neuen Orgel der Pauluskirche Berlin-Zehlendorf diskutiert. Wie dem auch sei: Hier wäre eine andere Zungenbesetzung in wenigstens einer Position angebracht. Da die Hauptwerkzunge in 16'-Lage gebaut ist, steht die Pedalzunge in der 8'-Lage, und diese ist nun eine Trompete. Leider habe ich diese nicht angespielt, es waren zu er Zeit noch weitere Besucher in der Kirche und ich hatte das Gefühl, sie schon genug "gequält" zu haben.
Die Pedalregister blieben bislang außen vor. Dazu kann ich nicht viel sagen: Der Subbass kommt seiner Aufgabe gut nach, die Stellung im Prospekt kommt ihm zugute. Dagegen tritt der Prinzipal 8' fast etwas zurück mit seinem Vetter aus dem HW kann er nicht wirklich konkurrieren. Aus Zeitgründen wiederum konnte ich vor allem den Effekt des Kornetts, der sicherlich die 16'-Lage durch seine Obertöne verstärken soll - nicht testen.
Zusammenfassung: Ich bleibe bei meiner Einschätzung, dass es eine interessante Orgel ist, wenngleich es noch das ein oder andere Detail an ihr zu entdecken gäbe. Der Raum steuert mit seiner Akustik seinen Anteil zum Wohlgefallen bei, allerdings würde selbst ich als neobarockfreundlich eingestellter Organist mir wenigstens eine Änderung wünschen (wie oben beschrieben). Intonatorisch insgesamt schon schlüssig stellt sie meiner Meinung nach ein Instrument dar, mit dem die Kirche recht gut ausgestattet ist.
Beste Grüße
Jörg
P.S.: Fotos gibt es auch, muss ich aber erst ein wenig verkleinern, komme ich aber jetzt noch nicht zu.
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