elektrische Koppeln
kjz1, Sonntag, 20. November 2011, 14:14 (vor 5406 Tagen)
Liebe Foren-Gemeinde!
An die Orgelbauer hier hätte ich eine technische Frage: geplant ist ein viermanualiger Spieltisch mit mechanischer Spieltaktur. Neben einigen mechanischen gibt es auch eine Reihe von elektr. Koppeln, darunter I/P, II/P, III/P, IV/P und auch Sub- und Superkoppeln in den Manualen. Läßt man mal das Pedal ausser Acht, sind da nicht schon die Grundlagen für einen zweiten (elektrischen) Spieltisch gelegt? Oder werden elektr. Koppeln technisch völlig anders realisiert als eine Doppeltraktur?
Fragt sich,
- Karl-Josef
elektrische Koppeln
orgeltom
, Sonntag, 20. November 2011, 14:44 (vor 5406 Tagen) @ kjz1
Hallo,
elektrische Koppeln werden heute eigentlich über eine SPS Anlage Programmiert und so sind alle denkbaren Koppeln möglich, Sub,Super, Terzkoppeln usw.
Gruß
Orgeltom
--
Was sind die drei ärgsten Feinde des Musikers?
Frische Luft, helles Tageslicht und das unerträgliche Gebrüll der Vögel.
elektrische Koppeln
kjz1, Sonntag, 20. November 2011, 15:02 (vor 5406 Tagen) @ orgeltom
elektrische Koppeln werden heute eigentlich über eine SPS Anlage Programmiert und so sind alle denkbaren Koppeln möglich, Sub,Super, Terzkoppeln usw.
Und teilweise wird zur Steuerung wohl auch ein Bussystem verwendet. Gäbe es da nicht die Möglichkeit, an eine solche Anlage auch einen zweiten Spieltisch anzuschliessen?
Der Hauptaufwand dürfte doch darin liegen, dass alle Trakturzüge mit Abzugsmagneten versehen werden und die entsprechende Verkabelung angelegt wird. Ist das (plus die Steuerung über die SPS-Anlage) vorhanden, so sollte sich bei entsprechender Programmierung doch ein zweiter Spieltisch (auch nachträglich) anschliessen lassen?
Letztendlich wäre dies ja auch nur eine zusätzliche Koppel I/I, II/II, etc.
Viele Grüße,
- Karl-Josef
elektrische Koppeln
Barry Jordan, Sonntag, 20. November 2011, 16:54 (vor 5406 Tagen) @ kjz1
Abzugsmagnet ist Abzugsmagnet. Doch frage ich: warum will man wirklich einen 2. Spieltisch haben? Die Erfahrung zeigt: es wird idR einen oder den anderen benutzt!
Die Manie zum 2. Spieltisch hat, denke ich, einen einfachen Grund: es gilt immer noch in Deutschland als unanständig, eine Orgel gleich mit elektrischer Traktur bauen. So tut man als ob sie wirklich mechanisch wäre, und spielt sie doch immer elektrisch.
Mir persönlich ist eine durchweg elektrische Traktur lieber als ein mechanischer Traktur mit elektrischen Koppeln. Jeder Intonateur weiß es: die Ansprache einer Pfeife auf einer Kanzelle deren Ventil elektrisch geöffnet wird ist radikal anders als die einer mit mechanischer Betätigung. Manuel Rosales: "It's much harder to voice on electric action than on tracker". Und die Intonateure von Fisk erzählten mir apropos der Lausanner Orgel: "We had to voice all the charm out of the pipes because of the electric console". Was für eine ganze Orgel gilt, gilt auch für einen Teil: das angekoppelte Manual wird anders klingen wenn gekoppelt als wenn alleine traktiert.
LG
Barry
elektrische Koppeln
kjz1, Sonntag, 20. November 2011, 17:20 (vor 5406 Tagen) @ Barry Jordan
Abzugsmagnet ist Abzugsmagnet. Doch frage ich: warum will man wirklich einen 2. Spieltisch haben? Die Erfahrung zeigt: es wird idR einen oder den anderen benutzt!
Zunächst einmal ist nur ein Spielschrank geplant, von einem weiteren (beweglichen) Spieltisch ist mir nichts bekannt. Mir ging es erst einmal um den technischen Aspekt, ob denn durch den Einbau der elektrischen Koppeln (irgendwann später einmal) ein zweiter elektrischer Spieltisch ohne völligen Umbau des Traktursystems möglich wäre, da ja durch die elektr. Koppeln bereits ein großer Teil der Vorarbeit vorhanden ist. Und ich denke mir, dass dadurch die Option eines elektrischen Spieltisches gegeben ist.
Was ich auch nicht verstehe, wenn man durch die elektrischen Koppeln ja schon 'ein bischen schwanger' wird, warum man dann nicht den ganzen Weg hin zur elektrischen Spieltraktur geht. Sub-, Super-, Inter- und Intra-Manualkoppeln, dazu noch Transmissionen und Extensionen, ein Hochdruckwerk, aber dann bitte doch mechanische Spieltraktur. Hmmm...
Und ja, ich kann es mir gut vorstellen, dass in Deutschland die elektrische Traktur immer noch als 'unanständig' gilt. Eine 'späte Nachwehe' der Orgelbewegung? Ich weiss es auch nicht.
Viele Grüße,
- Karl-Josef
elektrische Koppeln
Friedrich
, Sonntag, 20. November 2011, 20:00 (vor 5406 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 20. November 2011, 20:25
Was ich auch nicht verstehe, wenn man durch die elektrischen Koppeln ja schon 'ein bischen schwanger' wird, warum man dann nicht den ganzen Weg hin zur elektrischen Spieltraktur geht. Sub-, Super-, Inter- und Intra-Manualkoppeln, dazu noch Transmissionen und Extensionen, ein Hochdruckwerk, aber dann bitte doch mechanische Spieltraktur. Hmmm...
Und ja, ich kann es mir gut vorstellen, dass in Deutschland die elektrische Traktur immer noch als 'unanständig' gilt. Eine 'späte Nachwehe' der Orgelbewegung? Ich weiss es auch nicht.
Ich glaube, Sie liegen da richtig. Und es gab ja auch viele gute Gründe für Schleifladen mit mechanischer Spieltraktur. Sehr lesenswert finde ich da diese beiden Artikel des verstorbenen Stephen Bicknell, von dem noch viel zu lernen gewesen wäre. Er sagt aus Orgelbauerperspektive zum Beispiel ganz klar: Mechanik und elektrische Koppeln zu synchronisieren ist unmöglich (und ich erinnere mich an einen Nachmittag als Tastenhalter am Spieltisch der Freiburger Hochschulorgel, während der unter den Pedalladen eingeklemmte Orgelbauer regulierte und fluchte, fluchte und regulierte und dann mit einem Kompromiss rausgekrochen kam, der in einem Dom nicht groß was ausmacht, im Konzertsaal allerdings hörbar bleibt). Bicknell hat unter anderem den viermanualigen Spieltisch dieser Orgel geplant, komplett mit dem rein mechanischen Koppelchassis – eine Aufgabe, von der er mit einer Mischung aus Stolz und Schaudern erzählte. Aber der Kompromiss mechanisch mit elektrischen Koppeln kam eben nicht in Frage, Punkt.
Bicknell formuliert seine Argumente aber vor allem kompromisslos musikalisch: Bei elektrischer Traktur leidet die Intonation, und sie führt in Versuchung, das Pfeifenwerk auf unmusikalische Weise zu nutzen (es verstreut aufzustellen oder durch Transmissionen und Luxuskoppeln so auszuwringen, dass es am Ende nur noch uninteressant und farblos intoniert werden kann). Das sind richtig gute Gründe, finde ich. Deswegen schweige ich auch zu den hier in letzter Zeit viel diskutierten Gaidophonen, bis ich mal eines gehört habe.
»Unanständig« ist dann vielleicht doch nicht ganz die richtige Formulierung, weil es nach verschämter Klangmode klingt. Es gibt aber gute musikalische Gründe, eine Orgel mechanisch zu bauen. Will man etwas anderes, muss man die erstmal aufwiegen. Bicknell war, wie sich aus seinen Aufsätzen und mehr noch aus seinen Piporg-L-Beiträgen herauslesen lässt, zunehmend frustriert davon, wie schnell die Musikalität – auf die es für ihn einzig ankam – geopfert wurde für ein oder zwei Register, Manuale oder Organistenegos mehr. Er zog sich irgendwann ganz aus dem Orgelbau und der Orgelwelt insgesamt zurück.
Gruß,
Friedrich
Organistenegos
BourdonCéleste, Montag, 21. November 2011, 10:26 (vor 5405 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von BourdonCéleste, Montag, 21. November 2011, 10:34
wie schnell die Musikalität – auf die es für ihn einzig ankam – geopfert wurde für ein oder zwei Register, Manuale oder Organistenegos mehr.
Zustimmung, lieber Friedrich.
Aber der von Dir verwendete Begriff "Organistenegos" wirft eine Folgefrage auf.
Was mit diesem Terminus gemeint ist, ist klar. Und in der von Dir vorgenommenen Wertung ist das auch von mir absolut zu teilen.
Jedoch: Endet die Freiheit der Kunst vor dem Organisten? Kommt es auf ein solches Ego nicht gerade an - als kunstprägender, kunstessentieller Motor?
Funktionier Kunst nicht gerade erst durch das Ego des Künstlers?
Klar kann man einwenden, dass hier ja zehntausende (zumeist öffentliche) Euros einem Künstlerego geopfert werden - aber, Achtung Gleichbehandlungsgrundsatz: Es werden in der bildenden "Kunst" ständig Millionen an öffentlichen Euros für Künstleregos "geopfert" - Geld von dem man auch Kindergärten bauen könnte, um ein bisschen zu polemisieren!
Wie ist es also mit der Freiheit der Kunst in unserem Kontext bestellt? Ist der Organist eben doch seinem Status nach kein Künstler, sondern bloßer Tondiener?
Sollten wir gar zwischen dem Lehrer Lempel mit D-Schein, dem Geltungssüchtigen mit B-Schein, dem guten und schlechten Professor und dem Starorganisten? Und wer darf das am Ende zensieren?
Und wie verhält es sich mit den Egos der übrigen Beteiligten, namentlich der Orgelbauer und Intonateure (die ja ebenfalls Künstler sind, mehr noch als Kunsthandwerker und insofern eigene Kunstfreiheitsrechte geniessen sollten) sowie der Schwachverständigen, der Denkmalschützer, der Kulturkommissionen, der Fachgremien, der Kirchengemeinden, der Kleriker, den Verwaltungsfunktionären??
Schließlich: Mit welchem Recht werden Egos früherer Künstler im oben genannten Sinne derogiert, wenn Instrumente umintoniert, umgebaut oder zerstört werden? Geniessen der Orgelbauer, der Intonateur und ggf. sogar die seinerzeit verantwortlichen Musiker nicht zumindest formalrechtlich den selben Urheberrechtsschutz wie etwa Architekten, ohne deren Zustimmung nichtmal der Eigentümer eines Gebäudes ein solches urheberrechtlich geschütztes "Werk" umgestalten oder vernichten darf?
elektrische Koppeln
Barry Jordan, Montag, 21. November 2011, 12:49 (vor 5405 Tagen) @ Friedrich
Er sagt aus Orgelbauerperspektive zum Beispiel ganz klar: Mechanik und elektrische Koppeln zu synchronisieren ist unmöglich (und ich erinnere mich an einen Nachmittag als Tastenhalter am Spieltisch der Freiburger Hochschulorgel, während der unter den Pedalladen eingeklemmte Orgelbauer regulierte und fluchte, fluchte und regulierte und dann mit einem Kompromiss rausgekrochen kam, der in einem Dom nicht groß was ausmacht, im Konzertsaal allerdings hörbar bleibt).
Das allerdings halte ich nicht für so gravierend wie oft behauptet wird, aus dem einfachen Grund, dass mechanische Koppeln auch so angelegt sind, dass sie eins nach dem anderen "feuern". Dies um eine massive Summierung des Druckpunktes zu vermeiden.
Von daher: Koppel bleibt Koppel. Gerade deswegen finde ich meine "Kowalyshynmaschinen" so toll!
LG
B
elektrische Koppeln
Karsten, Montag, 21. November 2011, 14:10 (vor 5405 Tagen) @ Barry Jordan
Er sagt aus Orgelbauerperspektive zum Beispiel ganz klar: Mechanik und elektrische Koppeln zu synchronisieren ist unmöglich (und ich erinnere mich an einen Nachmittag als Tastenhalter am Spieltisch der Freiburger Hochschulorgel, während der unter den Pedalladen eingeklemmte Orgelbauer regulierte und fluchte, fluchte und regulierte und dann mit einem Kompromiss rausgekrochen kam, der in einem Dom nicht groß was ausmacht, im Konzertsaal allerdings hörbar bleibt).
Das allerdings halte ich nicht für so gravierend wie oft behauptet wird, aus dem einfachen Grund, dass mechanische Koppeln auch so angelegt sind, dass sie eins nach dem anderen "feuern". Dies um eine massive Summierung des Druckpunktes zu vermeiden.Von daher: Koppel bleibt Koppel. Gerade deswegen finde ich meine "Kowalyshynmaschinen" so toll!
Im historischen Cembalobau werden die Koppeln von Cembali ebenfalls so reguliert, dass die Kiele die Saiten mit minimalen Verzögerungen nacheinander anreißen. Im fachjargon heißt das "staggering".
Guckstu hier: http://www.youtube.com/watch?v=VaFoFoa__uY
Beim schnellen und filigranen Cembalospiel fällt dies nicht auf und ein durchgehend leichte SPielweise wird erreicht.
Gruß
Karsten