Guten Tag,
seit Anfang Januar gibt es anscheinend das komplette "l'Orgue Mystique" von Charles Tournemire in einer Einspielung von Georges Delvallée auf youtube:
http://www.youtube.com/user/TheMysticalOrgan/videos
Sind ganz tolle Sachen dabei, z.B. http://www.youtube.com/watch?v=Kx9P14YCvP4
Allerdings ist das Werk so umfangreich, daß man einige Zeit braucht, um sich zumindest einen groben Überblick zu verschaffen.
Habt Ihr Empfehlungen zu einzelnen Stücken und spielt Ihr diese Stücke in Konzert und/oder Gottesdienst?
Viel Grüße
Burkhard
Tournemire, l'Orgue Mystique
Karl-Bernhardin Kropf, Sonntag, 15. Januar 2012, 15:14 (vor 5354 Tagen) @ b.f.
...spielt Ihr diese Stücke in Konzert und/oder Gottesdienst?
Leider nicht. Sollte ich aber, denn von Instrument und Raum wäre es günstig. Es ist schon sehr gute Musik (sicherlich ist einiges "genialer" als anderes), und oft auch durch die geringe Länge der Stücke sehr konzentriert. Ein wichtiges Lehrwerk für ambitionierte Improvisatoren des französisch-spätromantischen Stils, gerade auch durch die seltsamen Farben, den reichhaltigen Gebrauch der verschiedenen Teilwerke (ist ja oft in vier Systemen notiert), und in Form und Harmonik. Man kann da gewisse "Methoden" ausmachen und, Geschick vorausgesetzt, auch nachmachen.
Die Registrierungen kommen m. E. auch gerade deutschen Orgeln entgegen, größeren zumindest, da sie schon in die "neoklassische" Richtung gehen, ähnlich wie Messiaen, Alain, Duruflé, und nicht mehr in den Schemen von Cavaillé-Coll, zumindest so, wie man sie im Ausland versteht und teilweise auch kopiert, verbleiben.
Mir persönlich ist auch eine gewisse demütige Grundhaltung in dem Werk sympathisch. Da wird als "Zwischengesang" bzw. Graduale nicht mal eben ein Chamadengewitter gezündet, wie bei manchen anderen Franzosen oder ihren Nachahmern....
Tournemire, l'Orgue Mystique
Clemens Schäfer
, Düsseldorf, Sonntag, 15. Januar 2012, 19:49 (vor 5354 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Hallo,
danke für diese treffende Darstellung und Bewertung. Eigener Stil, eigene Farben, eigene Harmonik. Sehr konzentriert, aus der Gregorianik schöpfend, kaum je auftrumpfend, überwiegend nachdenklich und kurz. So sind die Stücke der einzelnen Sonntage leider kaum für das Konzert geeignet und gehören in den Gottesdienst - genauer in die vorkonziliare Messe (T. folgt ja dem Lesungen des Kirchenjahrs vor Einführung der drei Lesejahre). Und deshalb wird das Werk wohl immer mehr dem Vergessen anheimfallen, wenn nicht irgendetwas Entscheidendes geschieht.
Gruß Clemens Schäfer
--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)
Tournemire, l'Orgue Mystique
3rd_astronaut, Sonntag, 15. Januar 2012, 20:02 (vor 5354 Tagen) @ Clemens Schäfer
Ich habe die im Eingangspost angesprochene Aufnahme und höre sie sehr gerne. Es ist eine Art von Musik, die für mich sowohl zum bewussten Hinhören als auch zur Hintergrundmusik taugt.
Ein Schritt gegen das Vergessen des Werkes ist, dass die gesamten Noten auf IMSLP verfügbar sind. So kann man blättern und schauen, was man spielen kann und mag, ohne jedes Heftchen besorgen zu müssen...
Tournemire, l'Orgue Mystique
Martin Kondziella, Montag, 16. Januar 2012, 04:21 (vor 5354 Tagen) @ 3rd_astronaut
bearbeitet von Martin Kondziella, Montag, 16. Januar 2012, 04:38
Ich habe schon ein paar Zyklen gespielt, wobei die Stücke natürlich an sich schön sind, aber erst ihre volle Wirkung entfalten, wenn die betreffende Gregorianik hinzukommt. So hatte T. das ja im Sinn.
Für mich ist das leicht, da ich in der ausserordentlichen Form des römischen Ritus arbeite.
Allerdings sollte es auch in der ordentlichen Form möglich sein, man muss sich halt ggf. die Zyklen suchen bzw. neu zusammenstellen.
Ich meine, vor Jahren hätte Prof. Depenheuer in Bonn das komplette l'Orgue Mystique in St. Elisabeth gespielt.
Sicher bin ich nicht, aber ich glaube, es war in der Liturgie.
Tournemire, l'Orgue Mystique
stein
, Montag, 16. Januar 2012, 07:42 (vor 5354 Tagen) @ Martin Kondziella
Ja, das war vor etwa 15 oder 20 Jahren. Es war irgend ein Tournemire Jubiläum.
Jeden Sonntag zwischen 40 und 60 Besucher im Hochamt.
gruss stein
Tournemire, l'Orgue Mystique
gk
, Montag, 16. Januar 2012, 07:51 (vor 5354 Tagen) @ Martin Kondziella
Ich meine, vor Jahren hätte Prof. Depenheuer in Bonn das komplette l'Orgue Mystique in St. Elisabeth gespielt.
Sicher bin ich nicht, aber ich glaube, es war in der Liturgie.
Die Suiten wurden damals sowohl in liturgischem Kontext als auch "en bloc" im Konzert aufgeführt. Dabei gab es immer kurze Infos als Hörhilfen für die Gemeinde, die somit über die verwendeten Choräle samt Texten und die musikalische Struktur der Stücke Bescheid wusste. Bei den Konzerten haben wir oft Bilder des englischen Malers Tom Walker gezeigt, der zu jedem der 51 Offizien ein Tryptichon gemalt hat. Organisatorisch involviert waren neben Depenheuer auch der Kirchenmusiker von St. Elisabeth und meine Wenigkeit (für die musikalischen Infos).
Insgesamt war das ein spannendes Projekt, dessen Resonanz in Fachkreisen allerdings stärker als in der Gemeinde war. Gestreckt wurde das Ganze übrigens auf vier Jahre , es gab nämlich nur ein Mal im Monat ein Offizium im Gottesdienst, sonst wäre es zum einen der Gemeinde wohl ein wenig viel geworden und auch Otto Depenheuer hat das als Jura-Professor in Köln ja "nur" nebenbei gemacht.
Die Musik finde ich auch heute noch sensationell. Als "Bindestrich" zwischen Franck und Messiaen wird Tournemire leider oft vergessen.
/gk
Tournemire, l'Orgue Mystique
willscher, Montag, 16. Januar 2012, 08:52 (vor 5354 Tagen) @ Clemens Schäfer
Und deshalb wird das Werk wohl immer mehr dem Vergessen anheimfallen, wenn nicht irgendetwas Entscheidendes geschieht.
Gruß Clemens Schäfer
Nein, nein. Es ist wirklich gute Musik, und seit Jahrzehnten spiele ich das in Hamburg
regelmäßig. Sooo schlecht ist Tournemire auf CDs ja nicht vertreten, und zumindest als Offertoriumsmusik, zur Kommunion oder als Nachspiel ist das ja nach wie vor hervorragend geeignet. Und auch im Konzert ist Tournemire durchaus gut vertreten. So haben/hatten ihn u.a. Robert Waters, Pierre Moreau, Wilma Jensen, Georges Delvallée, Paul Brunet, Sarah Soularue, André Isoir, George Baker, Karen Hastings, Vincent Girardot, Nathan Ensign, James Welch, Annik Chevalier, Thomas D. Schlee,, Olivier Trachier, Eugène Pelletier, Nicolas Pien, Robert King, Olivier Latry, Frédéric Desenclos, Parice Caire in ihrem Repertoire, alle höchst angesehene Organisten/Innen.
Gruß
Andreas
Tournemire, l'Orgue Mystique
b.f.
, Montag, 16. Januar 2012, 17:59 (vor 5353 Tagen) @ Clemens Schäfer
Hallo miteinander,
In Tournemires Vorwort dazu steht als abschließender Satz "Si cette nouvelle musique d'orgue vise à l'ornement des offices liturgiques principalement, elle doit pouvoir aussi trouver sa place au concert." (ist in den scans von IMSLP nicht enthalten), d.h. in etwa: erster Zweck die Zierde der Liturgie, "aber sie soll auch im Konzert ihren Platz finden können".
Also, Tournemires Segen hätte man wohl, wenn man Teile davon ins Konzertprogramm aufnehmen möchte.
Viele Grüße,
Burkhard
Tournemire, l'Orgue Mystique
tournemire, Sonntag, 22. Januar 2012, 22:23 (vor 5347 Tagen) @ b.f.
Hallo Burkhard,
als ich Tournemires "L'Orgue Mystique" vor knapp dreißig Jahren kennen gelernt habe, war das für mich wie eine Offenbarung. Klanglich absolut eigenständig, sehr persönlich in der Sprache - und im besten Sinne "dienend" (nicht zu verwechseln mit devot...)
Und ich habe im Laufe der Jahre vor allem die ruhigen, unspektakulären Teile der Offices schätzen gelernt. Nur zwei Beispiele: Prélude et Fresque aus dem Offizium zum Herz-Jesu-Fest (deshalb wohl auch von Naji Hakim seinerzeit eingespielt in Sacré-Coeur), und die Communion zum Fest Allerheiligen. Stille Musik, aber unglaublich gehaltvoll. Gesättigt von Gregorianik, selbstverständlich. Man kann das Graduale beim Zuhören aufschlagen (obwohl man darin nicht alle Motive wieder findet, zum Beispiel nicht das "Ego dormivi", dass sich wie ein roter Faden durch das gesamte "L'Orgue Mystique" zieht).
Vielleicht noch dieser Hinweis: in der (noch immer unvollendeten) Gesamteinspielung, die Sandro Müller beim Label cybele vorgelegt hat, gibt es in den Volumes 5 bis 8 gute Kommentare zu Tournemires Musik, verfasst von Laurentius Schlieker, dem Organisten der Benediktinerabtei Gerleve (inzwischen auch deren Abt...). Der hat absolut begriffen, was Tournemire mit seiner Musik über die jeweiligen Texte des Sonntags bzw. der Liturgie des Festtags aussagen wollte. Und Schliekers (oft nur kurze) Kommentare weiten den Blick bzw. das Ohr für Tournemires Klangkosmos ungemein...
Grandios sind natürlich auch Tournemires Sorties, die am ehesten Eingang gefunden haben ins "normale" Konzertrepertoire...
Gruß
Charles