Improvisation oder Kompositiom

Unda Maris ⌂, nahe Hamburg, Sonntag, 12. Februar 2012, 20:48 (vor 5326 Tagen)

Diese Improvisation auf der virtuellen Kopie der Arlesheimer Silbermann macht ich etwas stutzig: Einerseits sehr schöne und auch sehr gut gespielte Machart, andererseits für eine Improvisation schon irgendwie "zu gut". Da alle Wiederholungen identisch sind, denke ich mal, dass da doch diverse Blatt Notenpapier herhalten mussten, wogegen ja generell ja auch nichts zu sagen ist (ich halte das selbst oft lieber so). Nur dann sollte man es nicht als Improvisation "verkaufen"? Oder was meint ihr? Kennt O.M.K den jungen Kollegen aus NL?

Chiel Jan van Hofwegen spielt eine improvisierte Partita über "Nun danket alle Gott"

Improvisation oder Kompositiom

boerner, Sonntag, 12. Februar 2012, 21:26 (vor 5326 Tagen) @ Unda Maris

"Performance by a live-recorded MIDI file" schließt nicht aus, dass Wiederholungen durch "copy and paste" erzeugt werden. Es muss also nicht alles rein live sein, was man hört.

Improvisation oder Komposition

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Sonntag, 12. Februar 2012, 21:34 (vor 5326 Tagen) @ Unda Maris

Wenn ich als bescheidener Nicht-Profi hier das Wort ergreifen darf:

Ich sehe es nicht als anrüchig an, sich für Improvisationen Notizen zu machen, wenn man bestimmte Partien nicht im Kopf behalten kann. Aus den Wiederholungen aber direkt zu schließen, daß sie irgendwo verschriftlicht sein müssen ... das kann ich nicht nachvollziehen.

Ich habe früher für Improvisationen nie Vorlagen notiert, wenn ich bestimmte Sequenzen für besonders gelungen hielt, dann hatte ich die ja auch blind drauf. Da es ja von mir selbst kam, musste ich es mir ja auch nicht langwierig einprägen, höchstens die Umsetzung trainieren, aber für die brauchte ich kein Papier.

Vielleicht "oute" ich mich hier mal, um meine Sichtweise auf Improvisation verständlicher zu machen (die ist hier ja schon mehr als einer Person sauer aufgestoßen): Ich leide unter dem Handicap, das man heute landläufig als "Hochbegabung" bezeichnet. Das klingt erstmal ganz beneidenswert, brachte mir aber im Bezug auf meine Lernfähigkeiten sehr viele Probleme ein, die im Studium bis heute andauern (ich sage nur: "Graecum" etc.) - und stellte mich nicht zuletzt in meiner Schulzeit beim schnöden Lernen von Literatur vor fast unüberwindbare Schwierigkeiten. Ich habe nie einen Sinn darin gesehen, mir irgendwelchen simplen Blödsinn einzuprügeln, der mich musikalisch nicht die Bohne gereizt hat, wenn ich selbst schon viel "Besseres" im Kopf hatte und auch herauslassen konnte, wenn ich das wollte. Wir hatten einen etwas mit der Welt verkrachten Musiklehrer, der mich in der Unterstufe oft ans Klavier gesetzt hat und improvisieren ließ, wenn ihm am Ende der Stunde nichts mehr einfiel. Das war im Rückblick nicht gerade pädagogisch wertvoll im Bezug auf meine Stellung in der Klasse. Aber das war musikalisch genau das, was mir lag. Und ich hatte keinen Privatlehrer, der in der Lage gewesen wäre, mir Leidenschaft für Literaturspiel zu vermitteln. Vom Unterricht war ich angewidert, weil es da überhaupt keine Rolle spielte, was ich für Musik im Kopf habe, sondern ich irgendwelche stupiden romantischen Etüden herunterklimpern sollte. So kam es dann irgendwann, wie es kommen musste - und ich brach mit 14 endgültig den Unterricht ab, nachdem ich ihn vorher schon 2-3 Jahre lang nur noch schleifen ließ.

Ich sehe das heute als einen der größten Fehler meines jungen Lebens an. Wenn ich damals durchgehalten hätte und bessere Lehrer gehabt hätte, wäre ich vielleicht irgendwann in der Lage gewesen, meine Leidenschaft für die Improvisation auch wirklich nutzen zu können.
Wahrscheinlich bin ich deshalb übersensibel für die Bedeutung der Improvisation und vielleicht erklärt sich daraus meine Begeisterung für die norddeutsche Orgelschule, die ja nun, da wird mir wohl niemand widersprechen, ihre Grundlage und ihre Königsdisziplin in der Improvisation hatte.


Ich habe jedenfalls damals nie Melodien, die ich irgendwo wiedergeben wollte, aufschreiben müssen, um sie parat zu haben, wenn ich mir die praktische Wiedergabe vorher antrainiert hatte. Sicher habe ich auch oft etwas vergessen, aber dann war es entweder nicht der Rede wert ... oder ich habe es einfach lange nicht genutzt.

Um den Bogen zu schaffen: Deshalb denke ich aus meiner individuellen Erfahrung heraus nicht, daß man automatisch daraus schließen kann, daß hier viel verschriftlicht wurde ... ich denke auch nicht, daß die Grenze zwischen Improvisation und Komposition so scharf gezogen werden kann.

Improvisation oder Komposition

otto krämer, Montag, 13. Februar 2012, 00:20 (vor 5326 Tagen) @ Poupoulcorouse

...ich habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht wie Poupoulcorouse....nur irgendwie durchgehalten...bzw. meine damaligen "Lehrer" für bescheuert erklärt....
Nur so gings.
Zu Ch. van H.:
Kenne ihn nicht...die c.f. - Einsätze im tenor-c.f. sind gelegentlich irregulär, das läßt schon auf impro ohne Notizen bzw. ohne Vorbereitung schließen...ebenso leichte Stimmführungsfehler in den Außenstimmen....höre 3.42 Sopran und Alt....(das passiert mir doch auch....) lassen vermuten, dass hier alles doch mit rechten Dingen zugeht.
Ich finde, der Kollege ist super begabt..Gott sei dank pflegt er seine Kunst....unbedingt weiter machen....er sollte noch andere Welten entdecken.
@Poupoulcorouse:
Es wurmt mich sehr, dass wieder einer sich outen muss, wegen dämlicher Lehrer sich von der Improvisation oder der Musik an sich zurückgezogen zu haben - die Menschen, die da die jungen Leute fertig machen, wissen überhaupt nicht, was sie für und in den Schülern da anrichten....einer derjenigen, die mich piesagten, ist gerade am am 2. Februar gestorben...Winfried Erkens...Domorganist zu Xanten...Zitat: "Du wirst überhaubt nix"...jetzt sage ich das einfach einmal...um allen hier und drüber hinaus Mut zu machen, genau das zu verfolgen, was jeder in sich fühlt, egal, was einer, der sich berufen fühlt, über den Schüler verbreitet.
Fragt Euch, was ich wirklich machen wollt, und dann tut es.
Fraght Euch dann, ob Ihr jemandem schadet - wenn nicht - geht den Weg weiter.
Mit Gottes Hilfe wird es dan gelingen.
Liebe Grüße,
O.M.K.

Improvisation oder Komposition

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Montag, 13. Februar 2012, 01:16 (vor 5326 Tagen) @ otto krämer

Glücklicherweise habe ich mich ja niemals von der Musik zurückgezogen, im Gegenteil.

Naja, man darf es trotzdem nicht zu einfach einteilen. Wieviele Eltern gibt es nicht heute, die der Auffassung sind, ihr Kind sei wunders wie begabt? Zum Glück haben meine Eltern mich niemals mit irgendwelchen überzogenen Ambitionen erdrückt. Sicher wäre ich dankbar, wenn einiges anders gelaufen wäre und ich damals anders, bzw. überhaupt gefördert worden wäre ... aber ein Kind, dessen Eltern zu große Erwartungen haben, hat es auf der anderen Seite sicher auch nicht leicht. Und bei der viel zitierten "Abstiegsangst" vieler Mittelstandsfamilien, die ja heute immer groteskere Züge annimmt, wird so etwas leider nicht seltener.

Perverserweise macht diese Entwicklung Menschen, die wirklich damit zu kämpfen haben, das Leben nicht gerade leichter, weil "Hochbegabung" zu so einem leeren Schlagwort geworden ist, daß es vielfach einfach nicht mehr ernstgenommen wird.

Wenn man aufgrund der Notwendigkeit anderer Lernmethoden, die man im schlechten Falle nie gelernt hat, Leistungsschwierigkeiten bekommt, dann ist das Ergebnis nicht selten, daß man von den Menschen an Schule oder Hochschule, die dafür eigentlich zuständig wären, nicht Hilfe bei der Aneignung geeigneter Lernmethoden bekommt, sondern man eher halbherzig darauf verwiesen wird, daß ja nicht jeder seine Potentiale ausleben kann und daß man auch in einem vermeintlich unterfordernden Beruf glücklich werden kann. Dieser "Hype" um die Hochbegabung hatte also bei Licht betrachtet eher eine destruktive Wirkung.

Gerade bei den heute immer normierter werdenen Studienbedingungen kann das zu sehr großen Problemen führen. Ich kann noch froh sein, daß ich nach dem alten System studiere.

Improvisation oder Komposition

Reinhard Kluth ⌂ @, Tübingen, Montag, 13. Februar 2012, 08:33 (vor 5326 Tagen) @ otto krämer

Bravo, lieber Otto, und Dank für die klaren Worte. Ich kann dem nur zustimmen.
Lb.Gruß, Reinhard Kluth

Improvisation oder Komposition

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Montag, 13. Februar 2012, 11:42 (vor 5326 Tagen) @ otto krämer

Ach, nebenbei: Winfried Erkens ist gestorben?


Mein ehemaliger Mitbewohner kam aus Xanten. Ich war mal an Weihnachten dort und Erkens hat (das war dort wohl Tradition?) die Christvesper in der reformierten Kirche beorgelt. Ich fand das damals wegen seines hohen Alters sehr respektabel.

Improvisation oder Komposition

otto krämer, Montag, 13. Februar 2012, 12:55 (vor 5326 Tagen) @ Poupoulcorouse

ja...er starb an Maria Lichtmess, 2.Februar.
Seine Orgelleistungen waren immer respektabel, auch als er jung war.
Seine Menschlichkeit hat er wohl erst nach dem Tode seiner Frau wiedergefunden.
er war am Ende wohl sehr fromm, R.I.P.

Improvisation oder Komposition

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Montag, 13. Februar 2012, 13:02 (vor 5326 Tagen) @ otto krämer

Ich hab damals oben auf der Empore schräg neben ihm gesessen. Ich war jetzt nicht von den Socken, aber ob seines Alters wie gesagt sehr beeindruckt.

Ich habe danach ein paar Takte mit ihm gesprochen, aber ich erinnere mich nicht mehr wirklich daran.

Von den guten und den schlechten Lehrern

BourdonCéleste, Montag, 13. Februar 2012, 14:30 (vor 5326 Tagen) @ otto krämer
bearbeitet von BourdonCéleste, Montag, 13. Februar 2012, 15:39

Fragt Euch, was ihr wirklich machen wollt, und dann tut es.
Fragt Euch dann, ob Ihr jemandem schadet - wenn nicht - geht den Weg weiter.
Mit Gottes Hilfe wird es dann gelingen.

Sehr gut, lieber Otto, das ist gläubiger Hedonismus (was übrigens gerade kein Widerspruch in sich ist!) wie ich ihn auch pflege!

- - -

die Menschen, die da die jungen Leute fertig machen, wissen überhaupt nicht, was sie für und in den Schülern da anrichten...


Ja, es gibt viele "Lehrer", die sich an ihnen anvertrauten Schülern in diesem Sinne versündigen. Freilich reden wir nicht davon, dass echte oder vermeintliche "Wunderkinder" von einer erfahrenen Autorität in die Realität geerdet werden.

Aber es gibt "Lehrer", die das selbst nicht Erreichte, die eigenen Komplexe und Persönlichkeitsdefizite auf ihre Schüler übertragen und sie ab dem Moment fachlich und menschlich klein zu halten versuchen, sobald sie ihnen in welcher Ausprägung auch immer über den Kopf zu wachsen drohen. Sie versuchen sich im Schüler selbst zu verwirklichen und ihre Machtposition an ihm auszuleben. Solche Leute haben in einem Lehrberuf nichts zu suchen! Auch pädagogischer Missbrauch ist Missbrauch!

Ein guter Lehrer hingegen kann durchaus hart in der Sache sein. Aber er muss den Schüler zu einer eigenständigen Künstlerpersönlichkeit reifen lassen, muss das Handwerk und die Tradition beibringen, aber auch die Saat für geistige und künstlerische Freiheit des Schülers säen. Er muss Wege aufzeigen, begeistern und überzeugen. Bloße Repression ohne Argumente hingegen ist Gift für einen jungen Musiker. Ein guter Lehrer ist wie ein Gärtner. Er muss auch mal beschneiden. Aber vor allem gießen, düngen, lenken, gestalten, zum Wachstum anregen.

Und auch wissen, wann die Grenze der eigenen Kompetenz erreicht ist und einen Schüler dann auch mal weiterempfehlen. Selbstherrlichkeit ist bei Lehrern eine Schande. Angst vor der Konkurrenz durch den eigenen Schüler ist verwerflich.

Was könnte es denn schöneres für einen Lehrer geben, als ein erfolgreicher und eigenständiger (!) Schüler?

Nur zur Klarstellung: Dass die Vermittlung des Handwerklichen kein Streichelzoo ist, versteht sich von selbst. Und gegen harte Arbeit des Schülers sagt auch niemand was, um Gegenteil. Man vergleiche e.g., was der junge Widor in seiner Zeit bei Lemmes leisten musste.

Von den guten und den schlechten Lehrern

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Montag, 13. Februar 2012, 15:46 (vor 5325 Tagen) @ BourdonCéleste

Richtig.


Allerdings sollte man auch mit den Lehrern nicht zu hart ins Gericht gehen. Wenn ein Lehrer selbst nie gelernt hat, mit solchen Anforderungen umzugehen, dann kann er das auch nicht weitergeben. Das ist nicht immer böser Wille. Man darf auch nicht vergessen, daß Lehrer selbst mal lernende waren. Und wenn sie selbst nie in solchen Konflikten gesteckt haben, werden sie das schwer begreifen.

Und wenn ein Lehrer pausenlos von Eltern bestürmt wird, die ihren Nachwuchs ausnahmslos für hochbegabt halten, dann wird die Sache dadurch mit Sicherheit nicht leichter.

Von den guten und den schlechten Lehrern

BourdonCéleste, Montag, 13. Februar 2012, 16:14 (vor 5325 Tagen) @ Poupoulcorouse
bearbeitet von BourdonCéleste, Montag, 13. Februar 2012, 17:02

Auch richtig.


Und wer es nicht kann (lehren), sich aber redlich müht und mit der geziemenden Demut (!) an die ihm verantwortlich übertragene Aufgabe herangeht, sei auch nicht Objekt meiner Vorhaltungen.

Obwohl man auch hier wie so oft sagen kann: Wer es nicht kann, soll es lassen. Ein Pilot oder ein Mediziner, der seinen Beruf "nicht kann", sollte es ja auch lassen. Das Aufgabengebiet ist zu diffizil und der anzurichtende Schaden zu groß, als dass der Verfehlende besonders schutzwürdig wäre. Die Schülerinteressen gehen immer vor!

Ein guter Lehrer darf sich von nervigen Eltern genauso wenig aus der Ruhe und aus dem Konzept bringen lassen, wie etwa ein Kinderarzt. Es gehört zu der zu verlangenden Professionalität, auch nach 99 schwierigen Eltern das hundertste Kind noch gerecht und unbeeinflusst zu behandeln, denn dieses kann nichts für die 99 vorherigen. Wer das seiner Persönlichkeit oder der eigenen Prägung nach nicht zu leisten vermag, hat ebenfalls den Beruf verfehlt. Derjenige soll halt Bestatter oder Vogelzähler werden, da sind die Kundenkontakte weniger schadensgeneigt.

Diejenigen Lehrenden aber, die sich für unfehlbar halten und im Glanze ihrer selbstherrlichen Mediokrität sonnen, diejenigen verachte ich zutiefst und denen sehe ich nichts nach, aber auch gar nichts.

Improvisation oder Komposition

Andreas Scotty Böttcher ⌂ @, Dresden, Montag, 13. Februar 2012, 20:52 (vor 5325 Tagen) @ otto krämer

Wie gestern höre ich noch den Spruch meiner Lehrerin: "So, jetzt hörste mal auf rumzuklimpern. Jetzt spielste mal was richtiges."

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"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)

Improvisation oder Komposition

otto krämer, Montag, 13. Februar 2012, 21:33 (vor 5325 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher

...so kann man anfangen, gerade aufkommendes Talent derbe kaputt zu schlagen.
Wer dann nicht wieder aufsteht, hat verloren.

Improvisation oder Komposition

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Dienstag, 14. Februar 2012, 00:18 (vor 5325 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher

Oh ja, den hab' ich auch noch im Ohr.

Improvisation oder Komposition

Andreas Scotty Böttcher ⌂ @, Dresden, Dienstag, 14. Februar 2012, 03:39 (vor 5325 Tagen) @ otto krämer

Rumgeklimpert habe ich, seit ich denken kann. Das Klavier war für mich als Kind ein Spielzeug für klangliche Entdeckungsreisen. Und je mehr man mich ermahnte zu spielen, was dasteht, desto mehr Spaß entwickelte ich gerade an dem, was nicht dasteht. Verbotenes reizt halt besonders. ;-)

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"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)

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