Brustwerk/Rückpositiv

Hilbrands @, Freitag, 14. März 2014, 23:45 (vor 4607 Tagen) @ Daniel

Was gab es bei 2-manualigen Orgeln früher: ein Brustpositiv oder ein Rückpositiv?

Wohl das Rückpositiv.
Das Standardwerk für den niederländischen Raum ist Vente, Die Brabanter Orgel. Ich exzerpiere etwas daraus ab S. 12: Bei niederländischen zweimanualigen Werken ist offensichtlich das Rückpositiv zuerst da. In Zwolle wird ein RP erstmals 1447 erwähnt, 1455 eines in Delft. Da man diese Orgel mit Utrecht verglich, muss diese schon vorher ein RP gehabt haben. Eine Pedalklaviatur gibt es in NL seit Beginn des 15. Jh. Das HW war das Prinzipalwerk als Blockwerk. Das RP hatte zunächst Doppelladen oder häufig 3 Register (Principal, Mixtur, Scharff), später auch Schleifladen mit anderen Registern wie z.B. Flöten. Das RP diente als klanglicher Kontrast zum HW durch ein anderes Plenum und die anderen Stimmen.
1505 stehen bei einer Orgel in Antwerpen (Daniel van der Distelen) Pedalpfeifen im Rückpositiv und Brustwerk (BW hatte Krummhorn, Trompete und Zimbel).
Im 16. Jh. ersetzt das Oberwerk vielfach das BW (Kampen, Zwolle), da letzteres für langbechrige Zungen nicht geeignet war (in Franeker hatte das BW nur ein Regal). Das ist aber ganz spezifisch für den Brabanter Orgelbau. Johann von Koblenz baute schon 1505 ein OW in Zwolle.

Unser lieber Praetorius bietet fantasievolle Abbildungen der Orgel des Doms in Halberstadt von 1361 mit zwei Diskant- und einem Bassmanual sowie einer Pedalklaviatur.

In Frankreich wird 1433 eine Rückpositivklaviatur für St. Etienne/Troyes geliefert (Klotz, Über die Orgelkunst der Gotik, 29). Weitere RPs sind im 15.Jh. bezeugt für Dijon (1447), Koblenz 1467 und Zürich (1479).
Die spätgotische dreimanualige Orgel in Nürnberg hatte HW, RP und BW, so auch in Freiberg/Mariendom (1506).
Positive Gruß, Walter


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