So geht es (meistens)

Orlos, Sonntag, 20. November 2011, 22:19 (vor 5401 Tagen)

Zum Thema Elektrik und (zu) laute Orgel darf ich vielleicht von der ziemlich neuen Göckel-Orgel in der Frankfurter Liebfrauenkirche erzählen, auf der ich heute eine Art Konzert spielen durfte. Diese Orgel wurde vor drei Jahren mit rein elektrischer Traktur neu gebaut. Leider war es draußen immer schon dunkel, so dass das Photo von Prospekt nicht brillant wurde:
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Die Orgel ist mit LED-Beleuchtung ausgestattet, deren Farbe und Helligkeit sich einstellen lässt. Für das Konzert war "mystische" Atmosphäre gewünscht:
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Die Orgel verfügt über zwei Spieltische, beide sind fahrbar. Bei den Druckknöpfen und den Fußtritten sind beide identisch gebaut, die Registerstaffeleien unterscheiden sich. Hier Bilder vom Spieltisch, der vor der Orgel auf der Empore steht:
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Auf der linken Seite sind die Grundstimmen untergebracht. Ganz links wird die fahrbare Truhenorgel ("Satellit") mit drei Registern geschaltet, die per Funk angesteuert wird.
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Leider funktioniert diese Verbindung derzeit nicht.
Auf der rechten Seite finden sich die Zungenregister und die vielen (Oktav-)Koppeln. Ganz rechts ist noch die frei ankoppelbare Tuba untergebracht. Dazu kommen noch der Liedanzeiger (oben rechts) und der Computerbildschirm (unten rechts).
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Mit einem Knopfdruck lässt sich am oberen Spieltisch auch ein elektronisches Zusatzgerät ausfahren, das ich nicht eingesetzt habe.
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Ungewohnt ist schon das Einschalten der Orgel. Da erst der Computer hochfahren muss, dauert es ca. eine Minute, bis man den ersten Ton spielen kann.
Der Spieltisch ist extrem nützlich eingerichtet. Neben 99x8x8 Setzerkombinationen nebst mehreren Vor- und Zurückschaltern gibt es Register- und Tastenfessel und zahlreiche feste Kombinationen, die ein schnelles Registrieren bei fehlender Vorbereitungszeit ermöglichen. Neben dynamischen Abstufungen ppp, pp, p, mp, mf, f, ff, fff, Tutti gibt es feste Registrierungen: Schwebungen+Flöte, Plenum, Fonds 8', Fonds 16'+8', Fonds 16'+8'+4' und Appells Anches für alle Teiilwerke. Auch die Normalkoppeln sind als Druckknöpfe unter den Manualen vorhanden. Zwei Crescendo-Walzenprogramme sind anwählbar. Bei all dem elektronischen Schnickschnack verwundert etwas die hübsche analoge Uhr rechts über dem 3. Manual.
Die Orgel besitzt zwei Schwellwerke, wobei leider eines heute nicht funktionierte, was ziemlich ärgerlich war, weil es beim Einregistrieren am Montag noch klappte und ich alle Registrierungen darauf abstimmte. Anders als viele andere Göckel-Orgeln ist das Frankfurter Instrument überhaupt nicht brutal, im Gegenteil: Alle Register sind stark auf Verschmelzungsfähigkeit hin intoniert, was ein phantastisches Crescendo ermöglicht. Mein Programm mit Rheinberger, Dienel, Merkel, Guilmant, Saint-Saens u. a. ließ sich wunderbar registrieren. Kein Register blökt heraus, auch die Mixturen mischen sich in den Gesamtklang. Der Nachteil dieser Intonation ist allerdings eine gewisse Farblosigkeit der Einzelstimmen. So habe ich schon bedeutend charakteristischere Gamben und Flöten gehört. Sehr schön sind aber die Zungen, insbesondere die herrliche Clarinette und die Zungen im Récit. Die Tuba ist nicht laut und passt sich in den Gesamtklang ein. Von einer englischen Tuba würde ich mir jedoch mehr Wirkung erhoffen.
Wolfgang hat sich mal abwertend über den hiesigen 32' geäußert. Wer die Orgel spielt, merkt schnell, dass er hier absolut hingehört, weil er den symphonischen Klang nach unten abrundet. Die Kirche ist nicht riesig, aber aufgrund der Hallenkirchen-Konstruktion mit genug Volumen für einen 32' ausgestattet. Nichts an der Orgel ist zu viel oder aufdringlich. Die Oktavkoppeln erweitern das Spektrum ungemein, zum Aufhellen nehme ich sie lieber als 4' oder 2'-Register. Viele Register sind kombiniert, zum Beispiel bestehen die Flöten 8', 4' und 2' im Pedal aus einer Reihe, ebenso die Gamben 16', 8' und 4' im 2. Manual, wobei die tiefe Oktave aus der Flûte 16' des Pedals genommen ist.
Ähnlich wie in der gerade angesprochenen Würzburger Klais-Orgel gibt es hier zwei HW-Mixturen, auch hier ist die kleinere kein Cymbel und bringt nicht viel Aufhellung.
Die elektrische Traktur passt bestens zur symphonischen Ausrichtung der Orgel, ich habe sie nicht als Mangel empfunden. Die Intonation kann sich ganz auf die Elektrik einstellen. Wenn man direkt an der Orgel steht, fällt einem beim Mixturenspiel aber auf, dass sich die Ventile sehr schnell bewegen, es gibt eine Art "plopp-Effekt", den ich von mechanischen Orgeln nicht kenne.
Genial ist die Einrichtung eines zweiten Spieltischs unten in der Nähe des Altars, von wo man die Orgel gut abhören kann. Während der Kollege den Gottesdienst von unten spielte, war mir beim Konzert der obige Spieltisch lieber. Die Verzögerung war mir schon dort bei sehr schnellen Passagen an der Grenze des Erträglichen. Ich bin halt die Mechanik gewohnt. (Am meisten Probleme macht mir die fehlende "Rückmeldung" der Tasten, die ich von mechanischen Trakturen erhalte.)
Sehr irritierend sind die technischen Probleme. Es gab einen Hänger im Pedal, was bei elektrischer Traktur nicht vorkommen muss (hier spielt die Kraft doch keine Rolle), die Funkübertragung funktionierte nicht, auch die Schwelltüren zum zweiten Manual gingen heute nicht. Man erzählte mir, manchmal höre die Orgel mitten im Gottesdienst auf zu funktionieren. Ich hatte früher schon von schlechten Erfahrungen mit elektrischen Registertrakturen erzählt, hier steigert sich das Fehlerpotential noch.
Noch ein Wort zur Kirche: Es gibt hier jeden Tag drei Messen, sonntags fünf, wobei die letzte um 20.30 Uhr stattfindet. Die Gottesdienste sind extrem gut besucht, am Sonntagabend mussten Menschen stehen, weil alle Plätze belegt waren. Die Orgel wird also sehr viel benutzt und deshalb lohnte sich die Investition in einer flexibles Instrument. Auf der Empore finden sich außerdem ein Flügel, ein Cembalo, ein Harmonium, ein Marimbaphon; es gibt mehrere Chöre. Schön, dass hier musikalisch so viel los und möglich ist.

So geht es (meistens)

Friedrich @, Sonntag, 20. November 2011, 22:32 (vor 5401 Tagen) @ Orlos

Man erzählte mir, manchmal höre die Orgel mitten im Gottesdienst auf zu funktionieren.

Der Satz alleine reicht doch schon. So ist die Anlage doch komplett inakzeptabel.

Gruß,
Friedrich

So geht es (meistens) --> Sinua

Contrebasson 32' @, Montag, 21. November 2011, 00:41 (vor 5401 Tagen) @ Friedrich

Man erzählte mir, manchmal höre die Orgel mitten im Gottesdienst auf zu funktionieren.


Der Satz alleine reicht doch schon. So ist die Anlage doch komplett inakzeptabel.

Gruß,
Friedrich

Und schon ist die Begründung gefunden, warum ein verlässliches System wie Sinua so viel Geld kostet (Kosten für die Nachrüstung in der Augustinerkirche Würzburg laut Zeitungsartikel: 60.000€).

Aber mehr möchte ich an dieser Stelle nicht sagen, nachher heißt es noch, ich würde Werbung für Sinua machen...

Gruß
Contrebasson 32'

So geht es (meistens)

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Montag, 21. November 2011, 10:37 (vor 5400 Tagen) @ Orlos

Danke für diesen detaillierten Bericht: klanglich also schön, aber technisch...

Das ist natürlich indiskutabel, wenn die Orgel so kurz nach der Weihe bereits soooo viele elektronische Defizite aufweist. Schade, scheinbar ist sie ja musikalisch mehr als zufriedenstellend...

Gruss Thomas

--
Thomas Haubrich

So geht es (meistens)

3rd_astronaut, Montag, 21. November 2011, 11:54 (vor 5400 Tagen) @ Orlos

Genial ist die Einrichtung eines zweiten Spieltischs unten in der Nähe des Altars, von wo man die Orgel gut abhören kann. Während der Kollege den Gottesdienst von unten spielte, war mir beim Konzert der obige Spieltisch lieber. Die Verzögerung war mir schon dort bei sehr schnellen Passagen an der Grenze des Erträglichen. Ich bin halt die Mechanik gewohnt. (Am meisten Probleme macht mir die fehlende "Rückmeldung" der Tasten, die ich von mechanischen Trakturen erhalte.)

Das verstehe ich jetzt nicht ganz: Du meinst die größere Strecke, die der Schall zurücklegen muss, oder? Die Verzögerung einer elektrischen Traktur durch die paar Meter merkst Du natürlich nicht...

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