Great Cathedral Organs

Friedrich @, Montag, 16. Januar 2012, 19:51 (vor 5353 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Montag, 16. Januar 2012, 22:48

Liebe Forenser,

heute früh habe ich eine Besprechung abgeliefert, die mir das ganze Wochenende über einen ziemlichen Hörspaß bereitet hat. Wer von euch auch das Mander-Forum verfolgt, wird in den letzten Wochen dort auch davon gehört haben: Die EMI hat ihre legendäre LP-Reihe »Great Cathedral Organs«, veröffentlicht zwischen 1963 und 1971, restauriert und in einer Box mit 13 CDs wieder veröffentlicht.

Diese Box ist eine Wucht. Erstens kann man da erleben, wie diese Orgeln, die hierzulande inzwischen immer mehr Leute interessieren, beim konzertanten Spiel eingesetzt wurden. Was man also anfängt mit den Double Open Woods, Trombas, den Riesenschwellwerken und nicht zuletzt mit den Tuben. (Es gibt auch einige wenige schlagende Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte.)
Zweitens hält sie einen historischen Umbruch in der britischen Orgelwelt fest: Damals standen noch viele der romantischen Father-Willis-Orgeln und edwardianischen Hochdruckmonster, und man kann sie hier fachmännisch gespielt hören; aber die Saat der Neoklassik begann auch schon aufzugehen, und die revolutionäre Orgel in Coventry wurde für diese Reihe erstmals aufgenommen.

Damit hängt auch die interpretatorische Bandbreite zusammen, die man hier erleben darf, denn die Orgeln werden von ihren teils langjährigen Organisten vorgestellt. Heathcote Statham, Jahrgang 1889, spielte in Durham mit 76 Jahren in Begleitung seines Arztes; Herbert Sumsion war immerhin 63, als er in Gloucester die Elgar-Sonate einspielte (etwas »pedestrian«, wie man dort sagt). Die Modernen waren auch dabei: Noel Rawsthorne in Liverpool, manchem sicher bekannt durch seine alberne »Hornpipe humoresque«, ist ein unglaublich energischer, packender Spieler; ebenso Francis Jackson in York, der ein ernstzunehmender Komponist ist und übrigens immer noch konzertiert, irgendwo jenseits der Neunzig. Zwei junge Springer, beide Mitte zwanzig, sind auch dabei: Nicolas Kynaston, 26, in Westminster Cathedral, schon unverwechselbar in seinen straffen Tempi, strahlenden Registrierungen und seiner subtilen Agogik; und Simon Preston, 24, in Westminster Abbey, wo er den Murrill-Carillon derart stürmisch hinlegt, dass man sich wundert, dass das Gemäuer hinterher noch stand.

Gespielt wird vor allem französische und englische Konzertliteratur, darunter vieles hier und heute Unbekannte; tolle Stücke von Wesley, Parry, Bridge, Howells, Mathias und anderen. Einige Francks sind dabei und alle Mendelssohn-Sonaten, im Zugriff sehr unterschiedlich und stark von den Instrumenten geprägt. Wenig Bach (schade), wenig Liszt (mir egal), mancher Karg-Elert (in tollen Farben). Christopher Dearnley spielt Nielsens »Commotio« in Salisbury und die Ives-Variationen in St Paul’s, Conrad Eden die Schönberg-Variationen in Durham; Roger Fisher inszeniert den Reubke in Chester grell-expressionistisch, Melville Cook Jongens »Sonata eroïca« in Hereford dramatisch. Meine ganz persönlichen Favoriten waren auch die größten Überraschungen: Christopher Robinson spielt ausgerechnet am verrufenen Hope-Jones-Monster in Worcester (richtig, der H.-J., der später die schönen Wurlitzers baute) Bachs 9/8-C-Dur sehr präzise und mit einem tollen Schwung, danach Mendelssohns dritte Sonate (»Aus tiefer Not«) mit einem fantastischen Zug nach vorn, der Hauptsatz ein einziger Spannungsbogen. Das kriegen nur wenige so hin.

Porträtiert wurden damals die Orgeln der Kathedralen in Liverpool, York, Westminster Abbey und Cathedral, Gloucester, Coventry, Exeter, St Giles', Llandaff, Durham, Hereford, Salisbury, Norwich, Ely, Worcester, Canterbury, St Paul's, Lincoln und Chester.

Ich habe noch nicht alle Tracks hören können, aber bisher gibt es nur einen wirklichen Ausreißer nach unten. Arthur Wills versucht in Ely, den superlauten Harrison-Trombas und unbeschreiblichen Tuben alles abzuringen, und sie können's nicht geben, so sehr sie sich auch hupend mühen. Gerechterweise muss man sagen, dass die großartige Priory-Aufnahme desselben Gespanns (GEO 9) mich vorweg mehr als versöhnt. Für den EMI-Würfel leistet das einer der Bonus-Tracks: Germani in Selby Abbey lässt am Anfang von Regers »Halleluja!« eine derartige Pedalrakete steigen, dass ich's mir dreimal anhören musste, ehe ich es glaubte.

Die vierzehnte Scheibe ist eine CD-ROM und enthält vier PDF-Dateien: eine komplette Trackliste, sämtliche Dispositionen, wie sie den originalen LPs beilagen, einen Nähkästchen-Text des damaligen Produzenten Brian B. Culverhouse und einen sehr lesenswerten Kommentar von Graham Barber mit eigenem Kapitel »Tubas« – sehr interessant, wenn ein Brite darüber schreibt und durchaus seine Reserven hat.

Der ganze Würfel dokumentiert, in Klang und Interpretationen, eine spannende Umbruchzeit. Vier bescheidene Zehner ist er wert, für über 15 Stunden Musik. Wenn nach Weihnachten noch was übrig ist: hier wäre es gut angelegt.

Gruß,
Friedrich

N. B.
Ich werde von der EMI nicht dafür bezahlt. Was sie sonst so treibt, finde ich eher traurig. Aber das hier ist einmalig.

Great Cathedral Organs

doppelfloete_h @, Hannover, Montag, 16. Januar 2012, 22:05 (vor 5353 Tagen) @ Friedrich

ja, ich stimme in allem zu. eine wirklich lohnende edition, bei der es viel zu entdecken gibt! :)

Great Cathedral Organs

Barry Jordan, Dienstag, 17. Januar 2012, 07:40 (vor 5352 Tagen) @ doppelfloete_h

Lieber Foris

dank an Friedrich. Eine frage, allerdings.....in Worcester Hope-Jones? Diese Orgel hatte kein langes Leben in der Urform, sondern wurde alsbald (1925) von Harrisons umgebaut / angepasst, dann nochmal von ?Wood-Wordsworth in den 70er Jahren - wahrscheinlich hört man sie eher in dieser Gestalt? Sie existiert nun gar nicht mehr, übrigens, was ich für gut halte.

Übrigens, auch die Hope-Jones-Orgel war ein Umbau von einer Hill-Orgel. Sie war mit einem gemauerten 32' ausgestattet. Wahnsinn war das.

B

Great Cathedral Organs

BourdonCéleste, Dienstag, 17. Januar 2012, 08:15 (vor 5352 Tagen) @ Barry Jordan

Übrigens, auch die Hope-Jones-Orgel war ein Umbau von einer Hill-Orgel. Sie war mit einem gemauerten 32' ausgestattet. Wahnsinn war das.

B


Wow!


Kopfkino: In solch gemauerten 32' die Geister der einstmals Orgelbewegten verbannen, auf dass sie ewig darin herumspuken (oder eher spucken?) müssen...

Great Cathedral Organs

Friedrich @, Dienstag, 17. Januar 2012, 10:22 (vor 5352 Tagen) @ Barry Jordan
bearbeitet von Friedrich, Dienstag, 17. Januar 2012, 10:26

dank an Friedrich. Eine frage, allerdings.....in Worcester Hope-Jones? Diese Orgel hatte kein langes Leben in der Urform, sondern wurde alsbald (1925) von Harrisons umgebaut / angepasst, dann nochmal von ?Wood-Wordsworth in den 70er Jahren - wahrscheinlich hört man sie eher in dieser Gestalt?

Lieber Barry,

Du hast recht. Graham Barber hat notiert: Hope-Jones 1896, Umbau Harrison & Harrison 1925, Vergrößerung 1967 ebenfalls durch Harrison & Harrison unmittelbar vor der Aufnahme.

Interessanter und detaillierter weiß es natürlich NPOR. Dort sind noch Veränderungen 1937, 1948 und 1965 durch “unknown” (wahrscheinlich H & H) festgehalten. Dann gab es einen großen Umbau 1972 (also nach den Aufnahmen) durch H & H, bei dem die meisten verbliebenen Hope-Jones-Sachen rausgeschmissen wurden; 1978 folgte der von Dir erwähnte Wordsworth-Umbau.

Die Disposition von 1967, also aus der Zeit der Aufnahme, ist also offenbar Folge des großen Harrison-Umbaus von 1925. Allerdings sind einige Hope-Jones-Charakteristika erhalten geblieben, z. B. die Pedal-Zungenbesetzung (Diaphone 32-16 und Tubas 16-8), der Great-Prinzipalchor durchweg auf Hochdruck (wenn ich's recht verstehe, 254 mm WS) mit beledertem Large Open Diapason 8 usw. Die Prinzipale klingen auch ziemlich hart – so als ob man ihnen in der Kirche nicht zu lange zuhören möchte. In der Aufnahme geht das aber, teils wohl der Aufnahmetechnik wegen, teils auch wegen der eher durchsichtigen Satzart von BWV 547. Außerdem, wie gesagt: Christopher Robinson hat den Rhythmus im Blut. Das swingt einfach.

Übrigens, auch die Hope-Jones-Orgel war ein Umbau von einer Hill-Orgel. Sie war mit einem gemauerten 32' ausgestattet. Wahnsinn war das.

An die neue Orgel soll Double Open Wood, Double Open Diapason und Open Wood aus der Hill-Orgel angeschlossen werden. Das fantastische Hill-Gehäuse soll dann ins Nordquerschiff versetzt werden, diese drei Stimmen aufnehmen und außerdem eine zweimanualige Chor-Begleitorgel.

Ist also leider nicht anzunehmen, dass da nochmal musikalisch gemauert wird. Schade eigentlich.

Gruß,
Friedrich

Great Cathedral Organs

Karl-Bernhardin Kropf, Dienstag, 17. Januar 2012, 10:46 (vor 5352 Tagen) @ Friedrich

Danke, Friedrich! Angesichts der Masse frage ich mich, wann ich das mal durchhören sollte, aber Deine Beschreibung und der zugehörige Inhalt machen wirklich Appetit.

Great Cathedral Organs

Friedrich @, Dienstag, 17. Januar 2012, 11:04 (vor 5352 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Danke, Friedrich! Angesichts der Masse frage ich mich, wann ich das mal durchhören sollte, aber Deine Beschreibung und der zugehörige Inhalt machen wirklich Appetit.

Ich habe das Glück, Teilzeithausmann zu sein. Bügeln bietet sich an, kochen … Jede freie Minuten eben. Für so etwas. :-)

Allerdings hat man manchmal auch einfach genug von den ganzen Tuben. Dann wende ich mich wieder dem süddeutsch-barocken CD-Stapel zu, der auf seine Besprechung wartet. Ebert, Wöckherl, Chrismann, Egedacher, Holzhey heißen dann die Ohrenärzte. Die machen vieles wieder gut.

Gruß,
Friedrich

Great Cathedral Organs

Florian-L, Sonntag, 29. Januar 2012, 16:30 (vor 5340 Tagen) @ Friedrich

Arthur Wills versucht in Ely, den superlauten Harrison-Trombas und unbeschreiblichen Tuben alles abzuringen, und sie können's nicht geben, so sehr sie sich auch hupend mühen.

Es hört sich so an, als sei die Traktur zum Aufnahmezeitpunkt ziemlich am Ende gewesen.
Unglaublich, dass Wills da noch so spielen konnte, ohne "rauszufliegen".

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Great Cathedral Organs

Friedrich @, Sonntag, 29. Januar 2012, 16:46 (vor 5340 Tagen) @ Florian-L

Arthur Wills versucht in Ely, den superlauten Harrison-Trombas und unbeschreiblichen Tuben alles abzuringen, und sie können's nicht geben, so sehr sie sich auch hupend mühen.


Es hört sich so an, als sei die Traktur zum Aufnahmezeitpunkt ziemlich am Ende gewesen.
Unglaublich, dass Wills da noch so spielen konnte, ohne "rauszufliegen".

Dachte ich auch. Umso interessanter, wenn man diese Aufnahme mit der Priory-Platte vergleicht, die nach dem von Wills konzipierten neoklassischen Umbau gemacht wurde. Inzwischen wurde die Orgel wieder von Harrison auf Harrison restauriert. Im Bericht darüber in "Organbuilding" stand zu selen, dass Wills, gefragt, wie denn seine Orgel nach der Restaurierung nun klinge, sphinxenhaft geantwortet habe: “Well, it sounds like an Harrison.” Fand er möglicherweise nicht so spitze. Die Orgel in Ely stand von Anfang an in dem Ruf, extrem laut zu klingen.

Gruß,
Friedrich

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