4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie

Friedrich @, Donnerstag, 15. Dezember 2011, 20:36 (vor 5383 Tagen)

Liebe Berliner Forenser (sind ja nicht alles Rheinländer hier!),

ich habe vor, am Sonntag das Orgelkonzert mit Els Biesemans in der Berliner Philharmonie zu besuchen. Es wird ein ganz schönes Orgel-Trompete-Programm u. a. mit Ebens »Fenstern« und Liszts »Ad nos«. Um zwölf geht's los.

Jemand dabei?

Gruß,
Friedrich

4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Donnerstag, 15. Dezember 2011, 22:03 (vor 5383 Tagen) @ Friedrich

Hallo,

ich leider nicht. Aber ich freue mich für Els Biesemans, daß sie es nach dort geschafft hat! Bin auf einen Bericht gespannt.

Gruß Clemens Schäfer

P.S. Komme gerade von einer Mahlers Vierter in Kammerbesetzung (solistische Streicher, Fl, 2 Ob., Klav, Harm, Pauke, Schlagzeug, ein Tölzer Knabe). Na, ja... Mahler auf Sparflamme.

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie

Barry Jordan, Freitag, 16. Dezember 2011, 08:12 (vor 5382 Tagen) @ Clemens Schäfer

Was ist das für eine merkwürdige Idee?

B

4. Advent: Els Biesemans in der Philharmonie

Friedrich @, Freitag, 16. Dezember 2011, 09:03 (vor 5382 Tagen) @ Barry Jordan

Was ist das für eine merkwürdige Idee?

Dürfte aus diesem Stall kommen. Das macht die Idee nicht weniger merkwürdig, aber immerhin ein bisschen älter.

Gruß,
Friedrich

OT Kammerkonzert, war: Els Biesemans

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Freitag, 16. Dezember 2011, 11:14 (vor 5382 Tagen) @ Friedrich

Hallo,

und so gab es in nämlichem Konzert auch den Faun von Debussy und Schönberg-Lieder aus dessen noch nicht zwölftöniger Zeit. Insgesamt ein zwiespältiger Eindruck, auch wenn die Lieder bestens gesungen wurden (Carol Wilson, Sopran; Mitglieder der Düsseldorfer Symphoniker, Schlingensiepen)

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

4. Advent: Els Biesemans – die Kritik

Friedrich @, Sonntag, 18. Dezember 2011, 15:58 (vor 5380 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 18. Dezember 2011, 21:59

Liebe Forenser,

nun habe ich's hinter mir, mein erstes Orgelkonzert in der Berliner Philharmonie. Ich war gespannt, ein wenig bange auch – schließlich ist man ja inzwischen anderes in Konzertsälen gewohnt als eine Schuke-Orgel aus den 1960ern. Die Künstlerin hatte ich auch noch nie gehört: Els Biesemans, geboren in Antwerpen 1978 und heute Organistin in Zürich-Wiedikon. Ihr Partner bei diesem Konzert war der Trompeter Gábor Tarkövi. Beide musizierten auf der Hauptbühne der Scharoun-Philharmonie, Biesemans vom viermanualigen Konzertspieltisch aus.

Die beiden spielten ideal zusammen: sehr genau, mit minimaler Verständigung und schönem, gemeinsamem Atem. Das wurde schon bei dem Arrangement der zweiten Wassermusik-Suite von Händel deutlich, in dem die Organistin manchmal Trompete-Cornet-Mischungen à l' Anglaise wählte, um mit dem Trompeter zu duettieren -- wobei es einen richtigen Cornet hier nicht gibt und Sesquialtera und/oder Nasat-Mischungen ihn schön vertraten.

Für die C-Dur-Triosonate von Bach nutzte Biesemans die Chororgel, die rechts und links hinter dem Orchesterpodium in zwei Schwellkästen steht. Für die Hörer war das in der philharmonischen Akustik kein Problem, für die Organistin offenbar auch nicht – sieht man davon ab, dass in ihrer freien Spielweise ein paar Ritenuti vorkamen, bei denen die Stimmen auseinandergingen, was aber auch gewollt gewesen sein kann. In den Ecksätzen benutzte Biesemans für die rechte Hand das Chororgel-HW (links, weit weg vom Hauptinstrument) jeweils mit Gemshorn 8', Oktave 4' und – im Finale – der sehr farbigen Trichterflöte 2' (vermute ich). Im Mittelsatz benutzte sie den Chororgel-HW-Prinzipal als wunderschön zeichnenden Bass, die rechte Hand vermutlich mit Prinzipal und Spillpfeife des Positivs und die linke mit einer Zunge, klang wie Dulzian, müsste dann aber all' ottava sopra gewesen sein. Oder es war Schukes Trichterregal – die, die ich gehört habe, waren jedesmal so schön und stabil, dass dem Register eigentlich legendärer Rang zustünde.

Den Choral »Lobe den Herren« von Jean Langlais spielten Biesemans und Tarkövi in einem Duo-Arrangement, was dem holzschnittartigen Langlais-Stil sehr zu Gute kam; Tarkövis singender Trompetenton beseelte die Musik sehr schön.

Dann kam Biesemans' große halbe Stunde: Liszts »Ad nos«-Fantasie. Da hatte ich Glück, dass sie gerade dieses Stück aufs Programm gesetzt hatte, denn Biesemans registrierte ungeheuer erfinderisch und fantasievoll – Ensembles, Crescendi, vor allem aber auch Soli in allen möglichen Farben. Man wunderte sich, wieviele Varianten von solistischem Prinzipalklang sie allein aus dem Schuke-Pedal herausholte! Ein Gedicht: Biesemans' Spieltechnik, die man hier bestaunen durfte. Geschmeidigkeit überall, schnelles und unaufwendiges Pedalspiel, fließende Manualwechsel, Registriermanöver und Schwellerbetätigung; die Manualzuordnung im Spieltisch nutzte sie sehr kreativ, ohne den Überblick zu verlieren. Ihr Klangkonzept war genial, sinfonisch-orchestrierend und mit viel Sinn für die Schönheiten der Schuke-Orgel. Im Adagio – und nicht nur dort – zeigte sie herrliche agogische Nuancen und fand ungeahnt transparente Farben. Spektakulärer Registrierfehler: Vor der wilden Auftakt-Tokkata zur Fuge war der Sequenzer eine Stufe zu weit, sodass nicht nur ich einen Hüpfer auf meinem Sessel tat. Biesemans wendete den Fehler gekonnt ins Musikalische: Sie spielte diesen Schock einfach aus und zog daraus die Kraft für den anschließenden Zornesausbruch. Grandios – wie überhaupt ihre Musikalität, die den Riesenschinken (auswendig!) scheinbar mühelos in musikalischen Fluss lenkte. Die Fuge dann war für sich allein ein Feuerwerk an Farben. VIele Bravos aus dem stattlichen Publikum, zweimal musste Biesemans raus.

Dabei war das noch gar nicht mal der Schlusspunkt, denn der kam mit Ebens »Fenstern«, für die Tarkövi wieder auf die Bühne kam. Mir geht Eben immer etwas herb ein, aber hier überzeugte er mich. Die beiden waren einfach zu gut, zu musikalisch, ließen die Musik zu schön atmen. Bravos, langer Applaus und eine Händel-Zugabe.

Zur Orgel: Die ist unverkennbar Karl Schuke, mit ihren kernigen Prinzipalchören, leicht knarzigen Trompeten und Posaunen, den schönen Flöten und Solozungen, dem gesunden und grundsätzlich klassischen Gesamtklang. Das bedeutet aber auch, dass sie eine klassische Dynamik hat, dass sie also die Extrembereiche meidet. Das ganz Entrückte oder das heroisch Laute kommt nicht vor. Dafür sehr schön ausintonierte Labiale, die Biesemans auch mit Wonne auskostete und die in der Konzertsaalakustik sehr klar klingen: Da macht das Zuhören schon Spaß. Wohlgemerkt: Kräftig ist die Orgel schon, und wenn ihr Tutti in einer halligen Kirche erklänge, wäre es wohl von apokalyptischer Wirkung. Hier klingt es hell, kräftig, strukturiert, aber es hat nicht diesen Drall ins Irrational-Krachende, das man von sinfonischen Orgeln kennt. Bei allem perfekt ausbalancierten Ensembleklang merkt man, dass Schukes Klangachse die 4'-Oktave ist, was ihn grundsätzlich auf eine transparentere Basis stellt. Die Zungen dominieren nicht, sondern mischen sich gleichberechtigt in den Prinzipalklang. Die Orgel kann auch dunkel klingen, aber sie bleibt dabei klassisch und hat nicht diesen schiebenden Grundstimmen-Druck, den man heute wieder liebt.

Fazit: Eine große Künstlerin mit ebenbürtigem Partner an einer sehr schönen Orgel. Ich komme wieder!

Gruß,
Friedrich

4. Advent: Els Biesemans – die Kritik

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Sonntag, 18. Dezember 2011, 20:57 (vor 5380 Tagen) @ Friedrich

Hallo Friedrich,

danke für den schönen und ausführlichen Bericht. Bei einem Faux-Pas wie hier kann einen auch als Hörer ein ganz schöner Adrenalinstoß erwischen! Ist mir auch schon passiert. Es war ein Aussteigen im letzten Satz des Schumann-Klavierkonzerts. Puh! Ganz schön aufregend so ein Moment. Nicht nur für die Beteiligten.

Aber Els Biesemans hat auch meinen Respekt - eine Künstlerin, die man im Auge behalten muß.

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

4. Advent: Els Biesemans – die Kritik

Karl-Bernhardin Kropf, Sonntag, 18. Dezember 2011, 23:00 (vor 5380 Tagen) @ Friedrich

Bei allem perfekt ausbalancierten Ensembleklang merkt man, dass Schukes Klangachse die 4'-Oktave ist, was ihn grundsätzlich auf eine transparentere Basis stellt.
Gruß,
Friedrich

Hallo Friedrich!

Vermutlich hast Du das Buch "The American Classical Organ" im Schrank, jedenfalls ist da der interessante Briefwechsel mit George D. Harrison u. a. zu finden, wo er ebenfalls mit zunehmendem "Neoklassizismus" beginnt, die Intonation und Mensuration vom 4' her aufzubauen (zunächst zur Irritation seiner Weggefährten).

Das Fehlen einer solchen "4'-Zentriertheit" dürfte den Klang unserer Rostocker Marien- Orgel gut beschreiben (und damit auch den Kern dessen, was üblicherweise als mangelhaft bewertet wird).

Schön, dass die Orgel in der Philharmonie auch wirklich genutzt wird.

4. Advent: Els Biesemans – die Kritik

Friedrich @, Montag, 19. Dezember 2011, 00:09 (vor 5380 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Vermutlich hast Du das Buch "The American Classical Organ" im Schrank, jedenfalls ist da der interessante Briefwechsel mit George D. Harrison u. a. zu finden, wo er ebenfalls mit zunehmendem "Neoklassizismus" beginnt, die Intonation und Mensuration vom 4' her aufzubauen (zunächst zur Irritation seiner Weggefährten).

… und wenn man den heutigen Angelsachsen damit kommt, reagieren sie immer noch, gelinde gesagt, befremdet, wie mich Forums-Erfahrung lehrt.

Das Fehlen einer solchen "4'-Zentriertheit" dürfte den Klang unserer Rostocker Marien- Orgel gut beschreiben (und damit auch den Kern dessen, was üblicherweise als mangelhaft bewertet wird).

Nun bin ich schon ein paar hundert Kilometer näher dran als bisher – ich hoffe, ich schaffe es mal, mir das Ganze zu Gehörgang zu führen!

Schön, dass die Orgel in der Philharmonie auch wirklich genutzt wird.

Ja, wirklich. Und rätselhaft, dass Rattle bei der Uraufführung des wirklich schlimmen »Weltethos«-Oratoriums (ja, Text von Küng – wobei die Musik von Jonathan Harvey nicht übel ist) den Orgelpart aus dem Elektronium piepsen ließ. Da war ich wirklich enttäuscht. Aber nun bin ich etwas versöhnt.

Gruß,
Friedrich

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