Erlebt: Die Doppelorgel von Woehl in Flensburg
Zugegeben, ich war äußerst skeptisch, ob eine Verknüpfung einer barocken und einer symphonischen Orgel in einem einzigen Instrument funktionieren kann. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin von dieser Woehl-Orgel ziemlich begeistert.
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Im grandiosen historischen Prospekt finden die Manualwerke des barocken Werkes Platz: Die beiden Rückpositiv-Gehäuse, das Brustwerk (darunter der barocke Spielschrank) und darüber das große Hauptwerk. Hinter dem Hauptgehäuse steht unten das geräumige Pedal, oben das große Schwellwerk.
Der zweite mechanische Spieltisch für die symphonische Orgel steht auf der unteren Empore. Von hier aus werden Hauptwerk, Rückpositiv, Schwellwerk und Pedal mechanisch angespielt, zudem elektrisch das Fernwerk, welches im rechten Seitenschiffgewölbe im Altarraum untergebracht ist und die historischen Sauer-Register beherbergt. Das Brustwerk ist also nur vom barocken Spielschrank, das Schwellwerk nur vom symphonischen Spieltisch aus anspielbar. Doch auch im HW und im Pedal finden sich einzelne Register, die jeweils nur von einem der beiden Spielanlagen angespielt werden kann.
Die beiden Orgeln besitzen zwei unterschiedliche Temperierungen, eine modifizierte Mitteltönigkeit in der barocken und eine gleichschwebende Stimmung in der symphonischen Orgel. Die gemeinsamen Werke besitzen deshalb 19 Töne pro Oktave; fünf Töne pro Oktave werden von beiden Spieltischen angespielt, sieben Töne separat. Die barocke Orgel hat im Bass eine kurze Oktave mit den Tönen C, D, E, F, G, A bis c3.
Die besondere Herausforderung bestand natürlich in der Intonation. Einen HW-Prinzipalchor so zu intonieren, dass er für barocke und symphonische Musik einsetzbar ist, erscheint auf den ersten Blick unmöglich. Woehl ist es aber gelungen.
Blick vom barocken Spielschrank nach oben zum Brustwerk.
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Der barocke Spielschrank vermittelt beim HW und BW ein wunderbar knackiges Spielgefühl. Das RP spielt sich etwas teigig. Es gibt nur eine Schiebekoppel, keine Pedalkoppeln. Die sind auch nicht notwendig, denn das Pedal ist sehr groß besetzt. Nur an diesem Spielschrank kann man das Register Cornet 2‘ spielen. Auch im HW gibt es ein Register, das nur von hier aus zu spielen ist: die Vox humana.
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Die Registersteuerung ist elektrisch, sonst wäre das System mit den 19 Tönen pro Oktave nur sehr aufwendig zu lösen gewesen. Die Registerzüge sind aber auf „alt“ gemacht und bieten ein wenig Widerstand, so dass man gar nicht merkt, dass sie elektrische Kontakte betätigen. Im Grunde hätte man auch eine Setzeranlage einbauen können, das würde die Bedienung sehr erleichtern.
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Wenn man den „lebendigen Wind“ einschaltet, ergibt sich eine gewisse Windstößigkeit, die einer historischen Orgel gut steht. Es macht große Freude, an diesem Spielschrank zu spielen, die Orgel klingt in der Tat barock. Besonders gut sind die Zungenstimmen gelungen, die knarzigen Regale, die dunklen Trompeten, die singenden Solostimmen.
Steigt man durch das Pedal zurück zum anderen Spieltisch, läuft man über großzügige Treppen. Im Vergleich zu anderen Woehl-Orgeln gibt es in Flensburg erstaunlich viel Platz.
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Am unteren Spieltisch stehen im HW und Pedal weitere Register zur Verfügung, die es am oberen Spielschrank nicht gibt, hier braucht man also nur 12 Pfeifen pro Oktave. Das betrifft zwei romantische Grundregister und einen kompletten französischen Trompeten-Chorus. Die barocken Trompeten lassen sich aber auch von unten spielen, so dass man schöne Unterschiede registrieren kann. Im Pedal sind es die beiden 32‘-Register, die nur vom unteren Spieltisch aus spielbar sind.
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Hier sollte man den stabilen Wind wählen, dann bekommt man die notwendige Stabilität im Klang.
Zusammen mit dem großen Schwellwerk (mit großer Schwellwirkung) geben HW und RP am unteren Spieltisch eine vielseitige Nutzung für romantische und neuere Musik, wobei man zugeben muss, dass das RP eine recht eigenständige Färbung mitbringt, die man bei einer symphonischen Orgel eher nicht erwarten würde. Im HW funktioniert die Doppelfunktion erstaunlich gut, allerdings hat man nach der Einweihung der Orgel gemerkt, dass die Mixtur die Doppelrolle nicht erfüllen konnte. Der untere Spieltisch erhielt eine eigene Mixtur auf dem Stock des Cornets, das deswegen ausgelagert werden musste. Wenn ich es richtig verstanden habe, wird es nun elektrisch angespielt (ich hätte es dann auch „floating“ eingerichtet).
Die Orgel verfügt am unteren Spieltisch über Oktavkoppeln, die aber für die Kraftentfaltung nicht notwendig sind, die symphonische Orgel besitzt auch ohne sie genug „Wumms“ für die Kirche. Die herrlichen alten Sauer-Register sind im neu eingerichteten Fernwerk gebündelt, das in der Kirche präsent ist.
Ich bin ja sehr an solchen Kombinationen von Temperierungen interessiert, habe hier über die Wegscheider-Orgel in Dresden berichtet. In Bremen-Walle haben mich die doppelten Obertasten ("Subsemitonia") begeistert, aber die Idee mit zwei Spieltischen ist natürlich noch besser, weil man dann auch die kurze Oktave dazubekommt. Gerne würde ich noch das System von Ahrend mit Wechselschleifen für die beiden Stimmungssysteme kennenlernen (Tübingen).
Es gibt einige Kirchen und Konzertsäle mit zwei stilistisch unterschiedlichen und völlig getrennten Orgeln. Dann ist man bei der Intonation und bei den technischen Hilfsmitteln unabhängig und kann individuell planen. Andererseits baut man dann auch viele Pfeifen doppelt, die sich klanglich nur wenig unterscheiden. Dass Woehl hier zwei verschiedene Stilrichtungen in einem einzigen Instrument vereint, ist ja im Grunde auch gar nicht so einzigartig, denn die meisten Orgeln mit "universalem" Anspruch haben doch die gleichen Intonationsfragen zu bewältigen (barockes RP, romantisches SW und ein irgendwie vermittelndes HW). Wenn man an die Ergänzung von neobarocken Orgeln mit großen Schwellwerken denkt (z. B. Schleswig), steht man vor der gleichen Schwierigkeit.
Sie ist zu meistern.
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Orlos,
03.08.2025, 00:48
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jrbecker,
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