Daniela Bosenius, Reinhard Kluth in St. Antonius, D-Hassels

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Dienstag, 10. Januar 2012, 13:41 (vor 5356 Tagen)

Hallo Forum,

“Im Geisterhauch tönt’s mir zurück:
Dort, wo du nicht bist, ist das Glück.”

Was Schubert in “Der Wanderer” vertont hat, ist tief pessimistisch und läßt keine Hoffnung zu. Kein Wunder, daß da nur das Wasser blieb.

“die Welt, die mag nun fahren
mit ihrer Lust und Pracht,
in ihr sind nur Gefahren,
nichts, was uns glücklich macht.”

So sang man Mitte des vergangenen Jahrhunderts in den Kirchen des Bistums Münster - meine Mutter erzählte es mit Schaudern. Das ist eine Form von Weltflucht, eine Verweigerung, Verantwortung zu übernehmen, und zugleich eine Herabwürdigung des göttlichen Schöpfungswerks.

Aber so ein Denken birgt auch Vorteile: Es ermöglicht leichter, den Tod zu akzeptieren. Und daher ist und war es wohl zu allen Zeiten vorhanden. So auch im Barock. Da verwundert der Text von BWV 170 weniger.

Mir ekelt, mehr zu leben,
drum nimm mich, Jesu, hin!
Mir graut vor allen Sünden,
laß mich dies Wohnhaus finden,
woselbst ich ruhig bin.

So lautet die Schlußarie. Und auch vorher sind die Texte in diesem Genre. Die Welt wird schlecht gemacht, damit es leichter fällt, dem Tod entgegenzugehen, ja, ihn regelrecht zu wünschen und zu lieben:

“Die Welt, das Sündenhaus,
bricht nur in Höllenlieder aus
und sucht durch Haß und Neid
des Satans Bild an sich zu tragen...”

Nun, was kann es Schöneres geben für einen Komponisten, so etwas in Szene zu setzen? Das Böse und Verderbte war schon immer interessanter als das Brave, Gerechte. Und Erhabenheit kann schnell langweilig werden. Da kommt des Satans Wirken gerade recht!

Bach jedenfalls gelingt mit dieser Solokantate (Alt) ein wunderbares Gemälde. Besonders die mittlere Arie hat es in sich. Über dünner Begleitung muß die Solistin weitgehend auf sich gestellt agieren; das ist harmonische Akrobatik vom Feinsten. Daniela Bosenius (http://www.bosenius.info/), die auch selbst eine kurze Einführung gab, sang diese Partie höchst achtbar. Und Reinhard Kluth hatte die Orgeladaption klug gestaltet. Jedenfalls kamen die Soloinstrumente (Oboen, Flöte) gut zur Geltung. Schön, daß man so ein tolles Stück zu hören bekommt.

Herb und sperrig dann Präludium und Fuge g-moll von Brahms. Gerade auf so einer wenig romantischen Orgel tritt die Modernität und die Reibungsfreudigkeit der Musik dieses “beliebten Tanzkomponisten des 19. Jahrhunderts” (Prof. Kalauers Musiklexikon) besonders deutlich zu Tage. Der ernste Brahms ist am interessantesten; und Brahms ist fast immer ernst. Schon im op. 15, erst recht in op. 34, gewiß im Requiem, den späten Klavierstücken, den Sonaten op. 120.

Anschließend sang Bosenius ausdrucksstark die vier ernsten Gesänge - wieder also ging es um Sinn und Tod - von Brahms. Auch hier eine gut hörbare Orgeltranskription, im letzen Lied erstmals am Abend mit Streichern. Eine Stunde tiefer Musik, die zum Nachdenken anregte. Ca. 40 Hörer, dankbarer Beifall. (2. Winterliches Orgelkonzert)

Gruß Clemens Schäfer

nächsten Montag, 16.01., St. Peter, Duruflé: op. 5 und Missa cum jubilo (1966), Orgel: Robert Mäuser, Leitung: Odilo KLasen, Schola des Kantorenkonvents

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)


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