Orgelkonzert D. Roth Christuskirche Mannheim
Hallo!
Gestern Abend war ein weiteres großes Konzert zum 100-jährigen der großen Steinmeyer-Orgel der Christuskirche Mannheim. Gastsolist war Daniel Roth, Titulaire an der großen Cavaillé-Coll-Orgel in St. Sulpice, Paris.
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Der Spieltischbereich war wieder via Videoleinwand vom Kirchenschiff aus einsehbar. Schade nur, dass die zweite Kamera für den Pedalbereich nicht optimal eingestellt war.
Die Kirche war gut besucht, über 200 Hörer dürften sich eingefunden haben. Johannes Michel begrüßte zu Beginn den Gast, der dann auch zügig los legte. Roth blätterte und registrierte selbst.
Das Programm gestaltete sich wie folgt:
Camille Saint-Saëns (1835 – 1921)
- Improvisation Nr.7 a-Moll
- Prélude et Fugue H-Dur
César Franck (1822 – 1890)
- Fantaisie in A
Charles Tournemire (1870 – 1939)
- Fantaisie-Improvisation sur »Ave Maris Stella« reconstituée par M. Duruflé
Maurice Duruflé (1902 – 1986)
- Scherzo op.2
- Fugue sur le carillon des heures de la Cathédrale de Soisson, op.12
Daniel Roth (*1942)
- IX Sicut locutus est (Récit de trompette) aus dem „Livre d’Orgue pour le Magnificat“
Marcel Dupré (1886 – 1971)
- Prélude et Fugue As-Dur op.36 Nr.2
Daniel Roth
- Improvisation über “Wachet auf, ruft uns die Stimme”
Zugabe:
Alexandre-Pierre-Francois Boëly (1785 – 1858)
- Moderato c-Moll (1817), op.44 Nr.7
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Mit überraschendem Verve und flottem Tempo begann Roth mit der Improvisation von Saint-Saens. Dies ließ vermuten, dass sich Roth angesichts der trockenen Akustik von den sonst eher breiten Tempi Abstand genommen hat. Doch weit gefehlt.
Gewohnt ruhiger ging es dann mit dem Prelude et Fugue weiter, indem die schönen Solo-Flöten gegenübergestellt wurden. Pragmatisch zeigte sich Roth zwischen Prelude et Fugue, als er ohne Rücksicht auf den Zusammenhang des Diptychons aufstand, um die Position der Sitzbank zu optimieren – „Wat mutt, dat mutt!“ Leicht und beschwingt folgte dann die Fuge, wo man sich angesichts der Pedalparts einen besseren Blick auf die Pedalklaviatur wünschte.
Beim Franck zeigte Roth seine gewohnten Qualitäten in Sachen Agogik. Interessant war, wie Roth hier (wie auch in weiteren Programmpunkten) das Fernwerk „stur“ als eigenständiges Werk der Hauptorgel und nicht als Effekt einsetzte. So konnte man beispielsweise bei den Vox humana-Passagen kein „Ziegenmeckern“ hören, sondern eine besonders zarte und lyrische.
Für französische Verhältnisse nicht zu vergleichen war hingegen die Wirkung der Schwellkästen insbesondere im ff-Bereich. Dies merkte auch Daniel Roth nach dem Konzert an: die Schwellkästen scheinen relativ dünn und bewirken Nuancen besonders gut nur bei leiseren Registrierungen – sie sind eben eher „deutsch“.
Die romantische Klangfarben, die bei Franck bereits Anklangen, wurden durch die – leider nicht sehr häufig auf Programmen auftauchende – Tournemire-Improvisation über „Ave maris stella“ noch weiter getrieben. Wie erwähnt, liegen die klanglichen Stärken der Steinmeyerin ganz besonders bei den „leisen Tönen“ und dazu passen die fast impressionistischen Klangfarben Tournemires ganz besonders. Ein wenig wurde ich hier an die im Forum diskutierte Tournemire-CD erinnert, die in einem Konzertsaal mit entsprechender Akustik aufgenommen wurde. Bei Tournemire – wie auch schon im Franck – vermisste man eine Kathedralakustik am ehesten.
Wohl dem Jahrestag (Duruflé starb vor 25 Jahren) waren die beiden Duruflé-Stücke geschuldet. Beeindruckend gespielt (vor allem das Scherzo, bei dem wieder die Flöten glänzten) wirkten sie programmdramaturgisch ein wenig überflüssig. Die Fuge profitierte jedenfalls von der glasklaren Akustik.
Das Werk aus Roths Livre d’Orgue pour le Magnificat stellte die Trompette harmonique des SW und Trompete des Fernwerks gegenüber.
Wiederum sehr virtuos wurde es dann mit dem Prélude et Fugue in As-Dur von Marcel Dupré. Kam einerseits die elektrische Traktur den erforderlichen Spieltechniken und die Akustik den polyphonen Strukturen sehr entgegen, so vermisste man doch wieder wirkungsvolle Schwelljalousien.
Daniel Roth bat Johannes Michel eine halbe Stunde vor dem Konzert um ein Thema für die Improvisation und erhielt „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Es folgten ca. 20 Minuten schwelgen in zahlreichen Klangfarben der Orgel. Ähnlich wie aus der berühmten Choralfantasie Regers bekannt, malte Roth düstere Akkordblöcke mit den Grundstimmen der Orgel, beginnend im pp auf dem Fernwerk, darunter das intensive Wummern des 32‘-Untersatzes. Cantus-firmus-Fragmente wurden auf der (durchschlagenden) Klarinette des II. Manuals eingeworfen. Gesteigert wurde das in bekannt französischer Manier zum Tutti mit majestätischem Choral im Bass, um dann wieder in die anfängliche Stimmung zurückzusinken, um die Klarinette zahlreichen Flöten im Dialog gegenüberzustellen. Flöten und Aliquotmischungen wurden dann in einem Scherzo vorgestellt, es folgte ein weiterer Toccaten-Einsatz und nach einem weiteren Schwelgen in Schwebungen und Grundstimmen dann ein furioses Finale.
Herzlicher Applaus von den Zuhörern.
Als Zugabe folgte ein kleines „Moderato“ in c-Moll von Alexandre-Pierre-Francois Boëly.
Nach dem Konzert gaben sich zahlreiche Fans und Freunde Daniel Roths auf der Empore noch ein Stell-dich-ein. In größerer Runde ging es dann in ein Lokal um die Ecke, um bei Speis und Trank den Abend ausklingen zu lassen. Mit von der Partie war u.a. auch Gregor Klein, der dem einen oder anderen von den ersten Motette-Ursina-Aufnahmen ein Begriff ist. In geselliger Runde wurde viel geplaudert und erzählt, nicht nur von Cavaillé-Coll, Paris und Saint-Sulpice.
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Von Links nach rechts: Daniel Roth, Gregor Klein, Johannes Michel.
Résumé des Abends? Ein gelungenes und interessantes Konzert, das zahlreiche Qualitäten der Orgel aufgezeigt hat. Roth hat die Orgel „verstanden“. Bemerkenswert war, mit welcher Ruhe und Gelassenheit Roth agierte.
Nervig hingegen einige benachbarte Zuhörer älteren Semesters, die meinten, durch kompetente Bemerkungen wie „Jetzt spielt er auf dem Fernwerk!“ oder „Das zwitschert aber schön!“ (Beginn der Tournemire-Improvisation) glänzen zu müssen.
Gruß
Karsten
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- 100 Jahre Steinmeyer-Orgel Christuskirche Mannheim - Karsten, 07.11.2011, 21:03
- 100 Jahre Steinmeyer-Orgel Christuskirche Mannheim - Fabian Brackhane, 08.11.2011, 10:55
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