2 Schwellwerke – lieber nicht.

Friedrich @, Dienstag, 25. Februar 2014, 19:26 (vor 4630 Tagen) @ Daniel
bearbeitet von Friedrich, Dienstag, 25. Februar 2014, 19:44

Lohnt sich bei III / ca. 35-40 Register ein 2. Schwellwerk (Positiv/Rückpositiv, sofern architektonisch möglich, mit Prospekt-Register vor dem Schwellwerk)?

Abgesehen von Solcenas immer richtigem Einwand: Es liegt zumindest nahe, dass sich das nicht lohnt.
(Kleiner Exkurs: Organisten finden meiner Erfahrung nach Schweller viel öfter toll als Orgelbauer.)

Erstens:

Eine Orgel der genannten Größe steht vermutlich in einem Raum, der akustisch verhältnismäßig unkompliziert ist und in dem die Orgel eher nahe bei Gemeinde oder Chor steht; in einem Raum also, in dem es sich lohnt, einen musikalischen und kreativen Intonateur ranzulassen.

Eine Schwellwand wird dessen Kunst immer ein wenig verdunkeln. Sie nimmt jeder Pfeife, die dahinter steht, etwas von ihrer Charakteristik, vor allem in der Ansprache. Starke Streicher, Prinzipale mit Expressionen, intensive Zungenregister mit überblasendem Diskant, das sind Stimmen, die für Schwellwerke und tiefe Orgelgehäuse erfunden wurden. Das ist aber erstens ein teurer und zweitens ein stilistisch eng begrenzter Registerbestand, überdies für eine Literatur, die zu großen Teilen außer der Reichweite vieler Organisten steht.

Wenn man beide Nebenwerke einpfercht, hat allein das Hauptwerk das Privileg, seine Pfeifen in voller Charakteristik in den Raum klingen zu lassen. Ein Hauptwerk soll aber idealerweise anders klingen als ein freistehendes Nebenwerk – größer, vielleicht etwas entrückter, majestätisch statt intim. Da gehen musikalische Möglichkeiten verloren, die in meinen Ohren von den Vorteilen eines Schwellers nicht aufgewogen werden. Ich finde nichts schöner als ein sorgfältig und lebhaft intoniertes Register im Freien. Es ist eine Chance, die man vergibt, wenn man es einsperrt.

Zweitens:

Effiziente Schwellkästen sind schwer, groß und teuer. Allein eine Schwellwand verbraucht locker den Platz für zwei Register – zwei Klangfarben und Lautstärken, die dann nicht real zur Verfügung stehen. Der Schwellkasten selber braucht in Tiefe, Breite, Höhe und Tragwerk sehr viel mehr Raum als ein normaler Gehäusekasten mit Schutzfunktion.

Statt einer zweiten Schwellwand könnten ein oder zwei zarte Labialregister zur Begleitung disponiert werden, z. B. ein Gemshorn, eine Dulziana, ein Salizional; oder der Bestand an flötigen Acht- und Vierfüßern könnte differenziert werden (siehe alten Thread über dergleichen), sodass sich für alle Umstände genügend Begleitmöglichkeiten ergeben – über den Bestand des bereits vorhandenen Schwellwerks hinaus, wohlgemerkt (so lautet ja Daniels Frage). All das verspricht musikalisch ergiebigere Klänge als eine Wand stummer Schwellklappen.

Wenn der Organist die Schwellwand braucht, um seine Ohren zu schützen, ist die Orgel falsch konstruiert. Meistens bedeutet so etwas musikalischen Verlust für die Hörer.

Fazit:

Ich meine, eine gut konstruierte und intonierte Orgel für den Alltagsgebrauch sollte nicht mehr Klänge einsperren, als unbedingt nötig ist, damit sie ihrem Zweck in ihrer besonderen Situation gerecht wird. Bestenfalls halten sich musikalische Gewinne und Verluste durch eine Schwellwand die Waage.

Zwei Schwellkästen sind meiner Ansicht nach am Platze, wenn die Orgel schon wirklich groß ist und der gewünschte Bestand an schwellbaren Registern so groß ist, dass es technisch und musikalisch sinnvoll ist, ihn auf mehrere Manuale zu verteilen. Allerdings sollte man in Auge und Ohr behalten, dass eine viermanualige Orgel mit zwei Schwellwerken schon wieder einer zweimanualigen ähnelt – darin, dass nur zwei Manualwerke wirklich die volle Intonationscharakteristik offenen Pfeifenwerks ausschöpfen können. Bei sehr großen Orgel ist dieser Nachteil dadurch gemindert, dass sie oft weit weg von den Zuhörern stehen.

Viele Grüße,
Friedrich


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