Markus Hinz in St. Maximilian, D-Altstadt

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Mittwoch, 01. Februar 2012, 13:05 (vor 5336 Tagen)

Hallo Forum,

das 5. Winterliche Orgelkonzert ermöglichte eine erneute Begegnung mit der neuen Klais-Orgel in St. Maximilian. Markus Hinz (Kantor von St. Antonius, D-Oberkassel) und Martin Wistinghausen (Baß-Bariton) hatten ein interessantes Programm erarbeitet.

Zuerst erklang eine eigene Komposition Wistighausens “Lamentationes Jeremiae” für Baßstimme und Live Elektronik. Wistinghausen sang zu eigenen elektronischen Klängen, die sich wohl aus Aufnahmen der eigenen Stimme und Artverwandtem zusammensetzten. Es begann flüsternd/wispernd und endete auch so. Dazwischen schwoll der Pegel auf mittleres Niveau an. Von der Melodik wurde man an jüdische Weisen, auch Klenzmer, erinnert. Anregend.

In ähnlicher Weise strukturiert folgten danach die Harmonies (1967) von Ligeti. Der Begriff Harmonien ist freilich weit auszulegen. Da sind auch ganz schöne Reibungen und Schärfen drin. Aber dadurch wird das Stück sehr reizvoll. Aus dem Nichts kommend schwellen die langen Haltetöne, übereinander geschichtet, langsam an (muß hier per virtuellem Registerschweller bewirkt werden) und fallen dann ins Nichts zurück. Das hat Hinz sehr gut hinbekommen.

Mit schlichter Begleitung sang Wistingshausennun drei geistliche Lieder von L. Grossi da Viadana (1560-1627), Klangschön, mit Einfühlungsvermögen und Temperament. “Cantemus Dominum”, Beatae Mariae Magdalenae” und “O Jesu dulcis memoria”.

Nun folgte von C. h. E. Bach die Sonate für Orgel g-moll Wq 70 Nr. 6. Eine prima Gelegenheit, das Echowerk der Orgel gehörig in Szene zu setzen. Der musikalische Gehalt ist dagegen eher gering.

“Wanderers Nachtlied” von Goethe folgte dann in einer gemeinsamen Bearbeitung einer Liszt-Vertonung for Orgel und Bariton.

Nun kamen die erwarteten Orgelprüfsteine: Mendelssohn und Bach, unterbrochen nur noch durch ein kurzes, charaktervolles Lied “Ich liege und schlafe” von Heinrich Schütz.

Hinz ging mit mittlerem Tempo in den Choral der 6. Sonate, hielt das Tempo auch über die Variationen konstant. Am Anfang der Variationen ließ die Orgel deutliche Trakturgeräusche hören (Figuren im Diskant). Ansonsten gelang die klangliche Darstellung ohne Tadel; auf allzuviel tiefe Bässe verzichtete Hinz allerdings. Das abschließende Andante, piano e dolce war recht geschwind und auch nicht ganz leise. Aber das war dem positiven Gesamteindruck nicht abträglich.

Und dann Passacaglia und Fuge c-moll. Sehr leiser Beginn. Ruhig. Dann schrittweiser Aufbau. Hinz hatte alles im Griff, steigerte gekonnt und sprang dann in die Fuge ab. Diese hatte allen Swing und lief ganz herrlich. Dann die Generalpause vor dem Schluß: Ungemein schmerzlich (selten so gehört). Am Ende dann auch die Posaune, gegen die es der Rest der Orgel schwer hat.

Skepsis und Kritik weggeblasen? Teilweise ja. Ein echtes pp ist möglich, große Klangdifferenzierungen (Ligeti!) auch. Aber: Die dominierende Posaune bleibt ein Störfaktor. Und ausgerechnet bei Bach machte sich die Stimmung “für eine große Stadt” unangenehm bemerkbar. Kein Intervall ist halt so, wie man es gewohnt ist. So läuft ständig ein innerer Korrekturprozeß im Hirn ab, der das Gespielte als richtig verifizieren muß (etwa so: Huch, war das jetzt korrekt? Orgel ist nicht verstimmt, ein notenfremder Ton ist es auch nicht. Also muß das richtige Intervall getroffen sein, auch wenn man es nicht so gehört hat - das alles natürlich in Hundersteln von Sekunden und viele hundertfach während eines Stückes, kaum bewußt spürbat, aber durchaus fühlbar als Irritation). Auf die Stimmung möchte ich mangels besserem Wissen auch die Schärfe verschiedener Diskantstimmen zurückführen, die im Forte lästig wird. Ist c-moll schon im gefährdeten Bereich?

Nun gut, das war so gewollt. Und wer das nicht goutiert oder ertragen mag, muß halt fernbleiben. Ob ich diese Konsequenz für die Zukunft ziehen muß, ist noch nicht ausgemacht. So schnell gebe ich da nicht auf. Und der Mensch gewöhnt sich schließlich an allem, sogar am Dativ! Aber so recht glücklich bin ich dabei noch nicht.

Knapp 100 Hörer, starker, dankbarer Beifall für beide Künstler.

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Markus Hinz in St. Maximilian, D-Altstadt

Florian-L, Mittwoch, 01. Februar 2012, 15:16 (vor 5336 Tagen) @ Clemens Schäfer

In ähnlicher Weise strukturiert folgten danach die Harmonies (1967) von Ligeti. Der Begriff Harmonien ist freilich weit auszulegen. Da sind auch ganz schöne Reibungen und Schärfen drin. Aber dadurch wird das Stück sehr reizvoll. Aus dem Nichts kommend schwellen die langen Haltetöne, übereinander geschichtet, langsam an (muß hier per virtuellem Registerschweller bewirkt werden) und fallen dann ins Nichts zurück. Das hat Hinz sehr gut hinbekommen.

Virtueller Registerschweller? Noch nie gehört.

Gruß, Florian

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"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Markus Hinz in St. Maximilian, D-Altstadt

Abstrakte, Mittwoch, 01. Februar 2012, 15:23 (vor 5336 Tagen) @ Florian-L

Alternativ wird das auch als "Registrantencrescendo" bezeichnet ;-) .

Gruß,
Abstrakte

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