Konzert in Herz Jesu, Graz

Florian-L @, Freitag, 13. Juni 2014, 17:51 (vor 4523 Tagen)

Hallo!

Nachdem vor einiger Zeit die Instandsetzung der Walcker-Orgel in Graz, Herz Jesu durch Rieger Orgelbau angesprochen worden war (siehe hier), wurden die Arbeiten nun zu Ende geführt, und zu diesem Anlass veranstaltete die Pfarre am 12. Juni 2014 um 19.30 Uhr ein Konzert mit Orgel (Christian Iwan, Domorganist in Graz) und Trompete (Helfried Zmug) bei voller Kirche.

Mit "Toccata und Fuge d-Moll", BWV 565, wurde begonnen, wie könnte es bei einem Einweihungskonzert auch anders sein. Schon bei den ersten Takten war klar, dass sich das Klangbild der Orgel erheblich vom Vorzustand unterscheidet. Unangenehm auffallend war ein metallisches Rasseln des D des Posaunenbaß 16'. Ziemlich weich klingt nun das Rückpositiv, offenbar ein Versuch, dieses "Barockmanual" dem Altbestand anzupassen.
Bei der "Sonata prima" von Giovanni Bonaventura Viviani wurde die Solostimme der Trompete recht abwechslungsreich und sehr ausgeglichen begleitet.
Es folgte eine Improvisation über eine mir unbekannte Melodie in Form mehrerer Variationen, wobei u. a. das deutlich gemilderte, jetzt eher mehr nach Klarinette klingende Krummhorn 8' aus dem Rückpositiv und verschiedene Aliquotmischungen aus dem Schwellwerk zum Einsatz kamen. Auch das durch Umstellung der Quinte 1 1/3' auf 2 2/3' nun realisierbare zerlegte Kornett war zu hören. Die Zungenregister, aber auch die Grundstimmen kamen mir generell sehr geglättet vor, ohne den "Biss" den sie gehabt hatten.

Anschließend berichtete Wendelin Eberle von Rieger Orgelbau über die durchgeführten Arbeiten. Neben einer gründlichen Ausreinigung wurden über 2000 Bälgchen neu beledert, auch die Windversorgung wurde grundlegend überarbeitet. Eine neue Schwellwand ermöglicht nun wirkungsvollere Crescendi und Decrescendi. Die Elektronik aus 1991 wurde durch das REA-System ersetzt, unter Beibehaltung des Spieltisches. Das Pfeifenwerk wurde grundlegend nachintoniert, leider zuviel des Guten laut meinem Eindruck.

Beiden Instrumenten nicht gerecht werden konnte der nächste Programmpunkt: die Schlussmusik ("Isoldes Verklärung") aus Richard Wagners "Tristan und Isolde" in einer Bearbeitung von Erwin Horn. Aus dem Programm ging nicht hervor, ob tatsächlich die Besetzung Orgel und Trompete vorgesehen ist, was ich eher nicht vermute.
Beim folgenden "Benedictus", op. 59/9 von Max Reger war ich besonders auf den fugierten Abschnitt gespannt, der mit einem großen Crescendo einhergeht, und leider ein wenig überhastet gespielt wurde. Die Wirkung des überarbeiteten Schwellkastens ist zwar nun deutlich besser, aber die Erwartungen erfüllten sich nicht: Bei der Organo-Pleno-Stelle stellte sich bei mir vielmehr Ernüchterung ein - jetzt war mir endgültig klar, dass die Orgel deutlich an Kraft und Fülle verloren hat.
Das letzte Stück, das im Duo dargeboten wurde, war die "Sarabande" aus "Sonata pour Trompette chromatique et Piano" von Jean Hubeau in gemäßigt moderner Tonsprache, an Jean Langlais erinnernd.
Den Schlusspunkt des Abends setzte Christian Iwan mit "Carillon de Westminster" von Louis Vierne.

Das Programm war vom Publikum offensichtlich gut aufgenommen worden, was den Musikern langen, herzlichen Beifall einbrachte.
Für mich war das Konzert, was den Klang der Orgel betrifft, ziemlich enttäuschend. Man hat scheinbare intonatorische Mängel, die auf der Empore mitunter zu hören waren, "glattgebügelt", was im Raum dann glatt, flau oder gar charakterlos und breiig wahrgenommen wird, auf Kosten von Brillanz und Zeichnungsfähigkeit. Etwas Schärfe verträgt dieser Raum jedoch durchaus, da der Klang hier in besonderer Weise "veredelt" wird. Nirgendwo sonst sind mir bis jetzt derartige Unterschiede vom Klangeindruck auf der Empore einerseits und im Kirchenschiff andererseits aufgefallen.
Wie der verlinkten Disposition entnommen werden kann, handelt es sich bei diesem Instrument um einen gewachsenen Zustand, wobei vor den jüngsten Arbeiten die verschiedenen Baustufen klanglich durchaus wahrnehmbar waren, was der Orgel ihre „Ecken und Kanten“ gegeben hat, aber, vom Rückpositiv abgesehen, trotzdem ein sehr geschlossenes und sehr überzeugendes Klangbild ergeben hat. Nun hat man versucht, die Bestände einander anzunähern. Das Rückpositiv klingt jetzt weicher, wie oben angemerkt, und sticht nicht mehr ganz so als "Barockmanual" hervor. Leider hat man aber auch den Altbestand angetastet und einen Verlust an Kraft und Tragfähigkeit hingenommen. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass dieses Instrument nun austauschbar geworden ist, gleichgeschaltet, standardisiert.

Ich habe ziemlich deutliche Worte gefunden, da mich mit diesem Instrument das für mich wahrscheinlich eindrucksvollste Orgel-Erlebnis verbindet: 2005 spielte Hans-Ola Ericsson unter anderem "Apparition de l'Église éternelle" von Olivier Messiaen, eine so genannte Sternstunde; ich habe dieses Werk seither nie mehr besser gehört. Auch Werke von Max Reger waren hier äußerst hörenswert.
Nun aber habe ich einen Eindruck davon, was man unter "totintonieren" versteht und ein an sich eindrucksvolles Instrument hat für mich massiv an Attraktivität verloren. Den Begriff "Originalklang" in diesem Zusammenhang zu gebrauchen, ist absurd. Walcker-Orgel ist das keine mehr!

Gruß, Florian


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