St. Sernin, Toulouse
hardy, Montag, 13. Februar 2012, 21:23 (vor 5325 Tagen)
Hallo, kennt jemand die ACC-Orgel in St. Sernin, Toulouse, nach der Restaurierung in 1996? Ich hörte kritische Stimmen dazu, inwiefern?
Gruß, Hardy
St. Sernin, Toulouse
Friedrich
, Montag, 13. Februar 2012, 23:09 (vor 5325 Tagen) @ hardy
bearbeitet von Friedrich, Dienstag, 14. Februar 2012, 11:25
Ich kenne sie vorher und nachher nur durch Aufnahmen und Artikel. Die Restaurierung war wohl überfällig, denn die Orgel war stark abgenutzt in der gesamten Mechanik und durch einen größeren Umbau zum Schlechten verändert; ich glaube, durch einen der Pugets. Wer Daniel Roths Aufnahme von Widors Siebter kennt, weiß, was ich meine. Da quietscht, ächzt und klappert es überall, ebenso in Frédéric Blancs wunderbarer Improvisationsplatte.
Aber die technischen Defizite wurden eben auch wettgemacht durch einen sagenhaften Klang, herb und mächtig und extrem charakterisch. Das Rumpeln der Contrebombarde ist unvergesslich, ebenso die Energie der Chamaden und die herrlichen Grundstimmenfarben – aber auch die Grundheiserkeit durch die starken Verstimmungen zwischen den Werken. In den Aufnahmen nach der Restaurierung klingt die Orgel deutlich vornehmer, weicher und glatter – weniger nach Bestie. Ich habe gehört, dass manche das den Restaurateuren übelgenommen haben sollen. Dabei lässt es sich leicht erklären als Ergebnis von Reinigung, Regulierung und Wiederherstellung einer soliden Windzufuhr.
Die Orgel klingt schön, aber sie hat ihre charakteristische Rohheit verloren, für die viele sie liebten – auch wenn dieser Klang wahrscheinlich aus dem Puget-Umbau und jahrzehntelanger Vernachlässigung herrührte.
Ob es technische Einzelheiten gab, die den Restaurateuren vorgeworfen werden, weiß ich nicht.
Gruß,
Friedrich
St. Sernin, Toulouse
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Dienstag, 14. Februar 2012, 00:21 (vor 5325 Tagen) @ Friedrich
Man kann's eben nicht jedem rechtmachen.
Daß frisch restaurierte Instrumente manche gewohnten Hörer erst einmal für den Kopf stoßen, dafür gibt es ja auch hierzulande zahlreiche Beispiele, nicht nur so bekannte wie Hamburg, St. Jacobi.
St. Sernin, Toulouse
stein
, Dienstag, 14. Februar 2012, 09:00 (vor 5324 Tagen) @ Poupoulcorouse
bearbeitet von stein, Dienstag, 14. Februar 2012, 09:09
Ich war im Sommer dort. Habe durch Dupont eine geniale Orgelvorführung wer der Sonntagsmesse bekommen. Ich kenne doch schon einige Instrumente von ihm. Alle sind anders. Auffallend für Toulouse ist die ungeheure puissance (Potenz), wie die Franzosen sagen. Ich habe sie leider nur auf der Empore gehört, werde dieses Jahr nocheinmal in die Region gehen. Sie wirkt auf mich viel kräftiger wie Rouen, Caen oder Lyon. Daher hat sie vielleicht nicht ganz so viel Poesie. Ganz sicher ist der Raum dafür mit verantwortlich. Saint-Sernin ist eine grosse doch relativ schmale romanische Basilika. Ich bin mit sehr reservierten Erwartungen nach Toulouse gefahren, kannte das Instrument auch nur von CDs. Es handelt sich aber nach wie vor um ein geniales Instrument. Inwiefern es nach der Restaurierung Federn gelassen hat, kann wohl nur jemand beurteilen, der dieses Instrument gut kennt und auch heute unbefangen darüber urteilen kann. Das ist sicherlich nicht jedem möglich.
Hier noch ein paar Bildchen:
![[image]](images/uploaded/201202140848504f3a1ff2b4f2b.jpg)
![[image]](images/uploaded/201202140852404f3a20d86b7bf.jpg)
![[image]](images/uploaded/201202140849524f3a2030c89f1.jpg)
![[image]](images/uploaded/201202140909204f3a24c01dedc.jpg)
![[image]](images/uploaded/201202140853444f3a21181cd2e.jpg)
![[image]](images/uploaded/201202140855324f3a2184793fe.jpg)
Co-Titulaire Dupont
![[image]](images/uploaded/201202140859174f3a226578d46.jpg)
gruss stein
St. Sernin, Toulouse
Friedrich
, Dienstag, 14. Februar 2012, 11:09 (vor 5324 Tagen) @ stein
Ich war im Sommer dort. Habe durch Dupont eine geniale Orgelvorführung wer der Sonntagsmesse bekommen. Ich kenne doch schon einige Instrumente von ihm. Alle sind anders. Auffallend für Toulouse ist die ungeheure puissance (Potenz), wie die Franzosen sagen.
Danke, stein, für Bericht und Fotos!
Ja, das mit der puissance bleibt einem auch auf den Aufnahmen nicht verborgen. Da kommt was raus! Das ist mir schon bei der schönen Chorzempa-Aufnahme von Widors Fünfter und der « Romane » aufgefallen. Da kam die Nadel am Ende kaum noch mit, und bei der Romane war man jedesmal froh, dass sie nicht im Tutti endete und der Plattenspieler diesem herrlichen Schluss nicht im Wege stand.
Laut René Verwer war die Kraft der Zungenstimmen ein Merkmal der Intonation von Félix Reinburg. Der hat sowohl Saint-Ouen als auch Saint-Sernin intoniert, und wenn man mal hört, wie die beiden Contrebombarden klingen – kluge Organisten setzen sie ja zum Glück nicht so sehr oft ein –, dann spürt man die Verwandtschaft.
Der Unterschied zwischen beiden Instrumenten dürfte in der Akustik der Kirchen liegen. Toulouse klingt in allen Aufnahmen, selbst in denen von Dabringhaus & Grimm, sehr direkt, eher hallarm, und man kann die Klangebenen sehr gut auseinanderhalten; Saint-Ouen kommt da distanzierter, mit ausgeprägtem Mischklang und auch etwas wärmer rüber. Liegt vielleicht daran, dass Saint-Sernin direkt über sich das Gewölbe hat, während Saint-Ouen auf halber Höhe hängt.
Gruß,
Friedrich
St. Sernin, Toulouse
stein
, Dienstag, 14. Februar 2012, 17:49 (vor 5324 Tagen) @ Friedrich
Felix Reinburg hat auch Poligny intoniert. Die Bombarde 16' dort hat volle Becherlänge und ist eigentlich viel zu laut. Bei dem Foto unten schaut sie hinter dem alten Prospekt aus dem 17 jhd heraus. Vielleicht muss man das auch im Zeitzusammenhang zu sehen. 1859 für Lefébure-Wély (der auch die Einweihung mit seiner Pastorale dort spielte) brauchte man so etwas. Sein Bruder Gabriel hat zeitgleich Saint-Clothilde intoniert. Rouen und Toulouse sind von den akustischen Gegebenheiten wirklich sehr unterschiedlich. Man darf sich da nicht täuschen, Toulouse hat ein grosses und sehr langes romanisches Kirchenschiff, Rouen hingegen sprengt die Dimensionen in alle Richtungen.
![[image]](images/uploaded/201202141736454f3a9bad860ca.jpg)
gruss stein
St. Sernin, Toulouse
Karsten, Dienstag, 14. Februar 2012, 23:49 (vor 5324 Tagen) @ Friedrich
Ich kenne sie vorher und nachher nur durch Aufnahmen und Artikel. Die Restaurierung war wohl überfällig, denn die Orgel war stark abgenutzt in der gesamten Mechanik und durch einen größeren Umbau zum Schlechten verändert; ich glaube, durch einen der Pugets. Wer Daniel Roths Aufnahme von Widors Siebter kennt, weiß, was ich meine. Da quietscht, ächzt und klappert es überall, ebenso in Frédéric Blancs wunderbarer Improvisationsplatte.
Aber die technischen Defizite wurden eben auch wettgemacht durch einen sagenhaften Klang, herb und mächtig und extrem charakterisch. Das Rumpeln der Contrebombarde ist unvergesslich, ebenso die Energie der Chamaden und die herrlichen Grundstimmenfarben – aber auch die Grundheiserkeit durch die starken Verstimmungen zwischen den Werken. In den Aufnahmen nach der Restaurierung klingt die Orgel deutlich vornehmer, weicher und glatter – weniger nach Bestie. Ich habe gehört, dass manche das den Restaurateuren übelgenommen haben sollen. Dabei lässt es sich leicht erklären als Ergebnis von Reinigung, Regulierung und Wiederherstellung einer soliden Windzufuhr.
Die Orgel klingt schön, aber sie hat ihre charakteristische Rohheit verloren, für die viele sie liebten – auch wenn dieser Klang wahrscheinlich aus dem Puget-Umbau und jahrzehntelanger Vernachlässigung herrührte.
Ob es technische Einzelheiten gab, die den Restaurateuren vorgeworfen werden, weiß ich nicht.
Hallo!
Das Thema war vor einer guten Weile auch an anderer Stelle bereits Thema (aeolus-Forum). Dort äußerte sich Frommen - wie andere namhafte französische Organisten auch - dass die Lautstärke der Orgel nach der Restaurierung enorm zugenommen habe, und zwar in einem Maße, dass es fü Cavaillé-Coll schon wieder uncharakteristisch sei. Als Grund dafür wurde an anderer Stelle unter anderem auch ein nach der Restaurierung überhöhter Winddruck genannt.
Gruß
Karsten
St. Sernin, Toulouse
stein
, Mittwoch, 15. Februar 2012, 13:28 (vor 5323 Tagen) @ Karsten
Das Thema war vor einer guten Weile auch an anderer Stelle bereits Thema (aeolus-Forum). Dort äußerte sich Frommen - wie andere namhafte französische Organisten auch - dass die Lautstärke der Orgel nach der Restaurierung enorm zugenommen habe, und zwar in einem Maße, dass es fü Cavaillé-Coll schon wieder uncharakteristisch sei. Als Grund dafür wurde an anderer Stelle unter anderem auch ein nach der Restaurierung überhöhter Winddruck genannt.
Ich will diesem beeindruckenden Instrument nicht das Singen aberkennen, aber sie singt sicherlich lauter wie viele andere CC Orgeln.
Ein Spezialfall ist folgende Orgel. Die Ensemblezusammensetzung spricht für sich.
Dupré war wohl mal wieder in Amerika. Ist die Katze aus dem Haus ...
![[image]](images/uploaded/201202151328034f3bb2e32063f.jpg)
gruss stein
St. Sernin, Toulouse
jrbecker
, Mittwoch, 15. Februar 2012, 13:43 (vor 5323 Tagen) @ stein
...
Ein Spezialfall ist folgende Orgel. Die Ensemblezusammensetzung spricht für sich.
Dupré war wohl mal wieder in Amerika. Ist die Katze aus dem Haus ...
gruss stein
Na, das Bild sieht mir doch eher so aus, als säße die Katze am Spieltisch...
SCNR
Jörg
St. Sernin, Toulouse
Karsten, Mittwoch, 15. Februar 2012, 20:52 (vor 5323 Tagen) @ stein
St Sulpice hatte doch ursprünglich doch drei durchschlagende Zungenregister von Daublaine & Callinet (Cor anglais 16 im Recit, Euphone 16' und Clarinette 8' im Positif), die 1903 als romantisches Sülzrelikte von Widor bei einer Überholung rausflogen.
Es handelt sich also hier offensichtlich um ein HIP-Ensemble, das überzeugend versucht, den Originalklang der Cavaillé-Coll-Orgel vopn 1862 zu rekonstruieren. Es ist überaus löblich, dabei Mittel einzusetzen, die die überkommene historische Substanz in keinster Weise verändern!
Vielleicht war dies ja der geheime Grund, warum Dupré sich mit Demessieux überwarf: während Duprés Abwesenheit versuchte sie, über Duprés Kopf hinweg die Orgel klanglich zu rekonstruieren und "ihre" Orgelbaufirma durchzudrücken. Bei kjlanglichen Vorstudien zur Rekonstruktion der durchschlagenden Register wurde dieses Bild von der neoklassizistischen Gegenfront um Marchal und Dufourcq im Geheimen aufgenommen und nach USA gekabelt, wo es Dupré in die Hände gespielt wurde.
Dupré, den Eigenmächtigkeiten seiner Lieblingsschülerin wegen auf 180, warf sie natürlich raus, als er wieder in Paris ankam.
Gruß
Karsten
St. Sernin, Toulouse
hardy, Mittwoch, 15. Februar 2012, 20:12 (vor 5323 Tagen) @ Friedrich
Ich habe auch 2 ältere CD-Aufnahmen von Toulouse vor der Restaurierung, da zischt es ganz schön, aber das Instrument klingt kraftvoll und genial. Wie ich es in youtube gehört habe (wenn man das überhaupt beurteilen kann), klingt es heute "gepflegter". Als Kritikpunkt hörte ich, daß die Pfeifen gewaschen worden seien und die "Patina" dadurch weg sei - aber ist das nicht normal, daß Pfeifen gewaschen werden bei einer Restaurierung?
Rouen und Caen habe ich live "erlebt" und bin schon etwas erstaunt gewesen, daß die Instrumente eher etwas verhalten klangen. Rouen auch wie verstaubt (das war ca 1997). Aber das ist auch halt ein "Schlund zu füllen"...
Gruß Hardy
St. Sernin, Toulouse
link1907, Dienstag, 14. Februar 2012, 20:57 (vor 5324 Tagen) @ hardy
ganz neu...
http://www.david-briggs.org/recordings-1