Bericht: Drei neue Orgeln in Mainz (1. Teil)

Orlos @, Mittwoch, 26. März 2014, 01:54 (vor 4594 Tagen)

Gestern konnte ich drei neuere Orgeln in Mainz spielen und hören. Auch diesmal nahm ich einen ehemaligen Orgelschüler mit, um die Instrumente auch aus der Ferne hören zu können.
Zuerst waren wir in der Musikhochschule, die ein Teil der Universität ist. Als Student erlebte ich noch die alte Hochschule, das Gebäude wird aber gerade abgerissen. Die Orgeln wurden verkauft. Das neue Gebäude steht nun auf dem Campus und erhielt komplett neue Orgeln (Übersicht). In einem Probenraum steht eine kleine Orgel von Rieger. Im zweistöckigen Orgelsaal stehen zwei Instrumente: eine Konzertorgel von Goll und eine spanische Orgel im barocken Stil.
Der Orgelsaal ist zwar nicht wirklich groß, verfügt aber über einen gewissen Nachhall, das hat der Architekt gut hinbekommen.
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Die Goll-Orgel ist sehr zurückhaltend intoniert. Wer hier stundenlang übt, soll keinen Hörschaden bekommen. Meines Erachtens hat man es aber übertrieben, die Orgel könnte schon ein wenig mehr Kraft entfalten. Aber das ist ein persönlicher Eindruck. Das Instrument ist sehr homogen, kein Register plärrt heraus. Alles mischt sich sehr gut. In der Mitte steht das schwellbare Positiv (2. Manual), rechts und links sind Hauptwerk und Pedal untergebracht (zum Teil gemeinsame Pfeifen). Das Schwellwerk steht frei hinter der Orgel, flankiert von den 16'-Holzpfeifen des Pedals.
Die Orgel folgt keinem speziellen Vorbild, sondern ist eine vielseitige Hochschulorgel. Die beiden Schwellwerke erlauben vielfältige dynamische Abstufungen. Die HW-Mixtur ist mild, für ein barockes Plenum sollte man die POS-Mixtur hinzukoppeln. Im SW gibt es überblasende Flöten, die Flöten in HW und POS sind eher barock ausgerichtet. Interessant, wie zart man Zungen bauen kann, die Oboe ist kaum zu hören, die Trompeten sind mild, das Fagott im Pedal grundiert schön.
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Handwerklich ist die Orgel absolut perfekt. Die Koppeln sind alle mechanisch, auch die 16'-Koppel. Die Orgel ist sehr gut spielbar, auch virtuose Stücke. Die Registertraktur ist ebenfalls mechanisch, die Setzeranlage und Crescendo wirken dort hinein. Die Schwelltritte sind natürlich auch mechanisch, nur seltsamerweise in der falschen Reihenfolge angeordnet (links SW, rechts POS), instinktiv macht man es erst einmal falsch.
Unangenehm ist nur der verstimmte Cymbelstern, auch wenn sich eine dekorative Scheibe in den Prospekt schiebt.
Den Prospekt finde ich enttäuschend langweilig. Für einen neuen Orgelsaal hätte er spektakulärer oder zumindest dekorativer sein können. Auf dem Homepage-Photo ist der dunkle Stoff noch nicht gespannt, den man auf meinem Photo ahnen kann.
Insgesamt eine angenehme Orgel, extrem homogen, vielseitig, klangschön. Es ist ein Luxusproblem zu sagen, dass sie vielleicht insgesamt schon zu „glatt" ist. Passend zum Prospekt ist nichts spektakulär, herausragend, überraschend. Um verschiedene Literatur darzustellen, ist es ein gutes Instrument, zum Improvisieren hat sie mich nicht so sehr inspiriert, da mag ich Orgeln mit charaktervollen Einzelstimmen und einem gewissen „Bumms" lieber.
Aber da gibt es ja noch die andere Orgel im Orgelsaal. Offiziell ist sie noch gar nicht eingeweiht. Es handelt sich um das zweite Instrumente aus dem Projekt „Clarín" des spanischen Orgelbauers Joaquín Lois Cabello. Er hatte mir mal hübsch gemachtes Infomaterial dazu zugeschickt und erhoffte sich, eine ganze Reihe gleicher Orgeln zu bauen. Die Preise sind niedrig und man bekommt viel Orgel dafür. In Mainz hat man sich auch für die optionale dekorative Gestaltung des Gehäuses entschieden, was dem Raum einen eigenen Glanz verleiht und die Goll-Orgel nun noch fader aussehen lässt. Neben der Orgel stehen zwei große Keilbälge. Um sie zu öffnen, muss man die Seile herunterziehen, das finde ich anstrengender als das sonst übliche Heruntertreten. Man kann auch den Motor nehmen, der bläst dann die Bälge auf.
Die Orgel steht auf 415 Hz, die Teilung ist originalgetreu bei c1/cis1. Kurze Oktave (C, D, E, F, G, A-c3). Die erstaunlich kurzen Tasten betätigen eine aufgehängte Traktur. Das ist alles ordentlich gearbeitet, der Blick in das Gehäuse besitzt aber eine „antike" Anmutung, es wirkt alles hübsch historisch, auch wenn es natürlich neu ist. Spektakulär ist der Klang. Der einzige labiale 8' klingt wie ein (weiter) Prinzipal und trägt die ganze Orgel, er erfüllt den ganzen Raum und bringt ihn zum Klingen. Der Principalchor wird dann über 4', 2 2/3', 2' und 1 1/3' zur Mixtur ergänzt. Das klingt alles wunderbar frisch und hell, klar und transparent, aber nicht schreiend oder schrill. Dann gibt es noch ein 4'-Gedackt. Im Baß findet sich eine Einzelterz 1 3/5', im Diskant ein Cornet, das nicht französisch weit klingt, sondern eher prinzipalisch. Es gibt zwei Zungen, eine Trompete 8' im Gehäuse und ein horizontaler Clarín, im Baß als 4', im Diskant als 8'. Die putzigen Kniehebel sind übrigens mit den Registerzügen des Clarín verbunden.
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Wir hatten beide sehr viel Freude mit dieser Orgel. Der frische Klang passt wunderbar zur mitteltönigen Stimmung mit den reinen Terzen. Ist die Orgel zu laut? Nein, überhaupt nicht. Aber sie ist auch nicht zurückgenommen. Sie klingt lebendig und forsch, aber nicht brutal oder nervig. Die zehn Register sind inspirierend, man probiert gerne neue Mischungen und Kombinationen aus. So ein Instrument würde ich mir in einer kleinen Kirche wünschen, damit kann man hervorragend eine Gemeinde begleiten. Die Literaturauswahl ist natürlich beschränkt, aber es macht tierisch Spaß, darauf zu spielen.
Toll, in einem Saal so unterschiedliche Orgeln stehen zu haben.

Schade, dass man bei einer nagelneuen Orgel schon Aufkleber mit Zahlen anbringen "musste":
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