OT: Stern über Bethlehem
Ihr kennt das.... in jungen Jahren lernt ihr ein Musikstück kennen, live oder von Tonträger, hört es vielleicht immer wieder, und später, mit wachsendem Überblick stellt man fest, dass es quasi allerorts auf eine sehr andere Weise interpretiert wird, und man ist irritiert und fragt sich: War die Erstbegegnungs-Version, der man nach wie vor den Vorzug gibt, ein Irrtum, und ist man nun leider drauf fixiert, oder....
"Stern über Bethlehem" werden die meisten von Euch kennen. Beim Radiobericht von den Sternsingeren beim Bundespräsidenten war es dann auch "wieder" so zu hören, wie ich es nicht kennenlernte (und auch nicht spiele/dirigiere), nämlich locker-flockig, eine Cajon und div. Blasinstrumente waren auch zu vernehmen. Tempo etwa Viertel = 112, schön sacro-gepoppt, gelegentlich (z. B. Rostocker kath. Gemeinde beim Sternsinger-Sendegottesdienst) hörte ich auch schon mal Viertel ca. 120.
Ich hörte das Stück in meinem Heimatdorf (in Kärnten, keine Ahnung, wie das Stück schon in den Anfangs-70ern** in diese österreichische Provinz kam?) von einem Chor etwa mit Viertel = 66 (verklärende Erinnerung) oder höchstens 72. Sehr spannungs- und klangvoll gesungen, hat mich das Stück als Kind/Jugendlicher sehr fasziniert.
Ich behielt es in Erinnerung, später begegnete ich zunächst wieder den Noten, machte es auch mit eigenem Chor und fand die Synkopen eben nicht als das, was man Mitte der 80er im Studium herablassend als "katholische Synkope" bezeichnete, also das Unmotiviert-anbiedernde im Rhythmus neuerer Lieder*, nein, ich fand die Synkopen im langsamen Tempo als absolut wortbezogen. Und so habe ich es zuletzt vor zwei Jahren wieder mit dem Chor gemacht, höre um mich herum aber stets die "flotte" Version, der ich mich weiterhin nicht anschließen will, obwohl ich bekanntermaßen problemlos in NGL, Gospel, Jazz etc. eintauche.
Weiß jemand, wie der Komponist (Alfred Hans Zoller, 1964) sein Stück gemeint hat?
Nun surfte ich schnell nochmal und stelle fest, dass Wikipedia einen Artikel über AHZ anbietet und auf eine deutliche Jazz-Beziehung des Kollegen hinweist. Tja, dann ist "meine" Version wohl ein Missverständnis - vielleicht werde ich sie als "Transkription" weiter pflegen!
*) nun, nach Lesen des Wiki-Artikels waren es möglicherweise doch genau solche Synkopen...seufz!
**) Mann, bin ich schon alt...
OT: Stern über Bethlehem
Ich finde das Thema sehr spannend, denn ich habe die gleichen Beobachtungen/Erfahrungen gemacht.
Ich kann aber nicht sagen, was mir besser gefällt. In Halben musiziert kann es im besten Fall fließend, im schlechteren Fall gehetzt und flach wirken. Aber das ist nicht die Antwort auf die Ausgangsfrage: Was meinte der Komponist?
OT: Stern über Bethlehem
Im Kollegenkreis diskutieren wir schon lange über das "richtige" Tempo. Ich mag es hier flott und habe heute wieder in einer Gemeinde, die es nicht so kannte, die Erfahrung gemacht, dass die Leute sehr positiv reagiert haben, vor allem die jüngeren Gemeindemitglieder. Sie erzählten mir, sie fänden es sonst eher "öde" und waren glücklich, es einmal flott singen zu dürfen. Aber ich kenne auch die andere Auffassung. Interessanterweise gibt es aber anscheinend keine "mittlere" Position.
OT: Stern über Bethlehem
Nun surfte ich schnell nochmal und stelle fest, dass Wikipedia einen Artikel über AHZ anbietet und auf eine deutliche Jazz-Beziehung des Kollegen hinweist. Tja, dann ist "meine" Version wohl ein Missverständnis - vielleicht werde ich sie als "Transkription" weiter pflegen!
Lieber Karl-Bernhardin,
der Interpret hat das Recht und auch die Pflicht, es "besser zu wissen" als der Schöpfer des Kunstwerkes!
Wie viele völlig "falschen", den "Intentionen des Autors/Komponisten/Bildhauers/Malers..." (angeblich) völlig "entgegengesetzten" Interpretationen, Inszenierungen und Analysen von Musikern, Schauspielern, Regisseuren und Kunst-/Musik-/Literaturwissenschaftlern gibt es? Und sind gerade diese nicht häufig die interessantesten, überzeugendsten oder gar prägendsten Ansätze?
Gruß
Karsten
OT: Stern über Bethlehem
Gleiches Probleme/Zweifel hege ich bei diesem Lied auch. Ich oute mich hier als ein Verfechter der flotten Jazz-Interpretation (ja, mit den pseudo-katholischen Synkopen!).
In meinen Gemeinden hat sich dieser Stil auch aufgrund jahrelanger Praxis gefestigt, aber gestern hatte ich eine Vertretung in einer mir bislang nicht bekannten Pfarre. Nach den ersten Takten musste ich erstmal 2-3 Gänge herunterschalten: Steeeern über Behleheeeeem, zeig uns den Weeeeeg....
Ich habe mir darauf hin nochmal die verschiedenen Interpretationen durch den Kopf gehen lassen und stelle fest: Der Text verlang eher die schnelle Version, sonst hat man das Gefühl, man schleicht oder kriecht zur Krippe. Ich würde mich beeilen, um das Kind in der Krippe zu sehen!
Aber vielleicht überzeugt mich hier doch noch einer von der Slow-Version!
Herzliche Grüße
Peter
OT: Stern über Bethlehem
Da lohnen sich noch ein paar Zeilen:
Also, bevor das Lied in der Gemeinde "durchhängt", würde ich es natürlich auch schnell(er) nehmen. Ich dachte eher an die Vorsingvariante durch einen Chor, der dann die enstpr. Spannung auch halten kann. Eine Gemeinde kann das von mir idealisierte Tempo wahrlich nicht ausführen. Wie gesagt, ich habe es ja auch als Chorstück, nicht Gemeindegesang, kennengelernt.
Textbezug: Das mit dem "Eilen zur Krippe" kann ja nur für die ersten drei Strophen gelten. Für den Rest kann auch mystische Feierlichkeit richtig sein.
Aber vielleicht schimmert da zuviel von der Begegnung mit O. Messiaen durch, als ich mit Bine Bryndorf und Stefan Niebler vor ca. 20 Jahren mal die Nativité mit OM vorbereiten durfte. Das von ihm verlangte Tempo - und das bei ätzend trockener Saalakustik - für die Hirtenmusik-Teile von "Les Bergers" war für unsere damalige Vorstellung uuuuunglaublich langsam. Aber er wollte es "tres melancholique".
Bei "Les Mages" wird es ähnlich gewesen sein, das erinnere ich nicht mehr so genau.
Also, diese Option steht für die Krippenszene sicher auch offen. Das muss aber mit unserem Lied hier nicht so betreffen.
Aber lästern könnte ich, dass textgemäß man in der dritten Strophe eintrifft, in der letzten Zeile der vierten man das Bleiben gelobt, aber in der ersten Zeile der fünften Strophe man doch gleich wieder zurückkehren will... Jede Tempostufe niedriger erhöht da die Glaubwürdigkeit!!!
Aber vielleicht sollte zwischen vier und fünf doch noch ein Saxophonsolo. Oder eins auf der B3... (Grüße an Andreas und Scotty!)