Great Cathedral Organs
Liebe Forenser,
heute früh habe ich eine Besprechung abgeliefert, die mir das ganze Wochenende über einen ziemlichen Hörspaß bereitet hat. Wer von euch auch das Mander-Forum verfolgt, wird in den letzten Wochen dort auch davon gehört haben: Die EMI hat ihre legendäre LP-Reihe »Great Cathedral Organs«, veröffentlicht zwischen 1963 und 1971, restauriert und in einer Box mit 13 CDs wieder veröffentlicht.
Diese Box ist eine Wucht. Erstens kann man da erleben, wie diese Orgeln, die hierzulande inzwischen immer mehr Leute interessieren, beim konzertanten Spiel eingesetzt wurden. Was man also anfängt mit den Double Open Woods, Trombas, den Riesenschwellwerken und nicht zuletzt mit den Tuben. (Es gibt auch einige wenige schlagende Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte.)
Zweitens hält sie einen historischen Umbruch in der britischen Orgelwelt fest: Damals standen noch viele der romantischen Father-Willis-Orgeln und edwardianischen Hochdruckmonster, und man kann sie hier fachmännisch gespielt hören; aber die Saat der Neoklassik begann auch schon aufzugehen, und die revolutionäre Orgel in Coventry wurde für diese Reihe erstmals aufgenommen.
Damit hängt auch die interpretatorische Bandbreite zusammen, die man hier erleben darf, denn die Orgeln werden von ihren teils langjährigen Organisten vorgestellt. Heathcote Statham, Jahrgang 1889, spielte in Durham mit 76 Jahren in Begleitung seines Arztes; Herbert Sumsion war immerhin 63, als er in Gloucester die Elgar-Sonate einspielte (etwas »pedestrian«, wie man dort sagt). Die Modernen waren auch dabei: Noel Rawsthorne in Liverpool, manchem sicher bekannt durch seine alberne »Hornpipe humoresque«, ist ein unglaublich energischer, packender Spieler; ebenso Francis Jackson in York, der ein ernstzunehmender Komponist ist und übrigens immer noch konzertiert, irgendwo jenseits der Neunzig. Zwei junge Springer, beide Mitte zwanzig, sind auch dabei: Nicolas Kynaston, 26, in Westminster Cathedral, schon unverwechselbar in seinen straffen Tempi, strahlenden Registrierungen und seiner subtilen Agogik; und Simon Preston, 24, in Westminster Abbey, wo er den Murrill-Carillon derart stürmisch hinlegt, dass man sich wundert, dass das Gemäuer hinterher noch stand.
Gespielt wird vor allem französische und englische Konzertliteratur, darunter vieles hier und heute Unbekannte; tolle Stücke von Wesley, Parry, Bridge, Howells, Mathias und anderen. Einige Francks sind dabei und alle Mendelssohn-Sonaten, im Zugriff sehr unterschiedlich und stark von den Instrumenten geprägt. Wenig Bach (schade), wenig Liszt (mir egal), mancher Karg-Elert (in tollen Farben). Christopher Dearnley spielt Nielsens »Commotio« in Salisbury und die Ives-Variationen in St Paul’s, Conrad Eden die Schönberg-Variationen in Durham; Roger Fisher inszeniert den Reubke in Chester grell-expressionistisch, Melville Cook Jongens »Sonata eroïca« in Hereford dramatisch. Meine ganz persönlichen Favoriten waren auch die größten Überraschungen: Christopher Robinson spielt ausgerechnet am verrufenen Hope-Jones-Monster in Worcester (richtig, der H.-J., der später die schönen Wurlitzers baute) Bachs 9/8-C-Dur sehr präzise und mit einem tollen Schwung, danach Mendelssohns dritte Sonate (»Aus tiefer Not«) mit einem fantastischen Zug nach vorn, der Hauptsatz ein einziger Spannungsbogen. Das kriegen nur wenige so hin.
Porträtiert wurden damals die Orgeln der Kathedralen in Liverpool, York, Westminster Abbey und Cathedral, Gloucester, Coventry, Exeter, St Giles', Llandaff, Durham, Hereford, Salisbury, Norwich, Ely, Worcester, Canterbury, St Paul's, Lincoln und Chester.
Ich habe noch nicht alle Tracks hören können, aber bisher gibt es nur einen wirklichen Ausreißer nach unten. Arthur Wills versucht in Ely, den superlauten Harrison-Trombas und unbeschreiblichen Tuben alles abzuringen, und sie können's nicht geben, so sehr sie sich auch hupend mühen. Gerechterweise muss man sagen, dass die großartige Priory-Aufnahme desselben Gespanns (GEO 9) mich vorweg mehr als versöhnt. Für den EMI-Würfel leistet das einer der Bonus-Tracks: Germani in Selby Abbey lässt am Anfang von Regers »Halleluja!« eine derartige Pedalrakete steigen, dass ich's mir dreimal anhören musste, ehe ich es glaubte.
Die vierzehnte Scheibe ist eine CD-ROM und enthält vier PDF-Dateien: eine komplette Trackliste, sämtliche Dispositionen, wie sie den originalen LPs beilagen, einen Nähkästchen-Text des damaligen Produzenten Brian B. Culverhouse und einen sehr lesenswerten Kommentar von Graham Barber mit eigenem Kapitel »Tubas« – sehr interessant, wenn ein Brite darüber schreibt und durchaus seine Reserven hat.
Der ganze Würfel dokumentiert, in Klang und Interpretationen, eine spannende Umbruchzeit. Vier bescheidene Zehner ist er wert, für über 15 Stunden Musik. Wenn nach Weihnachten noch was übrig ist: hier wäre es gut angelegt.
Gruß,
Friedrich
N. B.
Ich werde von der EMI nicht dafür bezahlt. Was sie sonst so treibt, finde ich eher traurig. Aber das hier ist einmalig.