Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil)
Abends sind wir noch nach St. Stefan (Link) gefahren. Leider war es schon dunkel, so dass man die phantastischen Fenster (z. T. von Chagall) und die Reflexionen auf dem Prospekt nicht erleben konnte. Aber tagsüber kann die Orgel nicht gespielt werden, es ist einfach zu viel los.
Ich habe noch nie eine Kirche erlebt, in der die Orgel so unterschiedlich klingt je nach dem, wo man sie hört. Wer dort spielt, sollte unbedingt einen zweiten Organisten mitbringen, um die Wirkung im Raum zu testen (oder ein Konzert erleben: Termine). Wenn man sich durch den Raum bewegt, ändert sich ständig der Höreindruck. Die Orgel steht an der Ostwand des südlichen Querhauses. Ein sehr dicker Pfeiler steht genau in der Hauptabstrahl-Richtung der Orgel, so dass ein Großteil des Hauptschiffes nur indirekt beschallt wird. Das ist sicher nicht ideal, aber es gab keine Alternative, weil nur dort kein Fenster verdeckt wird. Es gibt Stellen im Raum, wo der Orgelklang plötzlich von links zu kommen scheint, weil die Wand besser spiegelt als der indirekte Schall. Der Raum ist akustisch eine gotische Kathedrale: Sehr langer Nachhall bei extremer Verstärkung der tiefen Frequenzen. Dabei kommt es bei manchen Stellen zu einer unangenehmen Verstärkung einzelner Frequenzbereiche, da klingt die Orgel schon im einfachen Forte erstaunlich bedrohlich. An den meisten Stellen ist die Orgel aber eher indirekt zu vernehmen, Richtung Westen wird es ziemlich leise. Am Spieltisch hat man einen guten Klangeindruck, hier macht die Orgel viel Freude. Aber so transparent bleibt der Klang natürlich nicht. Angesichts der akustischen Situation war es schlau, die Orgel eher französisch anzulegen. Wer eine Klais-Orgel aus den 1970er bis 1990er Jahren kennt, wird das Instrument nicht für eine Klais-Orgel halten. Das Klangbild ist völlig anders. Es klingt grundtönig, weich, symphonisch, im Forte kraftvoll, aber dunkel. Besonders gut haben mir die Flöten gefallen, ein ganzer Chor überblasender Flöten im SW, eine wirklich herrliche Konzertflöte im HW. Das trägt im Raum bis in die letzte Ecke. Es gibt einige Streicher unterschiedlicher Klangfarbe. Gut gelungen sind die Zungen, die elegante Oboe, das kernige Cromorne (welches im Raum präsent, aber nicht quäkig ist), der Basson 16' im SW ist eher französisch, stärker als die Oboe, aber keine Trompete. Krafzvoll die HW-Trompete 8'. Faszinierend ist die 16'-Trompete, die dem Tutti noch einmal einen gewaltigen Schub verleiht. Die Pedaltrompete ist mächtig, die Posaune fundamental. Alleine ist sie gar nicht so eindrucksvoll, aber im Gesamtklang hat sie eine gewaltige Wirkung. Schön, dass das Positiv nicht nur Kleinkram, sondern auch drei labiale 8'-Register besitzt. Die 4'-Koppel SW an HW ist notwendig, um der Orgel Glanz zu geben, leider ist sie nicht bis a4 ausgebaut. Die beiden, in der tiefen Oktave als simple Quint-Schaltung ausgeführten 32'-Register klingen im Raum grandios, aber an manchen Stellen auch bedrückend. Es ergibt sich ein gewaltiges Wabern im Raum, das im Bauch zur Unruhe führen kann. Obwohl der Gesamtklang nicht wirklich laut ist, kann die Orgel damit bedrohlich wirken.
Am Spieltisch hat man eine ungeheure Freude mit dieser Orgel. Sie inspiriert zum Ausprobieren und Genießen. Bei aller Charakteristik der Einzelstimmen ergibt sich doch auch ein schöner Ensemble-Klang, gerade im Bereich der Grundstimmen. Ich halte das für eine wirklich gute Orgel, auch wenn es nicht an jeder Stelle in der Kirche perfekt zur Geltung kommt.
Werkaufbau: Über dem Spieltisch das (nicht schwellbare, deshalb präsente) Positiv (2. Manual), darüber das HW (1. Manual), darüber das SW. Pedal auf HW-Ebene auf Sturz, einige Holzpfeifen sind tiefer angeordnet.
Handwerklich gut gemacht, elektrische Registertraktur. Zum Improvisieren wünscht man sich mehr Spielhilfen: Koppeltritte, vielleicht eine Registerfessel. Der Schwelltritt ist mechanisch, man muss ordentlich treten. Die Spieltraktur ist gut, man spürt aber die weiten Wege nach oben.
![[image]](http://www.hollingshaus.de/Photos/P10/Mainz_Klais01.jpg)
Für Mainz mit seinen vielen neobarocken Instrumenten ist die Orgel eine Offenbarung. Endlich ein Instrument für das symphonische Repertoire. Was würde ich hier gerne spielen? Karg-Elert, Messiaen (Apparition - das ist der Raum dafür!), Vierne (Cathédrales, Westminster, Arabesque - herrlich!), aber auch ein großer Reger (da muss man aber die Fugen vorsichtig registrieren, damit es deutlich bleibt).
Eine ketzerische Bemerkung am Schluss: So eine helle, aggressive, knallige, transparente Orgel vom alten Hans-Gerd Klais würde in diesem Raum auch wirken. Die würde man dann auch sofort akustisch zuordnen können. Aber die Zeiten sind vorbei.
gesamter Thread:
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (1. Teil) -
Orlos,
26.03.2014, 01:54
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil) -
Orlos,
26.03.2014, 02:01
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil) -
MAT,
26.03.2014, 08:42
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil) -
fluteceleste,
26.03.2014, 09:21
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil) - untersatz32, 26.03.2014, 09:34
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil) -
fluteceleste,
26.03.2014, 09:21
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil) - stein, 26.03.2014, 11:41
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil) -
MAT,
26.03.2014, 08:42
- Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (2. Teil) -
Orlos,
26.03.2014, 02:01